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„Kinder waren völlig allein“: Missbrauchsaufarbeitung

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Generalvikar Christoph Klingan
Generalvikar Christoph Klingan spricht bei einer Pressekonferenz. © Angelika Warmuth/dpa

Im Januar erschütterte eine Studie zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising die katholische Kirche. Von 497 Opfern gingen die Gutachter aus - und einem großen Dunkelfeld. In dieses fällt aber nun womöglich immer mehr Licht.

München - Die alte Frau ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: „Sie hat 70 Jahre nach dem Missbrauch erstmals darüber gesprochen“, sagt Elisabeth Dreyßig. „Viele Menschen, die Missbrauch erfahren haben, leiden ein Leben lang.“ Dreyßig arbeitet bei der Anlauf- und Beratungsstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch, die das Erzbistum München und Freising nach der Vorstellung des erschütternden Missbrauchsgutachtens im Januar eingerichtet hat. 223 Menschen haben sich ihren Angaben zufolge dort bis Anfang Juli gemeldet, darunter 93 Betroffene und sechs Angehörige.

Viele dieser Fälle waren zwar im Gutachten bereits erfasst gewesen, sagt Dreyßig. „Es waren aber auch Menschen darunter, die sich erstmalig meldeten - ausgelöst durch das Gutachten.“ Nach Angaben von Generalvikar Christoph Klingan meldeten sich nach der Vorstellung der Studie 48 weitere mögliche Betroffene beim Bistum. Inwieweit sich diese Meldungen und die Anrufer bei der Beratungsstelle überschnitten, war aber unklar.

60 Prozent der Anruferinnen und Anrufer waren den Angaben zufolge älter als 60 Jahre. 139 Anrufer waren Männer, 84 Frauen. „Nicht einmal die Eltern haben ihren Kindern geglaubt, wenn sie versucht haben, ihnen vom Missbrauch zu erzählen. Sie haben ihnen vorgeworfen, zu lügen, weil ein Pfarrer so etwas nicht mache.“

53 Prozent der Beschuldigten in den Fällen, die der Beratungsstelle genannt wurden, waren Priester, 29 Prozent Ordensleute und 11 Prozent kirchliche Mitarbeiter, darunter auch Lehrkräfte und Pädagogen in Kindergärten. „Niemand hat ihnen geglaubt“, sagt Dreyßig über die Opfer. „Diese Kinder waren völlig allein.“

Die im Januar vorgestellte, erschütternde Studie geht von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern aus - und von einem weit größeren Dunkelfeld. Außerdem ergab das Gutachten, dass Fälle sexuellen Missbrauchs über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden waren. Den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, heute Benedikt XVI., wird in dem Gutachten persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen - ebenso auch dem aktuellen Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, der sich nun bemüht zeigt, es besser zu machen.

Das Erzbistum setzt inzwischen auch auf Prävention. Seit 2018 gibt es ein verpflichtendes Schulungsprogramm für alle pastoralen Mitarbeiter, an der nach Angaben der zuständigen Stabsstellenleiterin Lisa Dolatschko-Ajjur bislang rund 90 Prozent der Angesprochenen teilgenommen haben.

Seit die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) im Jahr 2020 höhere Zahlungen für Opfer sexuellen Missbrauchs beschloss, zahlte das Erzbistum nach Angaben von Amtschefin Stephanie Herrmann insgesamt 246.000 Euro aus. Von 50 Fällen, die bei der Unabhängigen Kommission anhängig waren, die über die Zahlungen entscheidet, wurde bislang in 25 gezahlt.

Auf die Frage, ob sie die Höhe der Zahlungen von 5000 bis zu 50.000 Euro für Betroffene für angemessen hält, sagt Dreyßig: „Wenn ein Leben verpfuscht ist, ist es nie genug.“

Das Gutachten hat nach ersten Zahlen der Kommunen einen weiteren Anstieg der Kirchenaustrittszahlen zur Folge gehabt. Und bereits im vergangenen Jahr traten so viele Menschen aus der Kirche aus wie noch nie. 359.338 Katholiken kehrten bundesweit ihrer Kirche den Rücken. Das waren fast 86.600 mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019.

Auch im Erzbistum München und Freising hinterlässt das inzwischen finanziell Spuren. Die Diözese rechnet für das laufende Jahr mit einem Verlust von mehr als 32 Millionen Euro. „Hier gibt es ganz klar eine negative Entwicklung“, sagt der Erzbischöfliche Finanzdirektor Markus Reif.

Dabei brechen die Einnahmen aus Kirchensteuern - den massiven Kirchenaustritten zum Trotz - noch gar nicht so heftig ein wie befürchtet. Mit 622,6 Millionen Euro Steuereinnahmen rechnet das Bistum in diesem Jahr - rund 25 Millionen weniger als 2021. Ein weiterer Grund für das Minus sind nach Angaben Reifs höhere Kosten durch die Inflation. Amtschefin Stephanie Herrmann spricht von „massiven Kostensteigerungen im Bauunterhalt“.

Das Erzbistum will die finanziell immer angespanntere Situation durch einen „Gesamtstrategieprozess“ in den Griff kriegen und bestimmte kirchliche Angebote im Zweifel auch streichen, wenn sie nicht genug in Anspruch genommen werden. Welche das sein sollen, sei noch nicht klar, sagte Herrmann. Auch auf welche Immobilien das Erzbistum künftig verzichten kann, werde noch untersucht. Es soll dazu ein Pilotprojekt geben, wann und wo ist nach Angaben Herrmanns aber auch noch unklar.

Neben den Einnahmen aus Kirchensteuern bekam das Erzbistum im vergangenen Jahr auch noch 130 Millionen Euro öffentliche Zuschüsse, davon 63 Millionen für den Betrieb von Schulen und 13 Millionen für den Religionsunterricht an staatlichen Schulen.

Auch der Bischof wird beispielsweise aus staatlichen Geldern gezahlt. Nach Angaben Reifs laufen die Verhandlungen darüber, Zuschüsse vom Staat wie diese langsam abzulösen und nicht mehr in Anspruch zu nehmen. dpa

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