Impfzentren gehen eigenen Weg

Corona-Impfung: Benachteiligt die Software Menschen über 80? - Söders Minister widerspricht

Gesundheitsminister Klaus Holetschek verteidigt die Software für die Impftermin-Vergabe.
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Gesundheitsminister Klaus Holetschek verteidigt die Software für die Impftermin-Vergabe.

Zahlreiche ältere Menschen haben in Bayern noch keinen Impftermin erhalten. Derweil kommen immer wieder Jüngere vor ihnen an die Reihe. Könnte das Problem an einer Software liegen?

München - Seit drei Monaten wird in Bayern nun schon gegen das Coronavirus* geimpft. Eigentlich wollte man mit der Prioritätsgruppe 1 schon im Januar - spätestens Februar - durch sein. Doch Lieferengpässe und Probleme mit dem Vakzin von Astrazeneca haben aus dem von Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) beschworenen „Impf-Turbo“ eine „Impf-Schnecke“ gemacht. Jetzt scheint es nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) noch ein weiteres Problem zu geben, das besonders die Über-80-Jährigen betrifft. Denn viele von ihnen warten bis heute auf einen Impf-Termin.

Impftermin-Vergabe: Geht Beruf vor Alter?

In Bayern ist für die Impftermin-Vergabe die Software BayIMCO verantwortlich. Der Algorithmus, der dem Programm zugrunde liegt, entscheidet, wer wann einen Termin bekommt. In einem Test fand der BR heraus, dass Impf-Kandidaten im Hintergrund des Programms ein gewisser Score zugeordnet wird. Sollte sich beispielsweise ein 80-Jähriger anmelden, dann bekommt er den Wert 80 zugewiesen. Aber in der Priorisierungsgruppe 1 befinden sich nicht nur ältere Menschen, sondern auch Beschäftigte im Gesundheitswesen wie Pfleger und Ärzte. Diesen Personen weist das Programm dann auch einen zufälligen Scorewert von 80 bis 100 zu. Und so kann es passieren, dass jüngere Menschen früher geimpft werden.

Da der Algorithmus jedoch geheim ist, kann nicht sicher gesagt werden, ob nicht noch andere Faktoren bei der Impftermin-Vergabe* eine Rolle spielen. Das bringt immer wieder Politiker und Angestellte in den Impfzentren in Erklärungsnot. So wurden im Landkreis Starnberg rund 4000 Über-80-Jährige noch gar nicht geimpft. Landrat Stefan Frey (CSU) dazu: „Man kommt in Erklärungsschwierigkeiten, wenn man den Algorithmus nicht genau kennt und wenn er dann nicht 100-prozentig so funktioniert, wie er funktionieren sollte.“ Teilweise seien Impfzentren jetzt sogar dazu übergegangen auf die BayIMCO-Software zu verzichten, berichtet der BR. Das könnte aber zu Problemen führen.

In Bayern ist in der kommenden Woche ein Impfgipfel geplant (Video)

Impftermin-Vergabe: Ministerium verteidigt den Algorithmus

Denn eigentlich sind die Impfzentren verpflichtet die Software zu benutzen. Und auch das Gesundheitsministerium verteidigt den Algorithmus. Durch ein „virtuelles Alter“ und einen statistischen Korrekturfaktor soll sichergestellt werden, dass Menschen aus bestimmten Berufsgruppen gleichmäßig über die Prioritätsgruppen verteilt werden. Eine Benachteiligung könne definitiv ausgeschlossen werden, erklärte das Gesundheitsministerium auf BR-Anfrage. Und auch der Minister stellt sich hinter die Software. In der BR-Sendung „Jetzt red i“ sagte Holetschek: „Wo Fehler sind, werden sie behoben und wird nachjustiert. Aber ich glaube, insgesamt ist das System schon gerecht und arbeitet auf gutem Niveau.“

Stefan Brücklmayer, ärztlicher Leiter des Impfzentrums Regen, sieht das jedoch anders. Er habe in der Datenbank der BayIMCO zahlreiche Über-80-Jährige entdeckt, die bereits seit mehr als fünf Wochen - teilweise sogar seit acht Wochen - auf einen Impftermin warten. Eine 30-jährige Nachbarin habe aber aufgrund ihres Berufs nach knapp fünf Tagen einen Termin bekommen. Deshalb ging man jetzt in Regen einen Sonderweg. Am vergangenen Sonntag gab es einen extra Impftermin für die „vergessenen“ 80-Jährigen. Auf den Algorithmus vertraut man in Regen nicht mehr. Arbeiten wird man aber weiter damit müssen.

Impftermin-Vergabe: Keine Kontrolle durch externe Gutachter

Eine Möglichkeit für die Software wenigstens etwas Vertrauen zurückzugewinnen, wäre eine externe Überprüfung durch unabhängige Experten. Katharina Zweig, die an der TU Kaiserslautern zum Thema Ethik und Algorithmen forscht, sagt, sie habe Verständnis dafür, dass aus Sicherheitsgründen nicht alle Informationen veröffentlicht werden. Aber: „Es spricht eigentlich nichts dagegen, sie einer Gruppe von unabhängigen Experten oder Expertinnen vorzulegen“, um zu überprüfen, ob der Algorithmus nach den Vorgaben arbeite.

Zu diesem Vorschlag schwieg man aber auf BR-Anfrage im Gesundheitsministerium. Die Qualität des Algorithmus werde fortlaufend evaluiert, hieß es. „Sogenannte Fairnessmaße gewährleisten zusätzlich eine diskriminierungsfreie Ausgestaltung der Prozesse“, erklärte ein Ministeriumssprecher. (tel) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

In der kommenden Woche soll es laut Ministerpräsident Markus Söder (CSU) einen bayerischen Impfgipfel geben. Dass dabei aber die Software BayIMCO zur Sprache kommen wird, ist eher unwahrscheinlich.

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