Kriegsspiele: Staatsanwalt ermittelt

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Kriegsspiele: In der Bad Reichenhaller Kaserne stellen Soldaten und Kinder Szenen aus dem Kosovokrieg nach.

Bad Reichenhall - Die Vorkomnisse beim Tag der offenen Tür in der Bad Reichenhaller Kaserne lösen bundesweit Empörung aus, die bundeswehrinternen Untersuchungen laufen. Jetzt hat auch die Staatsanwaltschaft Traunstein die Ermittlungen aufgenommen – wegen Volksverhetzung.

Der Skandal um die Ereignisse beim Tag der offenen Tür in der Bad Reichenhaller General-Konrad-Kaserne spitzt sich zu. Aufgrund neuer Bilder, die am Wochenende öffentlich wurden, und den Recherchen unserer Zeitung leitet die Traunsteiner Staatsanwaltschaft nun Vorermittlungen ein. Die Bilder hatten Jugendliche gezeigt, die bei der Veranstaltung Ende Mai unter Anleitung von Gebirgsjägern mit Sturmgewehren und Handfeuerwaffen hantierten.

Kriegsspiele für Kinder in Reichenhaller Kaserne

„Wir gehen dem Verdacht der Volksverhetzung und dem Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz nach“, sagte Andreas Miller, Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein gestern. Nach einer ersten Begutachtung der Fotos durch einen Waffendezernenten sieht die Behörde in Traunstein ein Offizialdelikt vorliegen. Das heißt, es ist kein Strafantrag nötig, die Ermittlung erfolgt von Amts wegen. „Dabei spielt es keine Rolle, ob die Waffen geladen waren oder nicht“, sagte Miller. Wegen Volksverhetzung ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil laut Miller der Verdacht einer „negativen Gesinnung“ vorliege. Auch im Büro von Hellmut Königshaus, dem Wehrbeauftragten des Bundestags, ist man alarmiert. Königshaus war gestern nicht persönlich zu sprechen, auf Anfrage unserer Zeitung sagte aber ein Sprecher, dass der Wehrbeauftragte seit Montag in die Ermittlungen des Heeresführungskommandos eingebunden ist.

Neu war im Berliner Büro allerdings, dass sich neben der bundeswehrinternen Ermittlungskommission nun auch die Staatsanwaltschaft in den Fall eingeschaltet hat. Das Büro des Wehrbeauftragten begrüßt eine Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, verweist jedoch auf die Ermittlungen des Heeresführungskommandos: „Sollte eine strafrechtliche Ermittlung folgenlos verlaufen, wird definitiv ein disziplinarer Überhang bleiben“, hieß es. „Die Bilder sprechen eine klare Sprache. Da hat jemand scheinbar nicht zu Ende gedacht.“

Unter anderem wurde die Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall mit der Untersuchung beauftragt. Ein Krähen-Syndrom, bei dem keine Krähe der anderen das Auge auspicke, befürchte man im Büro des Wehrbeauftragten aber nicht. Eine objektive Untersuchung sei sichergestellt.

Der Skandal hat auch die außenpolitische Ebene erreicht: Vilson Mirdita, der Botschafter des Kosovo, sagte gegenüber dem Münchner Merkur: „Der kosovarische Außenminister wird bei seinem Besuch am Donnerstag in Berlin auch den Vorfall in der Bad Reichenhaller Kaserne ansprechen.“ Man habe den Minister am Wochenende unterrichtet, hieß es aus der kosovarischen Botschaft in Berlin.

Bereits am 28. Mai hatten die Gebirgsjäger in Bad Reichenhall einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Dazu bauten die Soldaten ein kriegsversehrtes Miniatur-Dorf aus Holz nach und gaben ihm den Namen „Klein-Mitrovica“. Kinder legten unter Anleitung der Soldaten auf das Dorf an. Anders als zunächst bekannt, handelte es sich bei den Waffen nicht um einfache Attrappen, sondern um Zielerfassungssysteme von echten Panzerfäusten. Dies teilte der Sprecher des Heereskommandos, Siegfried Stuben, mit.

Die Stadt Mitrovica gibt es tatsächlich im Kosovo, sie heißt heute Kosovska Mitrovica. Seit dem Zweiten Weltkrieg war sie immer wieder Schauplatz von blutigen Auseinandersetzungen. Der SS unterstellt verübten die Bad Reichenhaller Gebirgsjäger in dem Ort auf der Suche nach Partisanen Massaker an der Bevölkerung. Ab 1999 waren die „Jager“ als Teil der KFOR-Truppen wieder dort stationiert: Sie waren anwesend, als Roma von Serben und Albanern ermordet wurden.

Patrick Wehner

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