Debatte um Betretungsverbot

Influencer-Fans pilgern zu „brandgefährlichem“ Foto-Hotspot in Bayern - Nun soll er gesperrt werden

  • Katarina Amtmann
    VonKatarina Amtmann
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Der Wasserfall am Königssee ist ein beliebtes Fotomotiv bei Touristen - auch aufgrund von Instagram und Influencern. Der Nationalpark warnt vor der Gefahr - und will die Reißleine ziehen.

Schönau am Königsee - Posts in den sozialen Medien haben den früher unberührten Ort bekannt gemacht: Der Königsbachfall mit seinen Naturpools lockte daraufhin immer mehr Menschen aus aller Welt an. Der Nationalpark Berchtesgaden will nun die Notbremse ziehen und das Gebiet dichtmachen - nicht unumstritten.

Schönau am Königssee: Debatte um Betretungsverbot im Nationalpark

Kristallklares Wasser, Bergpanorama, darunter glitzert der Königssee. Scheinbar allein in der Idylle posiert jemand fürs Foto: Die Natur-Pools am Königsbachfall im Nationalpark Berchtesgadener Land sind ein beliebtes Motiv in den sozialen Medien - besonders auf Instagram. Doch einsam ist es hier schon lange nicht mehr. Obwohl kein offizieller Weg zu den Pools führt, zählten Ranger an schönen Tagen gut 400 Touristen. Zurück bleiben zertrampelte Vegetation und Müll. Der Park will nun ein Betretungsverbot. Die Entscheidung am Landratsamt Berchtesgadener Land soll in nächster Zeit fallen.

Die Sperrung ist allerdings umstritten, der Gemeinderat von Schönau am Königssee hat sich dagegen ausgesprochen. Naturschutz-Verbände argumentieren unterschiedlich. Mancher Einheimische, der die Gumpen - im Netz flott „Natural Infinity Pool“ getauft - von früher als Rückzugsort abseits des Touristenrummels kannte, wünscht sie hingegen herbei. „Wir sagen nichts - wir sind befangen“, sagt ein Schönauer, der dort Ruhe sucht.

Königsbachfall als Instagram-Hotspot: Touristen aus aller Welt kommen vorbei

Touristen aus den USA, Asien, Russland, Indien und vielen Ländern Europas machten sich, geleitet von Anleitungen im Internet, auf den Weg zu den Pools, berichtet Rangerleiter Ole Behling. Eine junge Frau aus Paderborn habe angegeben, sie sei morgens um drei Uhr im Auto gestartet, um zum Wasserfall zu wandern - und wieder heim zu fahren.

Doch so mancher Besucher ist nach einer langen Anreise ernüchtert, denn die Bilder im Netz entsprechen nicht unbedingt der Realität. „Ist das der Pool?“ Die Wanderer aus Ingolstadt* blicken enttäuscht. Eine von Unbekannten wohl als Gegenreaktion gefällte Buche blockiert den oberen Pool und versperrt den Blick auf den Königssee. Im unteren Pool wiederum sprudelt derzeit viel Wasser von der Schneeschmelze - die Fluten könnten Badende über den Poolrand in die Tiefe reißen.

Königsbachfall „brandgefährlich“: Zwei Männer starben im Wasser

„Es ist neben dem naturschutzfachlichen Effekt auch noch brandgefährlich“, sagt Nationalpark-Sprecherin Carolin Scheiter. Schilder warnen: „Gefahr durch Ertrinken!“ Das aufgewirbelte Wasser wurde 2019 zwei 21-jährigen Männern aus Sachsen in einer tiefer gelegenen Gumpe zum Verhängnis. Sie starben im sogenannten Weißwasser, das so viel Sauerstoff enthält, dass man darin untergeht.

Im letzten Sommer versucht der Nationalpark auf Instagram, den Leuten ins Gewissen zu reden. Er bat eine Influencerin, die auf Instagram über 1,2 Millionen Follower hatte und ein Foto beim Baden in einem der Wasserbecken postete, das Posting zu löschen, um noch mehr Nachahmer zu vermeiden. Es half nicht - der Zustrom blieb.

Selfie-Touristen am Königsbachfall - Debatte um Betretungsverbot im Nationalpark

In Schönau soll schon der Zugang auf das gesamte Gebiet von rund 30 Hektar verboten werden. „Bei der geplanten, bestenfalls zeitlich befristeten Sperrung am Königsbachwasserfall geht es ausschließlich um den Bereich der neu entstandenen Trampelpfade und Vegetationsschäden aufgrund von Social Media und Influencern“, sagt Nationalparkleiter Roland Baier über die geplante Sperrung. Es werde kein Präzedenzfall, „sondern ist ein Signal an einen unverantwortlichen Umgang mit Naturschönheiten in den Sozialen Medien“.

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV), um Stellungnahme gebeten, plädiert für eine mehrjährige Sperrung, damit sich die Vegetation erholen kann. Der Deutsche Alpenverein (DAV) lehnt das ab. Man setze auf Eigenverantwortung, sagt Daniel Hrassky von der Sektion Berchtesgaden. Er schlägt stattdessen einen offiziellen Wanderweg vor, um wilde Trampelpfade überflüssig zu machen, aber den Besuch der Pools zu ermöglichen. Denkbar seien eine Sperrung direkt am Königsbach und ein Badeverbot. Übernachten und Feuer machen seien ohnehin verboten.

Betretungsverbot im Nationalpark Berchtesgaden? „Nicht der richtige Weg, zu sperren“

Der Gemeinderat von Schönau am Königssee sieht das ähnlich. „Es ist nicht der richtige Weg, zu sperren“, sagt der zweite Bürgermeister Richard Lenz (Freie Wähler). „Wir haben freies Betretungsrecht.“ Vielmehr sollten Gäste sensibilisiert werden - „mit vernünftiger Beschilderung“. „Wenn etwas verboten ist, wird es nur noch interessanter. Die Bilder gehen jetzt schon um die Welt.“

Die Natur-Becken tauchen auch auf englischsprachigen Seiten auf - teils noch immer als „Geheimtipp“. Um den Andrang zu dokumentieren, installieren die Ranger im Sommer Zähler im Boden. Plastikflaschen, Verpackungen, sogar halbvolle Bierkästen habe man entdeckt, sagt Behling. Da viele in der Gumpe baden, bleiben oft auch Kleidungsstücke liegen: Jacken, Schals, auch Unterhosen. Drohnen surren immer wieder über dem geschützten Gebiet - verboten: Die Geräte schrecken Wild auf, Gams- und Rotwild etwa, das auf der Flucht abstürzen kann.

Selfie-Touristen am Königsbachfall: Manchmal muss sogar die Bergwacht ausrücken

Manchmal muss sogar die Bergwacht* ausrücken. „Meist sind es Unverletzte, die sich verlaufen haben, oder Leichtverletzte, die sich aufgeschürft haben“, sagte Markus Leitner, Rotkreuz-Sprecher im Berchtesgadener Land. Mancher sei unterkühlt - wegen des Bades im kalten Wasser oder ungeeigneter Kleidung. Der Aufwand sei bei den Einsätzen meist überschaubar. „Man weiß schon, wo man die Leute suchen muss.“

Sollte die Sperrung kommen, wäre das im Nationalpark Berchtesgaden ein Novum. Allerdings sei in vielen Ländern ein beschränkter Zugang in Nationalparks und gar die Ausgabe von Permits, Erlaubnissen, gang und gäbe, etwa in den USA, sagt der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner. Auch in anderen Parks in Deutschland dürfe man nicht überall hin. „Der Schutz der Natur muss vor Selfie-Interessen gehen.“ (kam/dpa)*Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sabine Dobel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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