Pater vor Gericht

Missbrauch in Kloster Ettal: Der letzte Prozess

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Der Prozess, der am Donnerstag beginnt, ist vermutlich der letzte im Missbrauchsskandal von Kloster Ettal. 

München/Ettal - Ab Donnerstag steht der letzte wegen Missbrauchs angeklagte Pater des Kloster Ettal vor Gericht. Damit ist dieses dunkle Kapitel des Benediktinerklosters zum Abschluss - zumindest juristisch gesehen. Ein Rückblick.

Von Beruf Priester, beschäftigt als Erzieher: Er war eine Vertrauensperson - und soll dies bei Kindern schamlos ausgenützt haben. Ein Pater im altehrwürdigen oberbayerischen Kloster Ettal hat sich jahrelang sexuell an Internatsschülern vergangen, so die Anklage. Die Fälle liegen zehn Jahre und länger zurück. Jetzt muss der 44-Jährige vor Gericht.

Fünf Jahre nach Bekanntwerden der Gewaltexzesse in dem Benediktinerkloster muss sich ein Mönch von diesem Donnerstag (22. Januar) an vor dem Münchner Landgericht verantworten. Die Anklagebehörde wirft dem inzwischen 44-Jährigen vor, sich zwischen 2001 und 2005 an zwei Buben vergangen zu haben und es in zwei weiteren Fällen versucht zu haben.

Viele Fälle sind verjährt

Die Aufdeckung einer ganzen Serie von Missbrauchsskandalen und Misshandlungen in Internatsschulen löste Anfang 2000 eine bis heute andauernde Diskussion über die Erziehungsmethoden in Heimen aus. Erst vor knapp zwei Wochen befasste sich eine ARD-Dokumentation mit Missbrauchsfällen bei den weltberühmten Regensburger Domspatzen. Für das Kloster Ettal arbeitete ein Sonderermittler die jahrzehntelangen Demütigungen von Schülern auf. Die meisten Fälle waren aber bereits verjährt, die wenigen strafrechtlich noch relevanten Fälle von sexuellem Missbrauch nahm sich die Münchner Staatsanwaltschaft vor.

So landeten auch die Vorwürfe gegen den 44-Jährigen auf dem Schreibtisch der Behörde. Der Mann war 1995 ins Kloster eingetreten. Seit dem Schuljahr 2001/2002 beschäftigte ihn die Ordensgemeinschaft als Präfekt, wie die Erzieher in Internaten auch heißen. „Die Präfekten sind jedem Schüler Ansprechpartner und Begleiter auf seinem Weg durch das Schuljahr“, heißt es auf der Internetseite des Klosters. Sie seien auch „Anlaufstelle bei persönlichen Problemen“.

Vertrauensposition ausgenützt

Diese besondere Vertrauensposition nutzte der Pater schamlos aus, so die Anklage. In seinem Präfektenzimmer und im Schlafraum einer Berghütte soll er einen 13-Jährigen im Herbst 2001 laut Anklage minutenlang unter der Unterhose gestreichelt haben. Das verängstigte Opfer stellte sich schlafend.

Im Schuljahr 2004/2005 soll der Angeklagte das freundschaftliche Verhältnis zu einem Schüler der 7. Klasse ausgenutzt haben, um sich mindestens 20 Mal an dem 14-Jährigen zu vergreifen. Der Ordensmann zog den Jugendlichen unter dem Vorwand, Bilder auf dem Computer anzuschauen, auf seinen Schoß. Nach den Ermittlungen befummelte er auch dieses Opfer jeweils minutenlang unter der Unterhose und erregte sich dabei sexuell - das Ganze immer in der Mönchskutte. Mehrmals die Woche soll er den Schüler auf diese Weise sexuell gepeinigt haben.

Auch zwei weiteren Schülern - einer gerade einmal zwölf Jahre alt - kam der Pater wohl zu nahe. Als seine Hand auch bei ihnen Richtung Unterhose wanderte, wehrten sich die Schüler jedoch, der Geistliche ließ laut Anklage von ihnen ab. Die Staatsanwaltschaft spricht von sexuell motivierten Übergriffen, sieht in den beiden Fällen aber nur versuchten sexuellen Missbrauch.

Jahrzehntelange Misshandlungen

Die dem Ordenspriester zur Last gelegten Fälle sind schlimm genug, sollten sie im Prozess erwiesen werden. Doch tischte Sonderermittler Thomas Pfister vor fünf Jahren noch weitaus brutalere sexuelle Übergriffe und Misshandlungen auf. Auf 180 Seiten beschrieb der vom Erzbistum München-Freising eingesetzte Rechtsanwalt jahrzehntelange Misshandlungen und sexuellen Missbrauch von rund 15 Mönchen an mehr als 100 Klosterschülern. Selbst ein früherer Abt soll Schutzbefohlene geschlagen und seelisch gequält haben. Laut Pfister zwang der Klostervorsteher einen Schüler, eine lebende Nacktschnecke zu essen.

Schläge waren an der Tagesordnung

Das Kloster räumte ein, dass Schläge im Internat bis in die 1990er Jahre an der Tagesordnung waren. „Es herrschte damals der absolute Terror“, schrieb ein Schüler dem Sonderermittler. Kinder mussten sich auf Befehl von Mönchen gegenseitig schlagen. Andere wurden zur Strafe auf den Gang gestellt oder in den Keller geschickt. Ein Opfer berichtete, es sei von einem Pater so lange mit einem Bambusstock geschlagen worden, bis es auf die Krankenstation kam.

Zwei Ordensleute kamen mit Bewährungsstrafen davon. Ein weiterer inzwischen gestorbener Pater bekannte in einer Art Testament, Schüler seien regelmäßig nachts bei ihm gewesen und hätten Sex mit ihm gehabt. Das Kloster entschädigte inzwischen 70 Opfer mit insgesamt 700.000 Euro. Der Mindestbetrag lag bei 5000 Euro, in Einzelfällen wurden bis zu 20.000 Euro gezahlt.

Für den Prozess vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts München II sind sieben Tage vorgesehen. Es werden zahlreiche Zeugen und Sachverständige gehört. Das Urteil soll Ende März verkündet werden.

dpa

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