Demjanjuk-Prozess: Wut und Tränen bei Angehörigen

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Der mutmaßliche KZ-Wachmann John Demjanjuk kommt in einem Rollstuhl sitzend in einen Verhandlungssaal des Landgerichts.

München - Viele sind hochbetagt, und einige haben ihre gesamte Familie unter den Nazis verloren. Im Prozess gegen John Demjanjuk verlangten die Angehörigen ermordeter Juden die Bestrafung des 91-Jährigen.

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Die einen wütend, die anderen den Tränen nahe und manche kühl und gefasst: In bewegenden Auftritten haben die Angehörigen ermordeter Juden am Mittwoch im Prozess gegen den mutmaßlichen Nazi-Schergen John Demjanjuk ihr Schicksal und das ihrer Angehörigen geschildert. Die teils hochbetagten Frauen und Männer, die meisten aus den Niederlanden angereist, riefen das Gericht nachdrücklich auf, Demjanjuk schuldig zu sprechen. Einige sagen, es gehe um die Wahrheit, das Strafmaß spiele keine Rolle. Andere fordern hingegen die Höchststrafe. Das wären nach deutschem Recht 15 Jahre Haft - die Staatsanwaltschaft hatte 6 Jahre verlangt.

“John Demjanjuk, wir hatten erwartet, dass Sie sich bei den Ermordeten und ihren Angehörigen hier im Gerichtssaal entschuldigen würden“, ruft Martin Haas dem 91 Jahre alten Angeklagten zu, der wie seit Prozessbeginn vor gut 16 Monaten ohne Regung, die Augen hinter seiner Sonnenbrille verborgen, auf einem Bett vor der Richterbank liegt. “Sie sind ein unehrenhafter Mensch ohne jegliche Würde“, sagt der 74-Jährige, der extra aus den USA angereist ist.

“Offenbar können Sie uns, den Nebenklägern und Opfern, nicht in die Augen sehen.“ Demjanjuk sei ein “Feigling ohne jegliche Reue“ und damals ein williger Henker der SS gewesen. “Die Baseballkappe und die Sonnenbrille können Sie nicht länger von den Verbrechen abschirmen, die sie begangen haben.“

Der gebürtige Ukrainer soll von März bis September 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von mindestens 27 900 Juden beteiligt gewesen sein. Er soll wie andere Wachmänner geholfen haben, die in Zügen zusammengepfercht ankommenden Juden in die Gaskammern zu treiben.

Mehr als ein Dutzend von über 30 Nebenklägern sind angereist, um vor Gericht zu sprechen. Rund zwei Dutzend Angehörige und Freunde begleiten sie. Viele haben Tränen in den Augen, als die Nebenkläger nacheinander ans Mikrofon treten und ihre Schicksale schildern: Als Kinder zu Waisen geworden, traumatisiert und in unterschiedlichen Familien aufgewachsen, bestimmen die Erlebnisse von damals bis heute ihr Leben.

“Ich stehe hier als einzige Überlebende der ganzen Familie“, sagt Mary Richheimer-Amstel von Leijden. Auch wenn es in der Kürze der Zeit nicht möglich sei, die ganze Tragweite zu verdeutlichen: Für sie sei es schon ein Sieg, dass es ihr möglich sei, hier zu sprechen. “Ich habe jeden Tag die Trauer dieses Verlustes zu tragen“, ruft der 79-jährige David van Huiden Demjanjuk zu. “Er sollte schon verstehen, dass meine Familie genauso wertvoll ist wie für ihn seine Familie“, ergänzt er und wiederholt den Satz zur Bekräftigung. Doch Demjanjuk rührt sich nicht.

“Im Vergleich zu der Sorte von Menschen, die an den Massenvernichtungen, von denen ich hier spreche, beteiligt waren, sind wilde Tiere sogar Kuscheltiere“, sagt der 85-jährige Robert Cohen. “Das Strafmaß, das ich vorschlagen möchte, kann nur eines sein, und zwar die Höchststrafe.“

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Anderen Nebenklägern ist nur der Schuldspruch an sich wichtig. “Aus Respekt vor meinen humanistischen Eltern ersuche ich das Gericht, gegen diesen uralten Mann, der schon neun Jahre im Gefängnis verbracht hat, seine Schuld festzustellen, ihn aber nicht zu bestrafen“, sagt der 90-jährige Jules Schelvis, der nicht einmal ein Jahr jünger ist als der Angeklagte. Er verlor 1943 seine 20 Jahre alte Frau Rachel und andere Angehörige in Sobibor. Als einer von ganz wenigen verließ er Sobibor lebend - das Lager war zur Vernichtung von Juden errichtet worden. Bis zu 250 000 Menschen sollen dort ermordet worden sein.

“Glauben Sie mir, die unermessliche Trauer über das Schicksal meiner Lieben, auch wenn es schon so lange her ist, wird mich mein weiteres Leben begleiten“, sagt Schelvis. “Was ich verlange, ist die Wahrheit über Sobibor ans Licht zu bringen und dass Gerechtigkeit geschehen wird.“ Der Holocaust dürfe sich nie mehr wiederholen.

Wütend macht die Nebenkläger, dass Demjanjuk über sein Schicksal geklagt, aber kein Wort des Mitgefühls für die Opfer gefunden habe. “Nicht ein einziges Mal hat er den Anklägern in die Augen gesehen oder wenigstens sein Mitgefühl ausgesprochen“, sagt Rob Fransman. “Das fasse ich als Beleidigung auf - als Beleidigung gegen mich und die Opfer.“

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt mahnt Demjanjuk, wegen dessen Gesundheit mehrere Verhandlungstage platzten: “Wir haben wieder mal einen Austausch des Krankenwagens veranlasst, dass Herr Demjanjuk morgen auch sicher kommt“, sagt er mit Blick auf die Klagen des 91-Jährigen über den unbequemen Transport. Er hoffe nun, dass Demjanjuk am Donnerstag gesund komme - “in dem Zutand, denn Sie außerhalb des Sitzungssaales zeigen“.

dpa

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