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Pfarreien suchen einen neuen Weg

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Von: Claudia Möllers

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Ein Rosenkranz in der Hand eines Priesters.
Ein Rosenkranz in der Hand eines Priesters: Wie werden Messen nach dem Missbrauchsskandal gefeiert? © Jochen Lübke

Wie geht es in der katholischen Kirche weiter, seit die Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens die Institution in heftige Turbulenzen gestürzt hat? Pfarreien sind auf der Suche nach angemessener Reaktion.

München – Lang anhaltender Applaus schallte durch die Pfarrkirche Maria Geburt in Aschaffenburg. Die gut 100 Kirchenbesucher zollten damit einer Aktion Beifall, mit der Pfarrer Markus Krauth (67) und sein Team im nördlichsten Zipfel des Bistums Würzburg auf die Erschütterung durch das Missbrauchsgutachten in München reagiert haben. Die Eucharistiefeier am Sonntag fiel aus – stattdessen wurde aus dem Gutachten vorgelesen.

Pfarrer Markus Krauth
Pfarrer Markus Krauth © Privat

„Wir können nicht einfach so weitermachen, wir müssen eine Zäsur setzen“, erklärt der Pfarrer auf Nachfrage. Man verzichte auf die Messe, die ihnen so wichtig sei, aus Solidarität mit den vom Missbrauch in der Kirche Betroffenen. Man brauche Zeit, um sich anzuschauen, in welchem Desaster die Kirche stecke. Als sich eine Frau zu Wort meldete, die von einem Geistlichen sexuell missbraucht worden ist und die Feier als Neubeginn von Kirche beschrieb, „da kamen auch mir die Tränen“, sagt der Pfarrer. Auch die beiden nächsten Sonntage soll die Messe ausfallen. Die Solidaritätsaktion an sich fand Beifall im Ordinariat. Aber es sei nicht richtig, dafür die Messe zu streichen, rüffelte der Generalvikar. Vor einer Suspendierung fürchtet sich Krauth aber nicht. „Die Autorität der Bischöfe und Generalvikare ist so geschwächt, dass sie in solchen Minimaldingen nicht mehr durchgreifen können.“

Hiltrud Schönheit, Vorsitzende des Katholikenrats in der Region München, kann verstehen, dass Pfarrgemeinden reagieren möchten. Ausgerechnet die Eucharistiefeier ausfallen zu lassen, findet sie aber schwierig. In München gab es einen Gottesdienst, wo anstelle der Predigt Gläubige gesprochen haben. „Die Variante gefällt mir besser.“ Die Katholikinnen und Katholiken müssten jetzt lauter werden, wenn es um Reformen gehe. Vom Synodalen Weg, dessen dritte Vollversammlung am Donnerstag startet, erwartet sie, dass die Bischöfe bereit sind, die Reformen voranzutreiben. „Ich hoffe, dass nach den wahnsinnigen Erschütterungen der letzten zwei Wochen bei der Mehrheit der Bischöfe endlich der entsprechende Schwung ankommt. Es ist Fünf nach zwölf.“ Dass Laien taufen, Pastoralreferenten trauen, das könnte jetzt schon geschehen. Sie fordert mehr Mut: „Wann fängt denn mal der erste Bischof in Deutschland an, Frauen zu Diakoninnen zu weihen?“ Die Bischöfe müssten mit dem entsprechenden Willen und Druck die Reformen in Rom vertreten.

Seelsorger, Pfarrgemeinderäte und Mitarbeiter in den Kirchenverwaltungen im Pfarrverband Oberschleißheim (Kreis München) sind bestürzt über Missbrauch und Vertuschung in ihrer Kirche. Wie könne man die Zugehörigkeit zu einer Institution rechtfertigen, deren Struktur Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt ungeahndet ermöglichte, fragen sie. Sie sind aber davon überzeugt, dass die Kirche nicht deckungsgleich sei mit dem erkrankten System, das sie grundlegend ablehnten. „Die Menschen, mit denen und für die wir arbeiten, sowie die guten Dinge, für die wir unsere Zeit investieren, haben es mehr denn je verdient, dass wir weitermachen.“ Auch Hiltrud Schönheit sagt trotz aller Kritik: „Ich bleibe. Wenn ich es bis jetzt ausgehalten habe, werde ich nun, wo ich erste Anzeichen sehe, dass es sich bessern kann, sicher nicht gehen. “

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