Wissenschaftler von Fortschritten überzeugt

Corona-Pilotprojekt in Bayern: TU München geht ans Abwasser - Massenausbrüche damit verhindern?

Coronavirus: Ein Schild mit der Aufschrift "Ab hier gilt Maskenpflicht!" hängt am Eingang zur Fußgängerzone in der Innenstadt.
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Berchtesgaden: Massenausbrüche machten die Corona-Lage in Südbayern zeitweise prekär - ein Abwasser-Pilotprojekt soll das in Zukunft verhindern.

Im Berchtesgadener Land läuft ein Pilotprojekt, das hilft, Corona-Ausbrüche früh zu lokalisieren. Dafür untersucht die TU München das Abwasser des Landkreises.

Berchtesgaden – Georg Lenz hat diesen Handgriff schon unzählige Male gemacht: Der Leiter der Berchtesgadener Kläranlage entnimmt trübes Wasser und füllt es in ein kleines Röhrchen. Abwasserproben gehören für Lenz zum Alltag. Das Wasser, ob verschmutzt oder gereinigt, muss regelmäßig überprüft werden.

Diese Proben, die er zweimal pro Woche entnimmt, sind etwas Besonderes. Sie haben als Teil eines Pilotprojekts eine große Bedeutung für die Wissenschaft. Das Ziel:, darin Coronaviren* finden, die über Toiletten und das Abwassersystem in die Anlage gelangt sind. 

Corona-Projekt in Berchtesgaden läuft seit Monaten - „Anwendung hat sich voll bestätigt“

Das Projekt ist seit mehreren Monaten im Gange und wird von Jörg Drewes koordiniert, der den Lehrstuhl und die Versuchsanstalt für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München innehat. Er sagt: „Die ursprüngliche Idee der Abwasserepidemiologie für Coronaviren hat sich durch die Anwendung im Berchtesgadener Land voll bestätigt.“

Die TU München arbeitet bei dem Projekt mit dem „Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches“ zusammen. Durch die finanzielle Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und die Zusagen der Gemeinden im Berchtesgadener Talkessel, die an die Kläranlage angeschlossen sind, „konnten wir eine robuste und sensitive Methode entwickeln, Sars-CoV-2* in kommunalem Abwasser nachzuweisen“, erklärt Drewes.

Bayern: TU München testet Abwasser auf Corona - Großteil der Bevölkerung wird so erfasst

Ein Großteil der Bevölkerung werde so erfasst, im Berchtesgadener Land sind es 92 Prozent der Bürger. Die Testergebnisse geben Aufschluss über das Infektionsgeschehen, „unabhängig davon, ob sich jemand entscheidet, sich einem Test zu unterziehen“. Für die Wissenschaftler ist das eine geeignete Möglichkeit, sich einen umfassenden Überblick über den Infektionsstand in einem Landkreis zu verschaffen. Auch Menschen mit asymptomatischen Krankheitsverläufen werden bei den Wasserproben berücksichtigt.

„Wir stellen unsere Daten dem Krisenstab vor Ort direkt zur Verfügung“, sagt Jörg Drewes. Dank dieser Informationen gibt es eine Art Frühwarnsystem, das das Infektionsgeschehen in den Gemeinden abschätzbar macht – vier bis fünf Tage bevor die offiziellen Fallzahlen des Gesundheitsamtes zur Verfügung stehen. „Prinzipiell“, sagt Jörg Drewes, „lässt sich unser Konzept überall anwenden“. Allerdings muss die Logistik vor Ort geklärt sein. Im Berchtesgadener Land sind es zehn Orte, an denen zweimal pro Woche Wasser entnommen wird.

Corona-Proben aus der Toilette: Eine Probe testet direkt vier Gemeinden

Wenn Georg Lenz in der Berchtesgadener Kläranlage seine Proben entnommen und beschriftet hat, muss er ein Protokoll ausfüllen: „Biomarker Probennahme für kommunales Abwasser“ steht auf dem Blatt Papier. In der Anlage fließt das Abwasser von vier Gemeinden zusammen – aus Berchtesgaden, Schönau am Königssee, Ramsau und Bischofswiesen. Marktschellenberg hat eine eigene Abwasserreinigung. Lenz sammelt alle Proben und bringt sie nach Bad Reichenhall ins Landratsamt. Von dort gehen sie gesammelt ins Labor.

„Die Abwasserproben werden direkt nach dem Eintreffen im Labor aufbereitet“, sagt Jörg Drewes. Mittels Zentrifugation wird der Feststoffanteil von der Flüssigkeit getrennt. Die Viren werden aufkonzentriert und die viralen Nukleinsäuren automatisch isoliert und aufgereinigt. Spezifische Gene von Sars-CoV-2 werden erfasst und quantifiziert: Ein positiver Befund ist ermittelt, wenn mindestens zwei Gene bei der PCR-Analytik detektiert werden, sagt Drewes.

Coronavirus: Berchtesgadener Land für Pilotprojekt prädestiniert

Seine Kollegen in Karlsruhe bearbeiten die PCR-Proben, zweimal pro Woche wird ein Bericht mit Befunden und Einschätzungen für den Krisenstab in Reichenhall erstellt. „Wir konnten durch starke Änderungen in den Befunden im Abwasser gezielte Teststrategien anstoßen und damit den Krisenstab informieren für eine Cluster-Nachverfolgung“, sagt Drewes.

Das Berchtesgadener Land sei prädestiniert für das Pilotprojekt, weil Krisenstab und Gemeinden „organisatorisch sehr gut aufgestellt“ seien. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr unterstützt zudem. „Da konnten wir direkt mit Anwendern starten, das war einmalig“, sagt Drewes. An ein Ende des Projektes ist angesichts der dritten Infektionswelle nicht zu denken: „Wir planen, das Konzept bis Oktober fortzusetzen.“ (Kilian Pfeiffer) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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