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Der Appell eines Missbrauchsopfers - Betroffener
fordert von Kardinal Marx: Mehr Zuwendung für Opfer

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Von: Claudia Möllers

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Eine rote Ampel vor den Liebfrauentürmen in München.
Eine rote Ampel vor den Türmen der Liebfrauenkirche in München. © Sven Hoppe

Richard Kick ist als Kind von einem Priester missbraucht worden. Er fordert in einem Offenen Brief von Kardinal Reinhard Marx, sich um Betroffene zu kümmern.

München - Richard Kick (65), im Alter von acht bis zehn Jahren als Ministrant von einem Priester missbraucht, fordert den Münchner Kardinal Reinhard Marx* auf, seine bischöfliche Hirtenaufgabe wahrzunehmen. „Fassen Sie all Ihren Mut, öffnen Sie Ihr Herz und gehen Sie mit weit geöffneten Armen auf uns Betroffene zu“, schreibt der Unternehmer aus dem Großraum München in einem offenen Brief an Marx. Der Kardinal habe durch Untätigkeit und moralische Versäumnisse Kicks Glauben und sein Vertrauen in die Institution Kirche völlig zerstört. Der Täter sei 2019 in allen Ehren als unbescholtener Priester beerdigt worden. 2010 hatte Kick Kardinal Marx persönlich über den erlittenen Missbrauch berichtet. Wir sprachen mit ihm über seinen Brief und dessen Hintergründe.

Sie werfen Kardinal Marx vor, er habe Ihren Glauben zerstört. Was meinen Sie genau damit?

Ich war 2010 als einer der ersten Betroffenen von Kardinal Marx zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Ich hab damals auch seine Betroffenheit in seinem Gesicht gesehen. Er hat mir danach in einem Brief zugesichert, dass alles, was möglich ist, getan werde, damit das Leid der Betroffenen gelindert wird.

Das ist aber nicht geschehen?

Richtig. Danach kam von seiner Seite gar nichts mehr, trotz zahlreicher Briefe und Bitten meinerseits. Erst 2021, als ich mich zur Mitarbeit im Betroffenenbeirat gemeldet habe, gab es wieder ein Gespräch. Was nach 2010 erfolgte, war nur die Vernehmung 2011 durch den Kirchenrichter Lorenz Wolf. Damals hatte man mir zugesichert, dass man mich nach Abschluss der Untersuchung wieder informieren würde. Auch das ist nicht passiert. Als ich bis 2013 nichts gehört hatte, bin ich aus der Kirche ausgetreten. Durch meine eigene Akteneinsicht, die ich angefordert habe, konnte ich im vergangenen Herbst dann die Versäumnisse durch Kardinal Marx selber lesen. Ich konnte feststellen, wer wann was getan oder unterlassen hat.

Ein Porträtbild von Richard Kick
Missbrauchsopfer Richard Kick © Privat

Was Sie besonders erschüttert, ist die Tatsache, dass dieser Priester nicht belangt worden ist.

2019 habe ich in der Zeitung gelesen, dass dieser Mann mit Fahnenabordnungen und großem Tamtam beerdigt worden ist. Da dachte ich: Das gibt es doch nicht, dem scheint ja gar nichts passiert zu sein. Ja, und dann habe im im vergangenen Herbst selber in den Akten gelesen, warum das so war. Es gab keine Sanktionen, keine Konsequenzen. Er hat bis zuletzt sein Priesteramt ausgeübt. In Schnaitsee im Landkreis Traunstein hatte er seine erste Pfarrerstelle. Von dort hat mich jetzt ein weiterer Betroffener angerufen. Und nun zeigt sich in dem neuen Gutachten, dass Kirchenrichter Lorenz Wolf gar nicht weiterermittelt hat. Also nicht einmal untersucht hat, ob es nicht auch in anderen Einsatzorten weitere Fälle gab. Ab 2010 können weitere Kinder missbraucht worden sein – aber das hat man nie ermittelt.

Hat der Kardinal auf Ihren Brief geantwortet?

Er hat dreieinhalb Stunden später geantwortet. Er nehme meine Worte sehr ernst und werde mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versuchen, meinen eindringlichen Appell zum Handeln aufzugreifen. Er versichert mir, dass meine kritische Stimme auf diesem Weg wichtig bleibe.

Sie glauben ihm?

Wenn ich nicht daran glauben würde, dass es zusammen mit Kardinal Marx möglich ist, einen Weg der Aufarbeitung zu gehen, hätte ich als Konsequenz seinen Rücktritt gefordert.

Wie kann der Kardinal das heilen, was er an Vertrauen zerstört hat?

In vielen Telefonaten haben wir immer wieder analysiert, was die Ursache des Ganzen ist. Dass er immer der Meinung war, er ist zuständig für die Verkündigung des Glaubens – der Generalvikar, andere leitende Mitarbeiter und der Offizial würden sich um die anderen Dinge kümmern. Aber genau das ist ja nicht so eingetreten. Im Fall von Lorenz Wolf muss eine personelle Konsequenz erfolgen seitens des Kardinals. Meine Hoffnung ist, dass sich Kardinal Marx künftig nicht nur um die Glaubensverkündigung bemüht, sondern dass er sich jetzt tatsächlich in der Katastrophenbewältigung um alle Abläufe und die Fürsorge um die Betroffenen kümmert.

Können Sie sich vorstellen, dass Sie wieder eintreten?

Ich kann es mir tatsächlich vorstellen, wieder einzutreten. Es gibt einen Priester, der zu einem engen Vertrauten geworden ist – und der ebenfalls vom Missbrauch betroffen ist. Ich erlebe, dass da ein Mensch sitzt, der den Menschen zugewandt ist, der seine seelsorglichen Aufgaben sehr klar wahrnimmt. Ich habe begriffen, dass es in der katholischen Kirche sicher nicht nur Täter* gibt, sondern dass dort auch vieles geschieht, was wichtig für uns Menschen ist.

Morgen gibt Kardinal Marx eine Pressekonferenz. Was erwarten Sie?

Ich werde auch da sein und mir das aus direkter Nähe anschauen. Ich hoffe, dass er nicht nur mir einen Brief geschrieben hat und darin betont, dass er versuchen wird, den Appell zum Handeln aufzugreifen. Sondern dass er auch eine allgemeine Erkenntnis gewonnen hat durch das Gutachten und die Ereignisse der letzten Monate und Jahre. Dass ihm klar ist, dass es jetzt allerhöchste Zeit ist, die Betroffenen in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Und dass es in der Kirche Reformen geben muss. Es ist dringend notwendig, dass auch die Frauen in Kirchenämter Einzug halten. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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