Bayer wandelt auf Kubricks Spuren

Über Amazon nach Hollywood: Regensburger Regisseur verfilmt Schiller - und greift aktuelles Thema auf

Geknebelt und gefesselt : Damon (Alexander Prince Osei) wird in dem Kurzfilm „Bail“ gefangen gehalten.
+
Geknebelt und gefesselt : Damon (Alexander Prince Osei) wird in dem Kurzfilm „Bail“ gefangen gehalten. Der Filmemacher Andy Sturm hat Schillers „Bürgschaft“ um das Thema Rassismus erweitert.

Als Vertriebler in der Modebranche hat er angefangen. Jetzt will der Regensburger Andy Sturm als Regisseur durchstarten. Sein Erstlingswerk vereint Literatur und Moderne.

München/Regensburg – Mitten in der Corona-Krise wagt der 28-jährige Regensburger Andy Sturm einen Schritt ins Ungewisse. Der Filmliebhaber hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Bei seinem Erstlingswerk hat sich der frisch gebackene Autorenfilmer – also Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion – an einen Klassiker der deutschen Literatur herangewagt: die Bürgschaft von Friedrich Schiller. Mit welchen Herausforderungen er zu kämpfen hatte und ob er am Ende seinen Vorbildern aus Hollywood gerecht wurde, verrät er im Interview.

Sie haben mit Ihrem Kurzfilm „Bail“ (zu deutsch Kaution) beruflich neue Wege betreten. Haben Sie davor schon Erfahrungen im Filmgeschäft gesammelt?
Sturm: Überhaupt nicht. Ich habe davor in Regensburg* Betriebswirtschaft studiert und anschließend für verschiedene Modehäuser im Vertrieb gearbeitet. Das war mir aber zu unkreativ. Ich habe mich deshalb auf meine Leidenschaften zurückbesonnen und mich als Fotograf selbstständig gemacht.
Wäre dann der Job des Mode-Fotografen nichts für Sie gewesen?
Sturm: Ich habe tatsächlich einige modische Strecken fotografiert. Aber am Ende ist man nur der, der den Auslöser drückt. Der Job ist nicht so kreativ, wie man vielleicht denkt. Denn Creative-Direktoren und die Marken selbst schränken einen da schon ein. Nur eine Handvoll Leute können als Modefotografen schalten und walten, wie sie wollen.

Corona hatte auf die Dreharbeiten nur bedingt einen Einfluss

Wenn Sie also ohne Erfahrung an das Projekt herangegangen sind, wie lange hat es dann bis zum fertigen Film gedauert?
Sturm: Mit dem Schreiben des Drehbuchs habe ich im Januar 2019 begonnen. Nach zwei Monaten war es fertig. Dann begann jedoch der schwierigste Teil – die Finanzierung ohne Verbindungen auf die Beine zu stellen. Im Oktober waren dann die Vorbereitungen beendet und zum Jahreswechsel begannen die Dreharbeiten.
Hatte Corona einen Einfluss auf die Produktion?
Sturm: Glücklicherweise nur auf die Post-Produktion. Die Dreharbeiten hatten wir Ende Januar 2020 bereits abgeschlossen. Da war Corona* nur eine Randnotiz in den Nachrichten.
Wie haben Sie es als absoluter Neuling geschafft einen ganzen Film auf die Beine zu stellen?
Sturm: Ich hatte großes Glück, dass das Drehbuch gut ankam. Damit konnte ich Schauspieler und Kameraleute von mir überzeugen. Das gab mir ein erstes Erfolgserlebnis. Für einen Moment dachte ich naiverweise, dass es nicht so schwer ist einen Film zu drehen (lacht). Das sollte sich aber bald ändern.
Was geschah dann?
Sturm: Irgendwie schafften wir es durch die großzügige Unterstützung von Personen und Firmen aus Regensburg*, ein Budget in Höhe von 20.000 Euro auf die Beine zu stellen. Außerdem wurde ich tatkräftig von meiner Familie unterstützt. Meine Frau hat die Kostüme gemacht. Und meine Mutter kümmerte sich ums Catering, den Fahrservice für die Schauspieler und vor allem um Sponsoren. Sie hat jeden bearbeitet, der auch nur das geringste Interesse an dem Projekt zeigte. Ohne sie hätte ich wohl mit einem Budget von 10.000 Euro auskommen müssen.
Er machte sein Hobby zum Beruf: Andy Sturm.

Regensburg sollte wie jede x-beliebige Großstadt wirken

Das relativ geringe Budget merkt man dem Film aber nicht an. Er erinnert eher an eine Hollywood-Produktion, obwohl „Made in Regensburg“ draufsteht. Wie ist Ihnen das gelungen?
Sturm: Was die Optik angeht, habe ich mich an der Größe schlechthin orientiert – Christopher Nolan. Bei der Produktion hielt ich mich dann an Kubrick. Der hat auch häufig seine Familie eingebunden. Ursprünglich sollte der Film gar nicht in Regensburg, sondern Berlin gedreht werden. Aber der Aufwand mit den Drehgenehmigungen und der Locationsuche war einfach zu groß. Wichtig war mir nur, dass er einen internationalen Touch haben sollte. Deswegen ist das Setting auch anonym gehalten, sodass die Handlung in jeder x-beliebigen Großstadt hätte spielen können.
International ist ein gutes Stichwort. Die Rollen sprechen englisch. Warum?
Sturm: Ich wollte mich so breit wie möglich aufstellen. Und als Unbekannter, der keine Kontakte zum Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen hat, dachte ich mir, würde ich mich mit Deutsch als Sprache zu sehr limitieren. Die Zuschauer auf den Streaming-Diensten können ja durchaus auch aus dem Ausland kommen.
Dennoch ist die Grundlage des Films ein deutscher Literaturklassiker. Wie kamen Sie auf die Bürgschaft?
Sturm: Ich wusste, dass die Frage kommt und musste trotzdem überlegen (lacht). Ich bin in der Schulzeit darauf gestoßen. Es hat mich fasziniert, dass es, obwohl es jetzt rund 220 Jahre alt ist, sehr gut in unsere Zeit passt. Außerdem ist das Werk recht kurz. Ich wollte nicht bei meinem Debüt nach einem Spielfilm greifen. Das wäre größenwahnsinnig. Daher war es gut zu adaptieren.
Haben Sie dem Stoff einen eigenen Anstrich verliehen?
Sturm: Auf jeden Fall. Allein dass der Film in der Neuzeit spielt und das zentrale Thema Rassismus behandelt, geht auf meinen Mist. Außerdem hat die Geschichte im Vergleich zum Original ein offenes Ende. Das ist eine Anlehnung an das von mir sehr verehrte Hollywood-Kino der 1960er- und 70er-Jahre. Da wurde auch nicht immer alles erklärt.

Der Regensburger Regisseur arbeitet bereits an seinem nächsten Projekt

Der Film ist auf Amazon Prime erhältlich. Warum ein Streaming-Dienst und kein klassischer Verleih?
Sturm: Das liegt auch ein wenig an Corona*. Da im vergangenen Jahr kaum Film-Festivals stattfinden konnten, war es schwierig ihn an den Mann zu bringen. Meine Vision war es, ihn auf so einer Veranstaltung auf der großen Kinoleinwand zu sehen und dort gleich Verbindungen in die Branche knüpfen zu können. Da hat mir die Pandemie aber leider einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Wie soll es jetzt für Sie weitergehen? Bleiben Sie dem Film treu?
Sturm: Ich schreibe in der Tat schon an einem neuen Drehbuch. Ich bleibe also hundertprozentig dem Film treu. Ich mag die Abwechslung. Bevor du genug vom Schreiben hast, geht es in die Produktion. Da wird es dann chaotisch und stressig. Und bevor dir das zu viel wird, ist es wieder ruhig und man sitzt allein im Schneideraum.
Können Sie schon etwas über Ihr neues Projekt verraten?
Sturm: Ich tue mich mit dem Bösewicht aus „Bail“, Philippe Reinhardt zusammen. Wir produzieren gemeinsam – dazu spielt er die Hauptrolle und ich schreibe und führe Regie. Am Ende soll ein Spielfilm herauskommen. Mitte des Jahres wollen wir dann mit einer ersten Szene auf Sponsorensuche gehen. Mit den Dreharbeiten soll es dann 2022 losgehen.

Das Interview führte Thomas Eldersch. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

„Bail“ mit Alexander Prince Osei, Philippe Reinhardt und Salber Williams; Regie: Andy Sturm; Laufzeit: 21 Minuten; Der Film ist beim Streamingdienst Amazon Prime abrufbar.

Weitere Nachrichten aus Regensburg und ganz Bayern finden Sie immer aktuell bei uns.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Immer mehr psychisch kranke Kinder in Bayern: Corona-Welle verschärft Lage in Kliniken enorm
BAYERN
Immer mehr psychisch kranke Kinder in Bayern: Corona-Welle verschärft Lage in Kliniken enorm
Immer mehr psychisch kranke Kinder in Bayern: Corona-Welle verschärft Lage in Kliniken enorm
Söder sieht Corona-Wende in Bayern: Doch Angst vor Omikron wird größer - 15 Passagiere aus Kapstadt positiv
BAYERN
Söder sieht Corona-Wende in Bayern: Doch Angst vor Omikron wird größer - 15 Passagiere aus Kapstadt positiv
Söder sieht Corona-Wende in Bayern: Doch Angst vor Omikron wird größer - 15 Passagiere aus Kapstadt positiv
Die Hütte brennt! Bei dieser Geburtstagsfeier wirklich...
BAYERN
Die Hütte brennt! Bei dieser Geburtstagsfeier wirklich...
Die Hütte brennt! Bei dieser Geburtstagsfeier wirklich...
Ehemaliger Jahn-Geschäftsführer: Neuer Job ab April 2022
BAYERN
Ehemaliger Jahn-Geschäftsführer: Neuer Job ab April 2022
Ehemaliger Jahn-Geschäftsführer: Neuer Job ab April 2022

Kommentare