Inzest-Fall: Schwieg das Dorf?

Willmersbach - Hätten die Einwohner des Dörfchens Willmersbach die schrecklichen Inzestvorwürfe früher ans Licht bringen können? Der Bürgermeister sagt es habe nur Getuschel gegeben, nichts Konkretes.

Am Mittwoch kommt die Müllabfuhr nach Willmersbach. Säuberlich aufgereiht stehen die Mülltonnen am Straßenrand, auch vor jenem Haus, in dem ein mutmaßlicher Inzesttäter gelebt hat. Der 69-Jährige sitzt derzeit in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seine Tochter mehr als 30 Jahre lang immer wieder vergewaltigt und mit ihr drei Kinder gezeugt zu haben.

Willmersbach (Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim) ist ein kleines Dorf im Aischgrund, umgeben von Karpfenteichen und Feldern. So ein Ort gilt gemeinhin als Gegenentwurf zur Anonymität der Großstadt. Jeder kennt jeden, man wohnt schon seit Jahrzehnten hier beisammen. Wie konnten also die Taten, die die Anklagebehörde dem Mann vorwirft, so lange unentdeckt bleiben? Erst eine Bewährungshelferin, die der Tochter nach einer Straftat zur Seite gestellt wurde, brachte die Ermittlungen ins Rollen

“Die Dorfgemeinschaft fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt“, sagt Bürgermeister Jürgen Mönius aus dem benachbarten Gerhardshofen. Zu seiner Gemeinde gehört Willmersbach. Ja, es habe seit Jahren Getuschel über die Familie gegeben. Aber keinen konkreten Verdacht. Zudem sei der Vater sehr aggressiv aufgetreten. Niemand habe mit der Familie etwas zu tun haben wollen, man habe Angst gehabt, sagt eine ältere Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. “Es ist schlimm genug, was da passiert ist. Aber es kann nicht sein, dass jetzt das ganze Dorf beschuldigt wird“, empört sich Mönius.

Nur schmale Straßen führen nach Willmersbach, seit Dienstagabend herrscht allerdings reger Verkehr: Aus Kleinbussen steigen Kamerateams, Journalisten schauen sich um im Ort. Am Mittwoch ist kaum ein Einheimischer auf der Straße zu sehen. Einen Supermarkt, einen Bäcker oder eine Metzgerei sucht man sowieso vergebens. Auch ein Wirtshaus fehlt, nur im Schützenhaus gibt es Gastronomie. Aber niemand sitzt auf den Stühlen und Bänken, die im Sonnenlicht glänzen. Am kleinen Feuerwehrgerätehaus steht ein Gerüst.

Schützenverein, Feuerwehr - das Vereinsleben ist rege in Willmersbach. Dass sich die Familie, deren Vater nun unter Inzestverdacht steht, kaum daran beteiligt hat, habe man ja nicht als Indiz für mögliche Straftaten hernehmen können, sagt Bürgermeister Mönius. Zumal nach außen hin ja alles in Ordnung wirkte, “das Grundstück war immer gepflegt“.

dpa

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