Drei Jahre ohne Behandlung

Sekten-Guru lässt schwerkranken Bub nicht zum Arzt

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Der Sekten-Guru streitet sämtliche Vorwürfe ab.

Nürnberg - Der zwölfjährige Junge litt an einer schweren Krankheit, doch zum Arzt durfte er laut Anklage nicht. Auch Medizin wurde ihm verwehrt. Mutter und Freund wird seit Dienstag der Prozess gemacht.

Schwerer Vorwurf: Sie sollen mit einem schwer kranken Jungen drei Jahre lang nicht zum Arzt gegangen sein und ihm auch keine Medikamente gegeben haben. Nun müssen sich die Mutter des Buben und ein angeblicher Sekten-Guru vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth verantworten. Die Anklage lautet auf schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau und ihrem Lebensgefährten vor, mit dem an der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose leidenden damals zwölfjährigen Sohn der Frau von November 1999 bis Dezember 2002 nicht zum Arzt gegangen zu sein und ihm keine Medizin gegeben zu haben.

Der Junge bekam laut Anklage auch immer wieder nichts zu essen, obwohl bei Mukoviszidose kalorienreiche Ernährung notwendig sei. Im Jahr 1999 sei bei ihm zudem eine bedrohliche Erkrankung der Lunge diagnostiziert worden, doch die Mutter habe eine Behandlung abgelehnt. Der Gesundheitszustand des Kindes habe sich dann extrem verschlechtert, er habe zeitweise nur noch 28 Kilogramm gewogen.

Der heute 27-Jährige sagte beim Prozessauftakt am Dienstag: „Uns wurde gesagt, dass wir die Medikamente nicht mehr brauchen.“ Der Freund seiner Mutter habe ihm gesagt, „wenn ich alles mitmache, meditiere, bin ich mit 17, 18 geheilt“. Er habe das damals geglaubt. Medikamente habe er von einem Tag auf den anderen nicht mehr bekommen. Irgendwann habe er es nicht mehr ausgehalten. „Es war für mich die Hölle.“ Als er mit 15 Jahren zu seinem leiblichen Vater kam, sei es ihm schnell besser gegangen. Er habe zugenommen und die Medikamente hätten ihm geholfen. Heute fühle er sich recht gut.

Die 48-jährige Mutter und ihr 55 Jahre alter Lebensgefährte bestritten sämtliche Vorwürfe. Der Junge habe immer frei entscheiden können, was und wann er isst und welche Medikamente er nimmt oder ob es zum Arzt will. „Die Kinder hatten sämtliche Freiheiten zu entscheiden, was sie wirklich wollen“, sagte die Frau. Ihr Sohn habe etwa selbst beschlossen, nicht mehr krankenversichert sein zu wollen. Sie habe ihm auch stets freigestellt, ob er in eine Klinik gehen will. „Es waren immer genug Medikamente da“, ergänzte der 55-Jährige.

Das Paar aus Lonnerstadt bei Erlangen wehrte sich zudem gegen die Bezeichnungen „Guru“ und „Sekte“. Diese Begriffe seien von einer Journalistin erfunden worden und diffamierten die Familienmitglieder, die lediglich „einfach anders sind als wir“, sagte der Verteidiger der Mannes. Die Mutter zog Ende 1999 mit ihren 11, 12 und 14 Jahren alten Kindern mit dem Angeklagten zusammen.

Laut Anklage beeinflusste der 55-Jährige das Leben der Familie mit seinen religiösen Anschauungen. Er sehe sich als Lehrer der „Neuen Gruppe der Weltdiener“. Dies bestritt der Angeklagte: „Ich habe mich allerhöchstens als Lehrer der zeitlosen Weisheit bezeichnet.“ Zu der genannten Gruppe gehöre die Familie nicht. Auch die Gruppe habe sich mittlerweile von dem Angeklagten distanziert, sagte ein Sekten-Experte im Prozess. Es handele sich bei der Familie eher um eine „esoterische Glaubensrichtung“, die von den Angeklagten falsch ausgelegt worden sei. So habe man alternative Heilmethoden anstatt der Schulmedizin genutzt, obwohl das in diesem Fall nicht angebracht gewesen sei. „Falsch eingesetzt tragen sie eher zur Verschlimmerung einer Erkrankung bei“, sagte der Sekten-Experte.

Mukoviszidose ist eine vererbte, angeborene Stoffwechselkrankheit. Sie ist bislang unheilbar. Die Atemwege in der Lunge, die Ausführungsgänge an der Bauspeicheldrüse und die Gallenwege verstopfen dabei mit zähem Schleim. „Mukoviszidose macht eine intensive Behandlung erforderlich“, sagte der Arzt des Sohnes. Im Schnitt sei alle drei Monate eine ambulante Therapie nötig. Das Sterbealter liege in Deutschland bei etwa 30 bis 35 Jahren.

Für den Prozess sind vier Tage angesetzt. Ein Urteil soll am 25. Juli gesprochen werden.

dpa

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