Ausnahmezustand in Passau

Flüchtlingsstelle platzt aus allen Nähten: "Wie ein Tsunami"

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Ein Andrang, der kein Ende kennt: Flüchtlinge warten in der Registrierungsstelle der Bundespolizei

Passau - Erschöpfte Menschen liegen auf dem nackten Boden oder warten in glühender Hitze. Die Registrierungsstelle für Flüchtlinge der Polizei in Passau ist komplett überfordert.

Youssef (l) aus Afghanistan liegt auf einer Bierbank unter einem Carport.

Völlig fertig liegt Youssef auf der Bierbank unter dem Carport. Nach einem Monat auf der Flucht per Bus, Auto, Zug und zu Fuß ist der 18 Jahre alte Afghane in Passau angekommen und wartet in dem Unterstand auf seine Registrierung. Die Luft ist stickig, schon am Morgen herrscht eine fast erdrückende Hitze. Der anhaltend große Andrang von Flüchtlingen führt zu untragbaren Zuständen bei der Bundespolizei in Passau - für Flüchtlinge wie Beamte.

Nur an wenigen Orten in Deutschland kommen so viele Asylsuchende an wie hier. Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden 13.000 illegal Eingereiste registriert. Im Vorjahreszeitraum waren es nur 900. Passau gilt bei der Bundespolizei als Einfallstor für Flüchtlinge auf der Balkanroute.

Rund 500 Flüchtlinge kommen pro Tag

Ein kleines Mädchen wartet mit einem Spielzeug in der Hand.

Unter einem stickigen Carport müssen die meisten Flüchtlinge ausharren, bis sie registriert sind. „Diese Einrichtung ist für maximal 80 Personen vorgesehen, die nur bis zu drei Stunden bleiben sollten“, erklärt am Montag der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Freyung, Frank Koller. Derzeit werden jeden Tag im Bereich Passau aber mehr als 500 Flüchtlinge aufgegriffen. „Daher dauert die Bearbeitung bis zu einem halben Tag.“ Nicht selten warten Hunderte Flüchtlinge in der Sonne. Die Beamten arbeiten zwölf Stunden am Tag.

Koller bezeichnet den Zustand in der Registrierungsstelle als Notlösung. Immer wieder wird in diesen Tagen für mehrere Stunden ein Aufnahmestopp verhängt. Händeringend wird nach einem geeigneten Gebäude gesucht.

Der Bayerische Flüchtlingsrat bezeichnet die Situation in Passau als unmenschlich. „Wir können es nicht zulassen, dass Flüchtlinge über viele Stunden hinweg in einem Carport auf dem nackten Boden liegen oder im Freien stehen“, sagt Sprecher Alexander Thal. Es müsse eine menschenwürdige Unterbringung gewährleistet sein.

Nur 30 Betten gibt es in dem Notquartier, das das Technische Hilfswerk zur Verfügung gestellt hat. Dort werden aber Familien mit Kleinkindern untergebracht. Die anderen liegen in dem Unterstand auf Bänken oder fallen auf zusammengestellten Stühlen in einen kurzen Schlaf. „Wenn ein Unwetter mit Starkregen kommt, läuft das Wasser in das Carport“, sagt Koller.

Beamte arbeiten bei brütender Hitze

Auch die Beamten der Bundespolizei, die inzwischen aus dem ganzen Bundesgebiet zur Unterstützung in Passau stationiert sind, haben mit den Zuständen zu kämpfen. Seit Tagen arbeiten sie unter dem zu einer Seite offenen Unterstand bei brütender Hitze.

Seit Tagen arbeiten die Beamten der Bundespolizei bei brütender Hitze

Markus Hartwig von der Bundesbereitschaftspolizei aus Blumberg bei Berlin ist seit der vergangenen Woche in der Drei-Flüsse-Stadt. Am Montag durchsucht er die Flüchtlinge und gibt ihnen anschließend Pakete mit belegten Broten, Wasser und Obst. „Ich bin erleichtert, wenn ich in wenigen Tagen abgezogen werde und wieder zu Hause bin.“ Die Arbeitssituation sei eine besondere Belastung, auch angesichts des Elends der Menschen. Hartwig spricht mit Blick auf die Flüchtlinge von einem „Tsunami, der in Bayern beginnt und langsam Richtung Norden zieht“.

Youssef und sein Freund Ahmad haben am Montag Glück. Nach nur einer Stunde Wartezeit steigen sie in einen Bus der Bundespolizei und fahren nach Deggendorf zur „Bearbeitungsstraße“. Dort werden sie umfangreich registriert, medizinisch untersucht und anschließend in die Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. „Mein Ziel ist Frankfurt. Dort lebt mein Onkel“, sagt Ahmad in gebrochenem Englisch. Die Augen des 18-Jährigen sind erschöpft, aber in ihnen ist ein Funke Hoffnung zu sehen. Die Hoffnung auf ein sicheres Leben in Deutschland.

dpa

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