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Die Retter sind in Not: Viele Corona-Ausfälle, viele Einsätze - „Wir Sanitäter arbeiten am Limit“

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Von: Katrin Woitsch

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 Martin Noß mit Funkgerät und Dienstplan
Der Dienstplan ist eine Herausforderung für Martin Noß. Nicht nur beim BRK Dachau gibt es viele Ausfälle. © Roswitha Höltl

Es gibt aktuell kaum noch Einschränkungen wegen der Pandemie. Doch der Arbeitsalltag in vielen Gesundheitsberufen ist so angespannt wie nie. Denn wegen der hohen Infektionszahlen fällt viel Personal aus, gleichzeitig gibt es viele Einsätze. Und von der Solidarität, die es noch im Winter gab, ist nicht viel übrig geblieben.

Den rauen Ton, den Stress und die Hektik ist Martin Noß gewöhnt. Damit muss man klarkommen, wenn man Notfallsanitäter ist, sagt er. Noß liebt seinen Beruf. „Es ist eher eine Berufung als ein Job für mich.“ Glücklicherweise gehe es auch vielen seiner Kollegen so, glaubt er. Denn sonst hätten in den vergangenen zwei Jahren vermutlich deutlich mehr Rettungssanitäter den Beruf gewechselt. Seit dem Beginn der Pandemie sind Hektik und Stress größer denn je.

Die Lage ist angespannt – so angespannt, wie sie nicht einmal zur schlimmsten Corona-Zeit im Winter war. Wie in allen Berufen fallen auch im Rettungsdienst aktuell viele Mitarbeiter wegen Infektionen aus. Gleichzeitig gibt es viele Einsätze – auch weil die Menschen wieder verstärkt unterwegs sind, zum Beispiel in den Bergen oder auf den Autobahnen. „Die Einsätze dauern jetzt deutlich länger“, erklärt Noß. Denn auch in den Kliniken ist die personelle Situation angespannt. Wenn sich Krankenhäuser abmelden, muss der Rettungsdienst weitere Anfahrtswege in andere Kliniken einkalkulieren. „Darauf folgt dann in der Regel gleich der nächste Einsatz in einem ortsfremden Gebiet“, erklärt Noß. Pausen gibt es kaum noch.

Der Rettungsdienst und die Pflege arbeiten momentan am Limit.

BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk

Er hat nicht nur mit den stressigen Einsätzen zu kämpfen – sondern als Leiter des Rettungsdienstes im Kreisverband Dachau auch mit der täglichen Herausforderung, die Dienstpläne aufzustellen. „Seit zwei Jahren geben wir unser Bestes, um Ausfälle im Rettungsdienst zu verhindern“, betont er. „Wir merken aber deutlich, dass die Luft langsam raus ist.“ Noch habe sein Kreisverband keine Sanitäter wegen der hohen Arbeitsbelastung verloren, berichtet Noß. Von anderen Leitungen ist ihm das aber bereits berichtet worden. Die Sanitäter wechseln in Kliniken – dort ist die personelle Situation ähnlich angespannt.

„Der Rettungsdienst und die Pflege arbeiten seit Monaten am Limit“, sagt der BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk. „Die Situation ist aktuell noch viel besorgniserregender und ernster als im Winter.“ Neben den hohen Einsatzzahlen und den Corona-bedingten Ausfällen hat das einen weiteren Grund: Die Solidarität der Bevölkerung hat nachgelassen. „Im Winter galt noch der Katastrophenfall, wir hatten viele ehrenamtliche Helfer“, berichtet Stärk. Einige hatten sich sogar freistellen lassen, um in Gesundheitsberufen auszuhelfen. Das ist nun weggebrochen. Die Kreisverbände helfen sich gegenseitig aus, um ihre Dienstpläne besetzen zu können. Auch die Organisationen untereinander versuchen sich zu stützen. Es sei denkbar, dass sich in wenigen Tagen auch die Hilfsorganisationen untereinander mit Personal aushelfen müssen. „Wir sitzen ja alle im selben Boot“, sagt Stärk. Ohne gegenseitige Hilfe geht es nicht mehr.

Allein im Kreisverband Dachau gab es vor Kurzem sieben Corona-Fälle gleichzeitig, berichtet Noß. Das aufzufangen war ein Kraftakt für alle. Insgesamt seien die Krankheitszahlen im Juli jetzt schon so hoch wie im gesamten Monat Juni, berichtet Stärk. Und mit der hohen Belastung wächst der Frust. „Ein richtiges Aufatmen hat es in den Gesundheitsberufen nie gegeben.“ Als die Infektionen im Frühjahr zurückgingen, gab es wieder viele Einsätze wegen des hohen Freizeitverhaltens, sagt Stärk. Gleichzeitig wurden in den Kliniken die geschobenen OPs nachgeholt. Dann kam auch noch die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Sie wird zwar nicht vollzogen, bedeutet aber trotzdem viel Bürokratie. Und vor allem: noch mehr Frust. „Wir blicken mit großer Sorge auf den Herbst“, sagt Stärk. Auch Martin Noß ist gedanklich oft schon ein paar Monate weiter. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Personalmangel bis Herbst behoben sein wird“, sagt er. Es dauere Jahre, neue Fachkräfte auszubilden. Im bleibt nur zu hoffen, dass der Beruf für viele seiner Kollegen genau wie für ihn Berufung ist – und bleibt.

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