Abfallwächter in Nürnberg

Sie fahnden nach unangeleinten Hunden und Müllsündern

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Der Parkwächter der städtischen Beschäftigungsgesellschaft NOA, Ertugrul Yavas (r) klärt seinen Kollegen Ronald Strecker am 21.01.2015 im Volkspark Marienberg in Nürnberg (Bayern) über die Hundezonen auf.

Nürnberg - Berge von Gelben Säcken und Sperrmüll, Hundekot und Fahrradleichen: Müll ist in fast jeder Großstadt ein Problem. In Nürnberg gehen seit mehr als zehn Jahren Langzeitarbeitslose als Abfallwächter auf Streife.

Olaf Schmidt von der städtischen Beschäftigungsgesellschaft NOA hält am 21.01.2015 in Nürnberg (Bayern) eine Dose Spritzen von Drogenabhängigen in der Hand, die im städtischen Gebiet auf dem Boden hinterlassen wurden.

Den ersten Fall haben Ronald Strecker und Ertugrul Yavas direkt nach Arbeitsbeginn: Ein junger Mann lässt in Nürnberg seinen großen Hund durch den Park tollen. „Sie wissen schon, dass hier Leinenpflicht besteht?“, spricht Yavas den Tierhalter an. Der junge Mann reagiert verständnisvoll und nimmt den Vierbeiner sofort an die Leine. „Ich versteh Sie ja“, sagt er. Mit Hundebesitzern haben Strecker und Yavas wegen Leinenpflicht und Kot am meisten zu tun. Sie suchen aber auch nach Spritzen von Drogenabhängigen und schauen auf Spielplätzen nach dem Rechten. Die beiden Langzeitarbeitslosen sind für das Nürnberger Projekt „Sauberkeit im Quartier“ unterwegs.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es die Parkwächter. Ähnliche Projekte gibt es in Wien, Hamburg und Köln. „Durch die Präsenz der Parkwächter wollen wir darauf hinwirken, dass es in den Parks nicht drunter und drüber geht“, sagt der kaufmännische Leiter vom Servicebetrieb Öffentlicher Raum (SÖR), Ronald Höfler. Und es zeige Wirkung: „Wir haben zwar keine exakten Messungen, aber am Service-Telefon haben die Beschwerden über verschmutzte Parks abgenommen.“

Ziel ist neben mehr Sauberkeit und Ordnung auch, Langzeitarbeitslosen eine regelmäßige Beschäftigung zu geben, damit sie den Anschluss an die normale Arbeitswelt nicht ganz verlieren. „Und man gibt ihnen das Gefühl, wieder etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun“, sagt Olaf Schmidt von der städtischen Beschäftigungsgesellschaft NOA, bei der das Projekt angesiedelt ist.

Strecker und Yavas, die Männer mit den blauen Jacken und den gelben Westen, streifen an diesem Tag durch den Volkspark Marienberg und den Stadtpark. Viel zu tun haben sie nicht. Die meisten Hundebesitzer haben ihre Tiere an der Leine oder nehmen sie dran, wenn sie die Aufpasser sehen. Ein Mann packt sofort artig das Plastiktütchen aus, als sein Hund mal muss. Und auch auf den Spielplätzen liegen weder Glassplitter noch Spritzen, Zigaretten oder Bierflaschen herum.

Doch das ist nicht immer so. „Im Sommer müssen wir jeden Tag um die 15 Hundehalter ansprechen“, erzählt Yavas. Der 47-Jährige ist schon im zweiten Jahr bei den Parkwächtern und weiß, wo er genau hinschauen muss. Auf einem Spielplatz sei etwa vor kurzem eine Rutsche völlig mit Kot verschmiert gewesen, berichtet Strecker. So etwas melden die 40 sogenannten Gebietsaufseher wie Strecker und Yavas. 30 andere Mitarbeiter kümmern sich dann um die Reinigung.

Es sei wichtig, beide Aufgaben zu trennen, erklärt Schmidt. Denn sonst täten viele Müllsünder die Rügen der Gebietsaufseher mit einem abfälligen „Mach doch einfach den Dreck weg“ ab. Strafen oder gar Bußgelder verhängen können die Parkwächter nicht. In schlimmsten Fall müssen sie die Polizei rufen. „Das kommt aber sehr selten vor“, berichtet Yavas.

„Das Gefährlichste an dem Job sind die Spritzen“, erzählt Strecker. Allein am vorigen Tag sammelten die Helfer in der Nähe des Hauptbahnhofs 34 Stück ein. Ansonsten brauchen die Parkwächter für ihre Aufgabe vor allem Freundlichkeit und eine gehörige Portion Frustrationstoleranz. Denn nicht jeder Hundehalter oder Müllsünder sieht ein, dass er seinen Dreck selbst weg machen muss.

Sogenannte wilde Müllablagerungen wie Haus- oder Sperrmüll, der einfach irgendwo abgestellt wird, hat in Nürnberg in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Musste die Stadt im Jahr 2007 noch 450 Kubikmeter entsorgen, war es 2011 mit 3000 Kubikmetern fast siebenmal so viel „wilder Müll“, wie SÖR-Sprecherin Ulrike Goeken-Haidl sagt. Das entspricht etwa 200 Lastwagen und kostet die Kommune knapp 300 000 Euro pro Jahr. Bundesweit gäben die Städte rund 800 Millionen Euro für die Entsorgung von „wilden Müllablagerungen“ aus. Dazu kommen in Nürnberg jährlich rund 1665 Tonnen Hundekot und fast 900 Tonnen Müll aus den städtischen Papierkörben.

„Auch die Vermüllung der öffentlichen Plätze und Wege nimmt zu“, sagt Goeken-Haidl. Den Leuten werde es zunehmend egal, wie und wo sie ihren Abfall entsorgen. Die immer beliebteren Einweg-Verpackungen etwa für Kaffee oder den schnellen Imbiss täten ihr Übriges. Der Müll sei auf jeder Bürgerversammlung Thema Nummer eins.

Manchmal rufen Bürger die Parkwächter auch an und bitten sie bei einem Spezialproblem um Hilfe: Etwa, wenn an einer Stelle ständig Berge von Gelben Säcken liegen oder immer wieder Hundekot auf dem Bürgersteig ist. „Dann gehen wir dort jeden Tag Streife“, sagt Schmidt. Immer wieder finden die Saubermänner den fraglichen Hundehalter dann auch und sprechen ihn auf das Problem an.

Für die Sauberkeit hat sich das Projekt ausgezahlt. Die Parkwächter zurück in eine reguläre Arbeit zu bringen, sei ungleich schwieriger, berichtet Schmidt. „Die meisten wollen hier gar nicht mehr weg“, denn bei den meisten Zeitarbeitsfirmen bekämen sie unterm Strich deutlich weniger. Bis zu 400 000 Euro im Jahr weist das Jobcenter der NOA für das Projekt zu. 1,25 Euro bekommen die Männer in der Stunde. Schmidt betont: „Außerdem gibt es bei uns nicht diesen Leistungsdruck wie in der freien Wirtschaft.“

dpa

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