Gesund in den Tag

Kindertafeln schmieren Pausenbrote

Würzburg - Gesundes Frühstück macht Kinder fit für den Tag.  Aber nicht alle bekommen auch ein Pausenbrot. Manche Eltern können es sich nicht leisten.

Bayerische Kindertafeln sorgen dafür, dass jeder was gegen den Hunger hat.

Morgens um sieben. Bernd Schneider steht mit einem Messer im ehemaligen Hobbyraum eines Einfamilienhauses. Vor ihm liegen Brotscheiben, eine große Packung Käse, Radieschen-Scheiben und ein Stück Butter. Gemeinsam mit sechs anderen Freiwilligen schmiert der Frührentner Pausenbrote - für Schüler, die sonst am Morgen nichts zu essen hätten. „Ich habe meinen Kindern früher auch Frühstücksbrote geschmiert. Damit kenne ich mich aus“, sagt der 62-Jährige und streicht die Butter auf dem Vollkornbrot breit. Er ist einer von fast 30 Helfern, die freiwillig für die Würzburger Kindertafel arbeiten. Ähnlich organisierte Projekte gibt es in Schweinfurt, Fürth und München. Dazu kommen zahlreiche kleine Initiativen, die sich ebenfalls um ein gesundes Frühstück für Schüler kümmern.

Zweimal in der Woche kommt der pensionierte Fachhochschullehrer in den Hobbyraum und bindet sich die Plastikschürze um. Außerdem übernimmt er die Fahrdienste und bringt die Frühstückspakete zu den Schulen. Derzeit schmieren die Helfer fast 90 Brote. Dazu kommt ein Getränk - meist Saft oder Wasser und etwas Obst oder Gemüse. „Bei uns sind alle Zutaten frisch und wir legen Wert auf ein gesundes Frühstück“, sagt Erika Marold, die gemeinsam mit ihrer Tochter Ute Kremen die Würzburger Kindertafel organisiert.

Dem Bundesverband Deutsche Tafel zufolge nimmt die Kinderarmut in Deutschland stetig zu. Inzwischen lebe jedes siebte Kind von Hartz IV, in Ostdeutschland sei es sogar jedes vierte Kind. Bundesweit gibt es mittlerweile fast 900 Tafeln, die Bedürftige mit Essen versorgen. Dabei gibt es ein Stadt-Land-Gefälle, sagt Stefan Labus vom Bundesverband Kindertafel. „In den Landkreisen gibt es weniger Armut, dort sind die Versorgungslücken nicht so groß. In den Ballungszentren dagegen tickt die Zeitbombe“, meint der geschäftsführende Vorstand.

Das bayerische Kultusministerium begrüßt Projekte, die Kindern ein frisches Pausenbrot ermöglichen. „Diese bürgerschaftlichen Initiativen helfen, einen Mangel in einem sozialen Bereich zu bekämpfen. Da kann man sehr dankbar sein“, sagt Wolfgang Ellegast, der im Ministerium für Gesundheitsförderung an der Schule zuständig ist. In Bayern lernen mehr als 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche an 5600 Schulen.

Im Gegensatz zu anderen Tafeln in Deutschland kaufen die Kindertafeln in Schweinfurt und Würzburg frisch ein und haben keinen direkten Kontakt zu den bedürftigen Schülern. „Alles bleibt anonym. So wird niemand stigmatisiert“, sagt Labus.

Das sei auch eine der Herausforderungen in den Klassenzimmern, sagt Schulleiter Stephan Becker. „Es besteht natürlich die Gefahr, dass eine Zwei-Klassen-Klasse entsteht. Aber die Lehrer hier gehen ganz natürlich damit um.“ Er hat das Angebot der Kindertafel zum Start der Initiative vor einem halben Jahr angenommen. „Wenn man Hunger hat, kann man nicht lernen“, sagt Klassenlehrerin Claudia Martin. Mit vollem Magen seien die Jungen und Mädchen deutlich konzentrierter.

1,60 bis 2,50 Euro kostet eine Frühstücksbox der Kindertafeln - Geld, das ausschließlich über Spenden gesammelt wird. Hier und da spendieren Bäcker, Fleischer oder Supermärkte Zutaten oder Getränke für die gesunden Pakete. Teilweise bekommen die Kindertafeln auch Rabatte beim Einkauf.

Kremen und ihre Helfer in Würzburg könnten noch mehr Kinder mit Frühstückspaketen versorgen, aber derzeit fehlt ihnen der Platz dazu. Der Hobbyraum ist zu klein. Und auch, wenn die Lebensmittelhygiene dem provisorischen Arbeitsplatz vorher zugestimmt hat, so wäre doch eine kleine Wohnung mit hohen Decken und einer Edelstadtküche in der Innenstadt deutlich besser.

Die Würzburger Kindertafel will jedoch nicht nur Mägen füllen. Sie will auch zeigen, was ein gutes Frühstück ist. „Wenn wir hier die Kinder und Eltern ein ganz kleines bisschen erziehen könnten, wären wir glücklich“, sagt Mitorganisatorin Marold. Für viele Frühstückspakete verzichten die Helfer auf Fleisch, Schweinefleisch kommt gar nicht aufs Brot. Auch Süßes kommt fast nie in die Tüte.

Dass den Schülern die Vollkornpausenbrote zu gesund sind, glaubt Tafelvorstand Kremen nicht. „Wir haben gute Kontakte zu den Hausmeistern. Und es ist bislang noch nichts im Mülleimer gelandet.“

Christiane Gläser, dpa

Rubriklistenbild: © obs/VDM Verband Deutscher Mühlen

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