Kosovaren kämpfen gegen Einbürgerungshürden

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Der Kosovare Afrim Nura zeigt seine "Einbürgerungszusicherung". Viele Kosovaren in Bayern wollen sich einbürgern lassen.

München - Viele Kosovaren in Bayern wollen sich einbürgern lassen. Aber neben der kosovarischen Staatsbürgerschaft müssen sie im Freistaat auch die des ehemaligen Kriegsgegners Serbien ablegen - und das dauert meist lange.

In anderen Bundesländern ist die Sache einfacher.

Tim Berishaj und Afrim Nura verschickten etliche E-Mails, schrieben Petitionen oder verbrachten ihre Freizeit bei Einbürgerungsbehörden. Seit mehr als drei Jahren kämpfen die beiden Kosovaren darum, den deutschen Pass zu erhalten. Die meisten Kriterien erfüllen sie, das bestätigt ihre Einbürgerungszusicherung. Nur ein Problem gibt es noch: In Bayern müssen sie neben der kosovarischen auch die serbische Staatsbürgerschaft ablegen. Und das gestaltet sich schwierig.

Berishaj ist vor 34 Jahren in Nürnberg geboren. Er wohnt mittlerweile mit Frau und drei Kindern im benachbarten Fürth und spricht fließend deutsch. Seit 18 Jahren arbeitet er für den gleichen Arbeitgeber, hat es bis zum Vertriebsleiter geschafft. Im September 2008 beantragte er die Bestätigung seiner serbischen Staatsbürgerschaft. Diese benötigt er nur, um anschließend wieder ausgebürgert werden zu können.

“Lern serbisch“, habe man ihm am Telefon gesagt, wenn er mit den Mitarbeitern im Konsulat deutsch sprechen wollte. Da er selbst kein serbisch versteht, rufe nun sein Vater einmal pro Woche in München an, um sich nach dem Antrag zu erkundigen. Auf die Bestätigung aus Belgrad wartet er noch heute.

Nur Sachsen und Bayern bestehen auf die Ausbürgerungspflicht in diesem Fall. In den meisten anderen Bundesländern wäre eine Einbürgerung dagegen weniger problematisch. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg von 2008 kann ein Kosovo-Albaner in Deutschland auch eingebürgert werden, ohne seine bisherige Staatsangehörigkeit aufzugeben. Die Entlassung aus der serbischen Staatsbürgerschaft sei auf legale Weise praktisch nicht zu erreichen, hieß es in dem Urteil. Die Kosovaren würden in der Praxis von den serbischen Behörden diskriminiert.

Berishaj selbst hat nie im ehemaligen Jugoslawien gelebt. Wie schwierig es ist, an die nötigen Unterlagen von den serbischen Behörden zu gelangen, weiß aber auch er. “Es gibt in Serbien Rechtsanwälte, die haben sich darauf spezialisiert“, erzählt Berishaj. Für die Entlassung aus der serbischen Staatsbürgerschaft müsse man etwa 1000 Euro pro Person an Mittelsmänner bezahlen. Hinzu kommen die Kosten für die deutsche Einbürgerung, in Bayern sind das 255 Euro.

Seit 2008 ist der Kosovo von Serbien getrennt - neben Deutschland haben inzwischen mehr als 80 Staaten die Unabhängigkeit anerkannt. Viele Kosovaren sehen sich deshalb gar nicht als serbische Staatsbürger, obwohl sie rechtlich zu beiden Staaten gehören. “Ich fühle mich nicht als Serbe, habe nie in Serbien gelebt“, sagt Nura. Der 43-jährige Kosovare kam vor 20 Jahren als Student nach München und arbeitet mittlerweile als Vermögensberater bei einer Bank. “Es ist demütigend und unzumutbar, die ehemaligen Kriegsgegner um die Entlassung aus der serbischen Staatsbürgerschaft zu bitten“, sagt er.

Unterstützung erhalten die knapp 20 000 Kosovaren in Bayern seit einiger Zeit von der Opposition. Im November des vergangenen Jahres stellten Freie Wähler und SPD im Landtag einen Antrag, die Einbürgerung durch eine Verordnung zu erleichtern. CSU und FDP lehnten das jedoch ab. “Diese Bürokratisierung ist absurd“, sagte die SPD-Abgeordnete Isabell Zacharias.

Das bayerische Innenministerium hingegen beruft sich auf etwa 1600 Kosovaren in Bayern, die zwischen 2004 und 2010 aus der serbischen Staatsangehörigkeit entlassen wurden. Die Zahlen seien in den vergangenen Jahren gestiegen. 2010 kamen laut Ministerium 248 der insgesamt 12 021 eingebürgerten Menschen aus dem Kosovo. Wie viele Kosovaren die Einbürgerung in dieser Zeit beantragt haben, wird nicht erhoben.

Tim Berishaj und Afrim Nura bringt der Streit um Mehrstaatigkeit und Einbürgerung wenig. Sie können sich überlegen, ob sie mit ihren Familien in ein anderes Bundesland umziehen, um den Prozess zu beschleunigen. Bis sie tatsächlich einen deutschen Pass in den Händen halten, wird wohl noch viel Zeit vergehen.

dpa

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