Roboter-Robbe Emma bewirkt Wunder bei Demenzkranken

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Im Altenheim Maria-Martha-Stift setzt man auf die therapeutische Wirkung von Plüschtier Emma.

Lindau - Emma bewirkt jeden Tag kleine Wunder im Altenheim Maria-Martha-Stift in Lindau. Die Roboter-Robbe wird dort bei der Betreuung von Demenzkranken eingesetzt.

In der kleinen Altenheimwohnung am Ende des Flurs lebt ein Mann, der unter Demenz leidet. Gegenüber den Mitarbeitern des Heims zeigt der 93-Jährige kaum Gefühlsregungen und beantwortet ihre Fragen nur knapp mit Ja und Nein. Sobald er Emma sieht, ist der Senior jedoch wie ausgewechselt. Begeistert klatscht er in die Hände und strahlt über das ganze Gesicht. Als die flauschige, weiße Robbe auf seinem Schoß liegt, spricht er mit ihr, streichelt ihr über den Kopf und singt ihr ein Lied vor. “Es ist, wie wenn man einen Lichtschalter anmacht“, freut sich Anke Franke, die Leiterin des Maria-Martha-Stifts in Lindau, über die Reaktion.

Emma ist bei den Bewohnern des Alten- und Pflegeheims auf der Lindauer Insel sehr beliebt. Dass sie eine Roboter-Robbe ist, die mit reichlich Sensoren ausgestattet ist, scheint hier kaum jemanden zu stören. Sie wird behandelt wie ein lebendiges Wesen. “Die wenigsten stellen die Frage, ob das Tier echt ist. Die Menschen hier haben einfach Freude daran, wenn sie Emma sehen und streicheln dürfen“, sagt Maria Bertsch, Altenpflegerin und Fachkraft in der Gerontopsychiatrie. Und Emma liebt Streicheleinheiten. Sobald sie eine Hand auf ihrem weichen Fell spürt oder eine Stimme in der Nähe hört, fiept sie wie ein echtes Robbenbaby, öffnet und schließt ihre schwarzen Kulleraugen und hebt den Kopf.

Das Plüschtier mit technischem Innenleben wurde in Japan entwickelt und kam 2005 unter dem Namen Paro auf den Markt. Die Robbe wird in erster Linie in der Betreuung und Pflege Demenzkranker eingesetzt. “Sie ist aber auch überall dort einsetzbar, wo mit Tieren therapeutisch gearbeitet wird“, sagt Tobias Bachhausen, der einzige zertifizierte Paro-Trainer in Deutschland. Seinen Angaben zufolge hat der Roboter vor allem in Japan und Dänemark bereits therapeutische Erfolge erzielt. Allein in Japan seien bislang 1500 Exemplare verkauft worden. In Deutschland sind es laut Bachhausen bisher 15. Bayernweit sei das Maria-Martha-Stift in Lindau die erste Einrichtung, die mit der Robbe arbeitet. Dort wird sie Emma genannt.

In dem Altenheim auf der Bodenseeinsel ist die Roboter-Robbe seit Jahresbeginn zu Hause. Von den 90 Bewohnern ist die Hälfte dement, sagt Heimleiterin Franke. Vor allem bei der Pflege und Betreuung dieser Menschen werde Emma eingesetzt. Sie helfe den Mitarbeitern, einen Zugang zu den oft verschlossenen Bewohnern zu finden. “Emma fungiert als Kontaktbrücke. Wir gehen mit ihr auch zu Bewohnern, um sie zu beruhigen oder abzulenken. Manchen hilft es beim Einschlafen, wenn Emma da ist.“ Dass ihr Einsatz Personal sparen könnte, stehe dabei nicht zur Debatte. “Es ist nicht so, dass wir Emma jemandem auf den Bauch legen und dann weggehen.“

Die Wirkung, die der flauschige Roboter auf die Bewohner hat, erstaune Personal und Angehörige, sagt Franke. “Viele Bewohner vergessen, was sie gestern gemacht haben. Dass Emma bei ihnen war, vergessen sie aber nicht.“ Die Begeisterung war allerdings nicht von Anfang an so groß. Wie Franke sagt, waren einige Mitarbeiter zunächst skeptisch. “Sie meinten, dass es genug andere Wege gibt, Zugang zu den Bewohnern zu finden.“ Etwa durch Musikinstrumente, Klangmassagen oder Aromapflege. Als die Zweifler in der Testphase sahen, wie die Bewohner auf Emma reagieren, seien die Bedenken jedoch verflogen. “Auch die kritischen Mitarbeiter waren nach zwei Wochen Feuer und Flamme. Und heute würde niemand mehr Emma hergeben wollen.“

Es sind die vielen positiven Erfahrungen und sichtbaren Fortschritte bei den Bewohnern, warum die Heimleiterin auch anderen Einrichtungen den Einsatz der Robbe empfehlen würde. Sie weiß allerdings, dass der enorme Preis für das Plüschtier eine große Hürde darstellt. Das drei Kilo schwere, interaktive Robbenbaby kostet stolze 5000 Euro. Die Lindauer hatten Glück und fanden für diese kostspielige Anschaffung einen privaten Sponsor.

Nur geschultes Personal darf mit Emma arbeiten. Eine der beiden Lindauer Mitarbeiterinnen, die eigens nach Hannover gefahren sind, um den richtigen Umgang mit der Robbe zu lernen, ist Maria Bertsch. Auch ihre Bilanz nach mehr als zehn Monaten fällt rundum positiv aus. “Das oberste Ziel, dass wir mit Emma erreichen wollten, war, den Bewohnern glückliche Momente zu schaffen. Und das erreichen wir jeden Tag.“

dpa

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