Erste Hilfe für Pädophile

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Prävention: Am Freitag startet die Pädophilen-Ambulanz in Regensburg eine Hotline. 

München - In der bayernweit ersten Pädophilen-Ambulanz sollen potenzielle Sex-Täter Hilfe finden, bevor sie sich an Kindern vergreifen. In den nächsten drei Jahren können bis zu 140 Männer in einer Therapie behandelt werden. Die vermutete Zahl von Pädophilen ist allerdings weit größer.

Der Regensburger Sexualwissenschaftler Prof. Michael Osterheider sprach bei der Vorstellung der Ambulanz gestern in München Klartext. Die Zahl pädophiler Männer in Bayern gehe „in die Tausende“, sagte Osterheider. Forscher gehen davon aus, dass circa ein Prozent der Männer pädophil orientiert sind – das wären in Deutschland 300 000 Personen. Es handele sich um ein „Tabuthema“. Osterheider wird die Ambulanz für Pädophilie in Regensburg leiten. Vorbild ist die Ambulanz an der Berliner Charité, die es seit fünf Jahren gibt und die bislang mehr als 1000 Mal von potenziell Pädophilen kontaktiert wurde. 80 Anfragen kamen aus Bayern, und das zeige schon, dass auch im Freistaat ein hoher Bedarf an der Einrichtung bestehe.

Die sexualwissenschaftliche Ambulanz der Uni Regensburg ist nach Berlin und Kiel erst die dritte ihrer Art in Deutschland. Sie richtet sich an Personen, die pädophile Neigungen verspüren – vor allem an Männer, denn 95,9 Prozent der Missbrauchstäter im vergangenen Jahr waren Männer. Der Anteil pädophiler Frauen ist „verschwindend gering“, hieß es. An der Berliner Charité wurde bisher erst eine Pädophile diagnostiziert. Ein besonderes Augenmerk gilt Jugendlichen, die etwa ein Drittel der Täter stellen, wie Julia von Weiler von der Kinderschutzvereinigung „Innocence in Danger“ betonte. Der Verein begleitet das Projekt vor allem mit aufwändigen Werbekampagnen.

Pädophilie führt nicht zwangsläufig zu sexuellen Übergriffen auf Kinder, betonte Osterheider. Mit zunehmenden Alter steige die Gefahr. Es könnten sich aber sogar Männer an die Ambulanz wenden, die bislang unerkannt zum Täter geworden sind – und zwar ohne juristische Konsequenzen befürchten zu müssen, wie Justizministerin Beate Merk (CSU) klarstellte. „Anonymität und ärztliche Schweigepflicht sind die Grundpfeiler des Projekts.“ Das Justizministerium finanziert das Projekt mit jährlich 200 000 Euro. Zuvor hatten sich alle Landtagsfraktionen über die Notwendigkeit der Ambulanz verständigt. Pro Jahr gibt es etwa 40 Plätze, in den ersten drei Jahren können 120 bis 140 Männer therapiert werden. Die Abbrecherquote war in Berlin recht niedrig – zehn Prozent.

Die Kontaktaufnahme erfolgt über eine Hotline. Am Anfang steht ein sogenanntes klinisches Interview, in dem das sexuelle Verhalten abgefragt wird. Pädophilie ist nicht heilbar, kann aber lebenslang unter Kontrolle gehalten werden. Es gebe aber nur wenige qualifizierte Therapeuten, so dass Hilfesuchende oft eine „Odyssee“ erlebten. Auch übernehmen die Krankenkassen bisher nicht die Kosten für die Therapie, kritisierte Osterheider.

Die Klientel erwartet in der Regel eine mehrmonatige Psychotherapie mit wöchentlichen Gesprächen. Auch der Einsatz „triebdämpfender“ Medikamente ist an der Berliner Charité üblich. Ziel sei es, die Männer zum dauerhaften Verzicht auf sexuelle Kontakte mit Kindern zu bewegen und ihnen Empathie (Einfühlungsvermögen) in die Opferperspektive zu ermöglichen. Außerdem solle der vollständige Verzicht auf den Konsum von Kinderpornografie erreicht werden. „Die Männer müssen ihre Störung annehmen“, sagte Osterheider.

Kontakt Telefon: 0941-94 11 088 www.kein-taeter-werden-bayern.de

Dirk Walter

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