„Das Schlimmste, was man mit dem Garten machen kann“

Aufstand gegen Steingärten: Bayerische Stadt verbietet Garten-Trend - ein anderes Bundesland prescht voraus

Pflanzen ragen aus einem Vorgarten mit grauen und schwarzen Kieselsteinen.
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In Bayern tauchten sie in den vergangenen Jahren immer öfter auf: sogenannte Schottergärten, ganz aus Kies oder Stein, ohne Bewuchs. Doch gegen die kahlen Flächen wächst nun Widerstand.

  • In Bayern tauchten sie in den vergangenen Jahren immer öfter auf: sogenannte Schottergärten, ganz aus Kies oder Stein, ohne Bewuchs.
  • Doch gegen die kahlen Flächen wächst nun Widerstand.
  • Baden-Württemberg hat ein landesweites Verbot erlassen, in Bayern geht die Stadt Erlangen voran.


München – Der Satz ist klipp und klar formuliert: „Nicht zulässig sind insbesondere geschotterte Steingärten.“ Eine klare Ansage, die genau so nun in einer Satzung einer bayerischen Kommune steht, im fränkischen Erlangen. „Wir reden über Klimaschutz und Artenvielfalt, und so etwas hat weder etwas mit lokalem Klimaschutz, guter Luft oder gar Lebensraum zu tun“, sagt Oberbürgermeister Florian Janik (SPD). „Also war dieses Verbot nur konsequent.“

Janik ist mit dieser Einstellung nicht alleine. Auch der Bayerische Gemeindetag begrüßt die Entscheidung Erlangens: „Wir finden es gut, wenn die Gemeinden nicht nur selbst als Vorbild vorangehen, sondern auch zusätzlich sagen: Bitte pflastert Euren Garten nicht zu“, sagt ein Sprecher. „Denn im Zuge des Klimawandels (lesen Sie hier alles über Greta Thunberg*) und im Hinsicht auf das Volksbegehren finden wir alles gut, was dazu beiträgt, dass mehr Grün in die Orte kommt.“

Der Trend zum Schottergarten scheint ungebrochen

Doch der Trend zum Schottergarten scheint ungebrochen. In den vergangenen Jahren werden sie immer mehr, beobachtet Ines Mertinat vom Bayerischen Landesverband für Gartenbau und Landespflege. Schottergärten kann sie überhaupt nichts abgewinnen. „Das ist das Schlimmste, was man mit dem Garten machen kann“, sagt sie. „Darin ist kein Leben mehr möglich, der Boden ist vollkommen tot. Das ist schon dramatisch.“ Der Verband versucht, dem Trend entgegenzuwirken und seine Mitglieder zu sensibilisieren. Warum die Schottergärten so beliebt bleiben, kann sie nur vermuten: „Weil es puristisch wirkt, eine Art Lifestyle-Garten ist.“ Und weil die Besitzer darauf hoffen, dass sie damit wenig Arbeit haben – was aber ein Trugschluss ist, wie Mertinat sagt. Denn zwischen den Schottersteinen, unter denen der Boden häufig 30 Zentimeter tief abgetragen und mit Vlies oder Folie bedeckt wird, sammeln sich Moose, Algen und Saatgut. All das sei nur schwer wieder herauszubringen. Wirklich pflegeleicht seien nur Kiesgärten, bei denen der Boden nicht abgetragen und der Kies mit passenden Stauden bepflanzt wird. Die seien dann auch „voller Flower-Power“, sagt Mertinat.

Dabei ist eigentlich schon per Bayerischer Bauordnung festgelegt, wie Freiflächen auszusehen haben. Nämlich: grün. In Artikel 7 steht, dass nicht überbaute Flächen „zu begrünen oder zu bepflanzen“ sind. Sind Schottergärten also eigentlich gar nicht erlaubt? „Das ist im Prinzip richtig“, sagt ein Sprecher des Bayerischen Bauministeriums. Doch, so betont er, es folgt ja ein Zusatz: „Soweit dem nicht die Erfordernisse einer anderen zulässigen Verwendung der Flächen entgegenstehen.“ Außerdem werde ein Großteil der Bauvorhaben in Bayern vereinfacht genehmigt, also nur auf Bauplanungsrecht, Abstandsflächen und die Satzungen der Gemeinde überprüft, fügt der Sprecher hinzu. Heißt: Ob die Freiflächen grün oder grau sind, interessiert im vereinfachten Verfahren schlichtweg niemanden.

In Baden-Württemberg gilt seit August ein landesweites Schottergarten-Verbot per Naturschutzgesetz

In Erlangen hat es die Behörden nun zu interessieren. Und siehe da: Es funktioniert. „Am Anfang gab es vereinzelte Proteste“, erzählt OB Janik. Doch nun ist die Satzung ein halbes Jahr in Kraft – und die Bauherren haben sie akzeptiert. „Im Vollzug gibt es keine Schwierigkeiten“, betont Janik.

Trotzdem wäre es besser, wenn dieses Thema landesweit geregelt wäre, findet Janik. In Baden-Württemberg etwa gilt seit August ein landesweites Schottergarten-Verbot per Naturschutzgesetz. Doch solch einen Ansatz weist das Bauministerium von sich, man setze auf „ortsspezifische Lösungen anstatt auf landesweite Verbote“. Janik gefällt dagegen Baden-Württembergs Lösung, gerade weil dabei ökologisch argumentiert wird. Das ist auf kommunaler Ebene so nicht möglich. Die Stadt Erlangen musste deshalb in die Ästhetik-Schublade greifen. Das Verbot greift per Gestaltungssatzung. Also, so Janik: „Weil sie hässlich sind.“ - Nina Praun - *merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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