„Waldbäder senken den Blutdruck und fördern die Konzentration“

Waldbad ein, Kopf aus: Trend aus Japan erobert Bayern - Meditationstrainerin erklärt Tipps gegen Alltagsstress

Abtauchen in die Atmosphäre des Waldes: Mit allen Sinnen wird beim Waldbaden versucht, die Natur zu erfahren – aber auch den eigenen Kopf auszuschalten und Sorgen zu vergessen.
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Abtauchen in die Atmosphäre des Waldes: Mit allen Sinnen wird beim Waldbaden versucht, die Natur zu erfahren – aber auch den eigenen Kopf auszuschalten und Sorgen zu vergessen.
  • VonCornelia Schramm
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Die Sinne schärfen und das Gedankenkarussell anhalten: Diese Ziele verfolgt, wer Waldbaden geht. Der Trend kommt aus Japan und wird auch in Bayern immer gefragter. Andrea Lehmann leitet solche Waldbäder an – und hält sie für die beste Medizin gegen Alltagsfrust und Sorgen.  

Möschenfeld – Einen kleinen Stein legt sie ab. Dann geht Anne Bannwarth langsam durch den Wald. Achtsames Gehen nennt die 52-Jährige das. Und wer es einmal selbst ausprobiert hat, der erkennt, dass es für diese Entspannungsübung auch wirklich etwas Übung braucht. Die Gedanken sollen dabei nämlich verstummen und die Seele baumeln. Die Beine aber arbeiten, indem sie langsam einen Schritt vor den anderen setzen – ohne Ziel. Die Füße spüren den Boden. Bemerken, wie sie das Moos abfedert und wie die Äste knacken. „Jetzt bin ich angekommen“, sagt Bannwarth. Das Waldbad hat begonnen.

Die Neubibergerin ist nicht allein im Wald bei Möschenfeld (Kreis München) unterwegs. Die Heilpraktikerin Andrea Lehmann leitet sie beim Waldbad an. Schon seit zwei Jahren treffen sich die beiden regelmäßig, um im Wald Sorgen, Probleme und den Alltagsstress zu vergessen. Und dabei hilft es, wie sie sagen, langsam zwischen Fichten und Farnen zu wandern. Immer wieder zu stoppen, den Blick gen Baumkronen zu heben, zu lauschen, zu riechen und zu betrachten.

„Shinrin Yoku“ heißt Waldbaden auf Japanisch. Und aus Japan kommt auch der Therapieansatz, der Stress abbauen soll. „Studien beweisen, dass Waldbäder den Blutdruck senken, die Konzentration fördern und das Immunsystem stärken“, erklärt Lehmann, die sich vor einigen Jahren von führenden Waldbad-Trainern mehrere Tage lang schulen ließ. Am Ende musste die 57-Jährige eine Prüfung bestehen und eine Facharbeit schreiben, um selbst anleiten zu dürfen.

Waldbaden: Trend aus Japan erobert Bayern

Die Methoden der Heilpraktikerin aus Vaterstetten gehen auf den japanischen Professor Qing Li zurück, der in Tokio Wald-Medizin lehrt und selbst Menschen mit Depressionen behandelt. „Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin heißen die Stresshormone, die viele Menschen krank machen“, sagt Lehmann. „Und da regelmäßiges Waldbaden vorbeugt, bezahlt die Behandlung in Japan bereits die Krankenkassen.“

Achtsames Gehen ist nur eine der Übungen, die die Sinne anregen und Körper und Geist in Einklang bringen sollen. Lehmann fordert Bannwarth nun auf, sich zu setzen und die Augen zu schließen. Im Wald hat sie einiges gesammelt, das Bannwarth nun mit allen Sinnen erforschen soll: „Zuerst riechst du daran, dann erfühlst du es vorsichtig mit den Fingern.“

Nach einem Ast und einem Moosbüschel hält sie Bannwarth einen Farn vor das Gesicht. „Oh, etwas würziges“, sagt sie gleich. Nach einer Weile greift sie danach und erschrickt kurz, als hätte sie etwas anderes erwartet. Dann streicht sie langsam über die samtigen Härchen der Pflanze. „Bevor du die Augen öffnest, versuchst du, dir den Gegenstand einzuprägen und innerlich nachzumalen“, weist Lehmann sie an.

Meditationsübungen für den Alltag: Achtsames Gehen und Fühlen mit allen Sinnen

Mit der Übung bremst Lehmann viele Kursteilnehmer bewusst aus. „Es geht ja nicht darum herauszufinden, was es ist, sondern um die Erfahrung an sich“, sagt sie. Und so sei es auch beim Achtsamen Gehen: „Auch wenn sie glauben, dass sie langsam gehen, geht es noch immer ein Stück langsamer“, sagt sie und lacht. Und auch Bannwarth gibt zu: „Klar, der Kopf macht daraus sofort ein Ratespiel. Aber mit jedem Waldbad bekommt man mehr Übung, abzuschalten und dann ist das Riechen und Fühlen ein echtes Erlebnis.“

Achtsames Gehen heißt eine Übung beim Waldbaden.

Mit bis zu zehn Kursteilnehmern geht Lehmann in den Wald. Übungen macht die Gruppe gemeinsam, es gibt aber auch „Solo-Zeiten“. Handwerker, Banker, Eltern: Die Gruppen sind bunt gemischt. „Viele kommen regelmäßig, andere schnuppern“, sagt Lehmann. Wie zuletzt ein frischverliebtes Paar. „Sie hat es total genossen – und er hat ihr zuliebe einfach alles mitgemacht.“

Viele der Übungen versucht Bannwarth auch im Alltag anzuwenden. So entspannt und entschleunigt sie. „Mir ist schon klar, dass mich da viele Menschen sofort auf der Esoterik-Schiene abstellen“, sagt die Neubibergerin. Aber ihr Beruf im psychiatrischen Notdienst bringe sie nun mal immer wieder an ihre Grenzen. Mit dem Waldbaden hat sie nach langer Zeit ihr ganz persönliches Ventil gefunden. Daraus schöpft sie ihre Kraft. So steht auch der zu Beginn abgelegte Stein für die Last, die sie nach dem Waldbad nicht mehr mit nach Hause nehmen muss.

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