Marx, der Konsequente

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München - Reinhard Marx und sein Rat sind gefragt – auch beim Papst. Benedikt XVI. hat den Münchner Erzbischof in das wichtigste Beratungsgremium der Kirche berufen. Eine Auszeichnung für einen kraftvollen Kirchenmann.

Als sich am Mittwoch um 14 Uhr die dunkle Holztüre zum Schlösschen Suresnes in München-Schwabing öffnete, trat ein etwas verlegener Reinhard Marx vor die Kameras. Während der hochgewachsene Mann sonst mit durchgedrücktem Kreuz und forschem Schritt auf die Menschen zugeht, ist er diesmal etwas verhalten. Er lächelt, schaut zu Boden, faltet die Hände vor der – noch violetten – Schärpe und atmet zweimal tief durch. Bald, am 20. November, wird die farbige Binde um den Bauch hellrot sein. Kardinalsrot. Der bayerische Papst ernennt den Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz zum Kardinal.

Der handfeste Westfale steht offensichtlich noch immer unter dem Eindruck der Nachricht aus Rom, die ihn am Abend vorher erreicht hatte. Doch wer meint, diese Information hätte den Münchner Erzbischof von seinen terminlichen Pflichten abgehalten, der irrt. Pünktlich kam der Erzbischof um 10 Uhr in die Jugendkirche in der Preysingstraße, wo das Katholische Jugendsozialwerk München e. V., ein Verband der freien Wohlfahrtspflege, sein 125-jähriges Jubiläum feierte. Und der Erzbischof zelebrierte den Gottesdienst.

Andreas Burlefinger, Vorstandsvorsitzender des Vereins, hatte am Vortag Messgewänder aus der Domsakristei abgeholt. „Da wurde gemunkelt, dass der Erzbischof heute wohl zum Kardinal ernannt werden könnte.“ Burlefinger besorgte also einen passenden Blumenstrauß in den Kirchenfarben Weiß und Gelb – und mit einer hellroten Rose in der Mitte. „Das erlebt man nicht jeden Tag, dass man einem frischgebackenen Kardinal gratulieren kann.“

Ganz überraschend freilich kam die Nachricht aus Rom nicht. Schon seit einiger Zeit wurde damit gerechnet, dass der Papst den Münchner Erzbischof in den exklusivsten Zirkel der katholischen Kirche berufen könnte. Kardinäle sind die höchsten katholimanchen Orten erhebliche Konflikte mit sich bringt. Doch die Kirche fit zu machen für die Zukunft, das hat sich Reinhard Marx auf seine Fahnen geschrieben.

Darüber hinaus hat sich der frisch ernannte Kardinal auch als ausgewiesener Fachmann der katholischen Soziallehre und Wirtschaftsexperte einen Namen gemacht. Sein Bestseller „Das Kapital“ erschien vor zwei Jahren punktgenau zur weltweiten Finanzkrise. Immer wieder sorgt er mit einer dezidierten Kritik an einem ungebremsten Kapitalismus für Aufsehen. Zugleich besticht er mit einer westfälischen Bodenständigkeit und einem trockenen Humor.

In den vergangenen Monaten jedoch war ihm selten zum Lachen zumute. Der Skandal um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, die Affäre um den Amtsbruder Walter Mixa – das alles hat ihm schwer zu schaffen gemacht. Offen sprach er erst vor wenigen Wochen in einem großen Interview mit unserer Zeitung von den „schlimmsten Monaten meines Lebens“.

Doch auch diese Krisen hat er mit seiner ihm eigenen Konsequenz und Klarheit durchgestanden. Marx hatte schnell begriffen, dass die katholische Kirche die verlorene Glaubwürdigkeit nur auf Dauer zurückgewinnen kann, wenn man nichts unter den Tisch kehrt und keinen Täter schützt. Der Münchner Erzbischof ist keiner, der die Hände in den Schoß legt. Dabei eckt er auch an – und nimmt es in Kauf. Die direkte und deutliche Art des Kirchenmannes kommt nicht überall gleich gut an. Marx’ Vorgehen im Fall Walter Mixa, bei dem er mehrfach nachdrücklich darauf gedrängt hat, dass sich der umstrittene Augsburger Bischof zurückzieht, hat ihm auch Kritik eingebracht. Sogar der Papst mahnte die deutschen Bischöfe, dass sie sich gegenüber Mixa brüderlicher verhalten sollten.

Kirchenpolitisch ist Reinhard Marx eher als konservativ einzustufen. In seiner ersten Reaktion auf die Ernennung zum Kardinal lässt aber auch aufhorchen, dass er sich ausdrücklich auf das II. Vatikanische Konzil bezieht. Das Konzil, das von ultrakonservativen Kreisen als Grund für die fortschreitende Säkularisierung in Europa betrachtet wird. Hier positioniert sich Marx deutlich – denn das II. Vatikanische Konzil hat vor allem auch die Rolle der Laien gestärkt. Insofern ruhen auf dem neuen deutschen Kardinal viele Hoffnungen – in Bayern und in Deutschland.

Reaktionen auf die Kardinals-Ernennung aus Kirche und Politik

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx gehört künftig zu den 121 Papstwählern im Kardinalskollegium. Mit ihm und dem 81-jährigen Kirchenhistoriker Walter Brandmüller, der ebenfalls vom Papst zum Kardinal ernannt wird, gibt es derzeit acht deutsche Purpurträger: Paul Josef Cordes (76), Walter Kasper (77), Karl Lehmann (74/Mainz), Joachim Meisner (76/Köln), Georg Sterzinsky (74/Berlin) und Friedrich Wetter (82/emeritierter Erzbischof von München und Freising). Insgesamt beruft der Papst 24 neue Kardinäle. 11 der 20 neuen Papstwähler sind Europäer – wobei 8 römische Kurien- oder sonstige Kirchenämter bekleiden, die mit der Kardinalswürde verbunden sind. Neun neue Senatoren kommen aus Asien, Afrika und Amerika. Zur Kardinalsernennung von Reinhard Marx kamen gestern zahlreiche Glückwünsche aus Politik und Kirche. „Ich habe eigentlich nur Freude im Herzen. Ich denke, das ist ein verdienter Titel, den er jetzt erreicht hat“, sagte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. „Wir sind glücklich in der Diözese und in ganz Bayern, dass wir eine so herausragende Persönlichkeit in schwieriger Zeit haben.“ Seehofer lobte insbesondere Marx’ gesellschaftspolitisches Wirken. Marx achte sehr darauf, „dass die kleinen Leute nicht unter die Räder kommen“.

Auch die bayerischen Landtagsparteien übermittelten Glückwünsche. SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher lobte die volkswirtschaftliche und sozialethische Sachkompetenz von Marx. Dessen „starkes und überlegtes Wort“ habe in der Politik Gewicht. Dieser Einschätzung schloss sich auch sein CSU-Kollege Georg Schmid an.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, sprach von einem „wichtigen Signal“. Es sei „bedeutsam für die katholische Kirche in Deutschland, dass wiederum ein Kardinal aus der jüngeren Generation kommt“, sagte Glück.

Der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Albert Schmid, hob die Offenheit und Gesprächsbereitschaft des Münchner Erzbischofs hervor. „Der innerkirchliche Dialog, der verstärkt werden soll, eröffnet auch neue Wege zum Dialog mit der säkularisierten Gesellschaft.“ Der Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum München und Freising, Hans Tremmel, betonte die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Marx. Er beweise immer wieder seine Wertschätzung für die Laien. „Ich persönlich wünsche ihm, dass er gesund bleibt und trotz neuer Aufgaben auf Zeit zur Erholung findet. Außerdem hoffe ich, dass sein weites Herz und offenes Ohr weiterhin bei seiner Diözese bleibt.“ Die „Wir sind Kirche“-Bewegung hofft, dass Marx dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils treu bleibe. Der künftige Kardinal solle seine guten persönlichen Beziehungen zum Papst nutzen, um den „seit langem aufgestauten Reformbedarf in der römisch-katholischen Kirche anzusprechen“, meinte Sprecher Christian Weisner.

Claudia Möllers

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