„Wenn sich nicht bald was ändert ...“

München-Streik erhitzt weiter die Gemüter: OB Reiter legt nach - Klinik-Mitarbeiterin sendet bewegenden Appell

Der Warnstreik im öffentlichen Dienst erhitzt die Gemüter – auch im Stadtrat von München. In der Vollversammlung des Gremiums diskutierten die Parteien über die Wertschätzung der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst.

  • Der öffentliche Nahverkehr in München* wurde am Dienstag stark von einem Verdi-Streik beeinträchtigt.
  • Forderungen nach mehr Geld und das mitten in der Corona-Krise*? Darüber wurde auch im Stadtrat diskutiert.
  • Die Stadtkasse würde um viele Millionen Euro erleichtert werden - OB Reiter kritisiert die Gewerkschaft.

München - Auch in der Vollversammlung des Stadtrats wurde am Mittwoch über den Streik im öffentlichen Dienst diskutiert. Eine eindeutige Positionierung auf der Seite der Streikenden gab es nur von den Linken und den Freien Wählern (FW). Linke-Stadtrat Stefan Jagel wunderte sich: „Vor Wochen wurden die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes noch beklatscht, jetzt werden sie beschimpft.“ Egal, ob Busfahrer oder Klinikpersonal. Rudolf Schabl (FW) sagte: „Diese Leute gehen an ihre Grenzen und halten den Laden am Laufen.“ Die Stimmung unter den Arbeitnehmern sei mies.

Streik in München: OB Reiter kritisiert Strategie der Gewerkschaften

Vertreter von CSU und SPD verwiesen darauf, dass die Stadt die Beschäftigten in den Vorjahren mit einer neuen Arbeitsmarktzulage unterstützt habe. Zudem sei die München-Zulage verdoppelt worden. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl und sein Pendant von der SPD, Christian Müller, bezeichneten dies als großes Zeichen der Wertschätzung. Dominik Krause, Fraktionsvorsitzender der Grünen, sagte, er habe Verständnis für die Forderungen der Streikenden. Zugleich stelle sich die Frage, ob Bilder von vollen U-Bahnen oder Bussen in dieser Zeit angemessen seien.

OB Dieter Reiter (SPD) erklärte, er habe nie die Beschäftigten kritisiert, vor denen er Hochachtung habe – sondern die Strategie der Gewerkschaften. Ein Streik inmitten dieser großen Gesundheitskrise sei das falsche Signal. Eltern von Kindergartenkindern könne nicht noch mehr zugemutet werden. Reiter: „Die Gewerkschaft hätte pandemiebedingt auch andere Mittel wählen können.“

Laut Personalreferent Alexander Dietrich (CSU) würde es die Stadt rund 44 Millionen Euro kosten, sollte eine Tariferhöhung von 4,8 Prozent – wie von Verdi gefordert – zustande kommen. Die Arbeitgeberseite hat bislang kein Angebot vorgelegt. Dies soll aber Dietrich zufolge in der dritten Verhandlungsrunde am 22. Oktober erfolgen. Der städtische Personalreferent: „Ich bin zuversichtlich, dass wir dann zu einem Abschluss kommen.“ Dass im Nahverkehr gestreikt worden sei, hielt Dietrich für unverständlich, weil über diesen Berufszweig aktuell in Potsdam gar nicht verhandelt werde.

Verdi selbst nahm in sozialen Netzwerken wie Twitter Stellung und erläuterte Hintergründe - auch hier gibt es wütende Kommentare:

KH Bogenhausen: Stationsleiterin kämpft für ihre Mitarbeiter - „Wir sind am Limit!“

„Wenn sich nicht bald was ändert, wird es bei einer zweiten Corona-Welle keine Pflege mehr geben!“ Ein dramatischer Appell von Birgit Hussar (58), die seit 29 Jahren im Notfallzentrum des Klinikums Bogenhausen arbeitet. Dort leitet sie ein 50-köpfiges Team, etwa 35.000 Menschen werden hier jährlich versorgt. „Alle meine Mitarbeiter waren während der ersten Corona-Krise voll engagiert, haben auf Urlaub verzichtet und Überstunden geleistet“, sagt Hussar. „Was sie jetzt ärgert ist, dass es dafür nur wenig Wertschätzung der Arbeitgeber gibt. Wir sind am Limit.“

Auch bei der Bevölkerung sinke die Anerkennung. „Wir werden von Angehörigen übel beschimpft, wenn sie mal warten müssen.“ Die 4,8 Prozent, die die Gewerkschaft fordert, wären zumindest „ein bisserl eine Anerkennung“, findet die Stationsleiterin, die zusammen mit Verdi für ihre Kollegen kämpft. „Damit wenigstens die Basis bleibt, neue Pflegekräfte kommen ohnehin kaum noch nach, weil sie sich die hohe Belastung nicht antun wollen.“ Laut Verdi erhält eine Krankenpflegerin 2830 Euro brutto als Anfangsgehalt (ohne Zulagen). Birgit Hussars Fazit: „Dass die Patienten immer mehr werden – das ist nicht das Problem. Es müssten endlich die Rahmenbedingungen für uns Pfleger besser werden.“ *tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Birgit Hussar, die seit 29 Jahren im Notfallzentrum des Klinikums Bogenhausen arbeitet, kämpft mit Verdi für eine Tariferhöhung.

Rubriklistenbild: © Markus Götzfried

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Corona-Karte für Bayern zeigt die aktuellen Hotspots: Alle Zahlen aus Landkreisen und Städten
Corona-Karte für Bayern zeigt die aktuellen Hotspots: Alle Zahlen aus Landkreisen und Städten
17-jährige Beifahrerin stirbt bei Autounfall
17-jährige Beifahrerin stirbt bei Autounfall
Corona-Ausgangssperre: Mann filmt Polizeikontrolle in Bayern und beleidigt Söder - harte Konsequenz droht
Corona-Ausgangssperre: Mann filmt Polizeikontrolle in Bayern und beleidigt Söder - harte Konsequenz droht
Wohnwagen-Dinner im letzten Moment verboten
Wohnwagen-Dinner im letzten Moment verboten

Kommentare