"Der letzte seiner Zunft"

Das ist der wohl älteste Reitlehrer in Bayern

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Der Reitlehrer Gert Schwabl von Gordon in Nürnberg auf seinem Reitplatz einer Reitstunde.

Nürnberg - Gert Schwabl von Gordon hat sein Leben komplett den Pferden gewidmet. Mit 86 Jahren ist er wohl der älteste noch aktive Reitlehrer in Bayern - und sein Stil ein ganz besonderer. Wir haben ihn besucht.

„Komm treib, Leo! Wofür hast du deine Beine?“, schallt es laut durch die Reithalle. Im Unterricht bei Gert Schwabl von Gordon geht es auch mal derb zu. Einen Schüler spricht er als „Obergefreiten“ an und seine Kommandos klingen wie: „Zügel aufnehmen - jetzt wird gleich wieder scharf geschossen.“ Mit seinen 86 Jahren ist Schwabl von Gordon wohl der älteste noch aktive Reitlehrer in Bayern. Jeden Tag steht er in Reithose und mit „Chef“-Kappe ein bis zwei Stunden auf seinem Reitplatz oder in der Halle in Nürnberg und treibt seine zwei- und vierbeinigen Schüler an. „Ein Unterricht mit Geschrei und Getöse - wie sich das gehört“, sagt er.

Bis vor etwa einem halben Jahr saß der 86-Jährige noch regelmäßig selbst im Sattel. Inzwischen ist ihm das zu gefährlich, erzählt der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht. „Mit 85 reitet ja kein Mensch mehr.“ Es muss ihm schwer gefallen sein, nicht mehr aufs Pferd zu steigen. Schwabl von Gordon hat sein Leben komplett den Tieren verschrieben. Sein Haus direkt am Stall gleicht einem Museum: Jedes Fleckchen Wand hängt voller Fotos von ihm auf seinen Pferden. Eine ganze Batterie von Sporen hängt neben der Treppe, überall sind Reitstiefel, Steigbügel, Gerten oder Pferdefiguren. Kinder haben er und seine Frau Alma nicht. Und in den Urlaub ging es nur zweimal. „Wir haben alles auf das Pferd gesetzt“, sagt er. „Das Streben nach dem richtigen Reiten war der Inhalt meines Lebens.“

"In der Reiterei gibt es nichts Neues zu erfinden"

Und das richtige Reiten bestimmte für ihn die Heeresdienstvorschrift 12, kurz H.Dv.12. Diese fasste das Wissen in der Kavallerieausbildung seit dem 18. Jahrhundert zusammen - ihre Prinzipien wurden an der berühmten Kavallerieschule in Hannover gelehrt. Ziel war, die Pferde möglichst lange gesund zu erhalten. „Es ist eine Richtlinie, die nach wie vor Gültigkeit hat“, sagt Schwabl von Gordon. Von Weiterentwicklungen hält er nichts: „In der Reiterei gibt es nichts Neues zu erfinden, sondern nur das Bewährte zu bewahren.“

Unter Verweis auf den antiken Feldherrn und Pferdekenner Xenophon sieht dies Hans-Peter Schmidt, Präsident des Bayerischen Reit- und Fahrverbandes, ähnlich: „Das Reiten wird immer wieder neu erfunden, dabei gibt es seit Xenophon nichts mehr zu erfinden.“ Schmidt sagt über Schwabl: „Er weiß, was er gelernt hat und das gibt er bis heute weiter.“ Alle Kavalleristen hätten sich einen „besonderen Ton“ angewöhnt, aber „das meint er nicht böse“. Wie alle Reiter sei auch Schwabl von Gordon ein „Streiter“ und kämpfe für seine Überzeugungen.

Schüler: "Modern würde man vielleicht anders unterrichten, aber ..."

Seine Reitausbildung erhielt der 86-Jährige von seinem Vater Walter Schwabl, der fast vier Jahre lang als Bereiter und Reitlehrer an der Kavallerieschule in Hannover war. Schwabl von Gordon bewundert seinen Vater sehr. „Einen ganzen Schrank voll“ Preise habe dieser damals gewonnen und sei Vierter auf der deutschen Rangliste gewesen.

Seine Schüler sind von Schwabls klassischer Reitlehre überzeugt. Dimitri Zara etwa ist extra für vier Tage aus Berlin gekommen, um bei dem 86-Jährigen zu reiten. „Es gibt kaum noch jemanden in Deutschland, der so unterrichtet“, sagt der 43-Jährige. „Es gibt ja kaum noch Zeitzeugen.“ Der Pferde-Osteopath bedauert, dass es in der modernen Sport-Reiterei immer schneller gehen müsse - zum Nachteil der Pferde. „Früher musste ein Pferd lange gesund bleiben und auch im Straßenverkehr sicher sein. Man legte mehr Wert auf die Grundausbildung.“ Am strengen Kavallerieton des 86-Jährigen stört er sich nicht. „Er bleibt immer höflich. Modern würde man vielleicht anders unterrichten, aber er lebt das und ist das.“

Bei Schwabl von Gordon kommen die Pferde stets vor den Reitern

Auch Barbara Weinen hat nichts gegen den militärisch anmutenden Unterrichtsstil. „Es ist vielleicht gewöhnungsbedürftig“, gibt die 55 Jahre alte Rechtsanwältin zu. „Aber es hilft, weil es sehr klar ist.“ Die Reitschülerin sagt: „Hier lernt man, wirklich mit dem Hintern zu reiten und nicht mit den Händen. Es muss immer ganz korrekt sein, da gibt es kein Pardon.“

Auch im Unterricht seines Vaters herrschte ein strenges Regiment. So oft es ging, gab er seinem Sohn Stunden. Richtig los ging es für Schwabl von Gordon mit zehn Jahren. Schon mit sechs saß er zwar auf dem Pferd, aber da habe ihm das wilde Ruckeln im Trab noch eher Angst gemacht, erzählt er. Inzwischen hat er mehr als 70 Jahre Reiterleben hinter sich. Er war auf der Reit- und Fahrschule in Gotha und machte 1950 seine staatliche Reitlehrerprüfung im niedersächsischen Hoya. Auch er gewann an die 100 Schleifen auf Turnieren und seit 40 Jahren besitzt er seine eigene Reitschule in Nürnberg-Worzeldorf.

Unzählige Pferde und Reitschüler gingen durch seinen Unterricht. Sein Ziel war stets die „harmonische Einheit zwischen Reiter und Pferd“, wie er sagt. Nur dann komme die Schönheit des Tieres voll zur Geltung und der Zuschauer erlebe ein regelrechtes „Kunstwerk“. Die Pferde kämen bei Schwabl von Gordon stets vor den Reitern, sagt eine seiner Schülerinnen. Sie ist überzeugt: „Er ist der letzte seiner Zunft.“

dpa

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