1. kreisbote-de
  2. Bayern

Die Frau für die frühe Schlagzeile - seit 50 Jahren trägt sie die Heimatzeitung aus

Erstellt:

Von: Cornelia Schramm

Kommentare

Sie genießt ihren Beruf: Austrägerin Elisabeth Winhard aus Bad Tölz.
Sie genießt ihren Beruf: Austrägerin Elisabeth Winhard aus Bad Tölz. © Arndt Pröhl

Mit Tatendrang und Passion: Seit über einem halben Jahrhundert sorgt Elisabeth Winhard dafür, dass die Heimatzeitung morgens pünktlich im Briefkasten steckt.

Bad Tölz – Die erste Tasse Kaffee des Tages trinkt Elisabeth Winhard erst nach getaner Arbeit. Schließlich beginnt der Tag der 76-Jährigen schon zeitig. „Um halb vier klingelt der Wecker. Viel Zeit habe ich da nicht. Waschen, anziehen und schon bin ich unterwegs“, sagt sie. „Die Leute wollen ihre Zeitung doch schon beim Frühstück lesen können.“ Und damit der tagesaktuelle Lesestoff in Bad Tölz auch pünktlich auf dem Tisch liegt, bestückt Winhard die Briefkästen schon im Morgengrauen mit der Tölzer* Ausgabe unserer Zeitung.

„Jeder Beruf hat sein Ach und Aber – aber ich bin gerne Frühaufsteher und beim Zeitungaustragen erlebt man eine Menge“, sagt Winhard. Sie weiß, wovon sie spricht, immerhin feiert sie heuer ihr Jubiläum nach 50 Jahren als Zustellerin. Auf den Tölzer Straßen ist Winhard daher seit 1971 ein bekanntes Gesicht. Die Metzger und Bäcker begrüßen sie jeden Tag, schließlich sind es immer die gleichen, die sich schon in den frühen Morgenstunden begegnen. „Auch die, die um diese Uhrzeit erst den Heimweg angetreten haben, begegnen einem da“, sagt Winhard und lacht. Schon öfter sei sie für eine Taxi-Fahrerin gehalten worden. „Ich kann aber doch nicht jeden heimfahren, während die anderen auf ihre Zeitung warten.“

Rund 70 Exemplare stellt die Tölzerin jeden Tag zu. Ihr „Revier“, wie sie sagt, liegt rechts der Isar und verläuft im Moment vom Buchsteinweg bis zur Blombergstraße. Mit dem Alter hat Winhard ihr Gebiet aber verkleinert. Früher lieferte sie 250 Zeitungen aus. „Oft bin ich auch in Richtung Atzbach oder Eichmühle gefahren. Das war dann schon weit“, sagt Winhard.

15 Jahre lang Zeitungs-Austragen mit dem Fahrrad - auch bei Eis und Schnee

Die Zustellungen stemmte die Tölzerin fast 15 Jahre lang mit dem Fahrrad – selbst bei Regen, Wind und Schnee. Erst mit vierzig hat sie ihren Führerschein gemacht. Nur so kann die 76-Jährige bis heute ihrem Nebenjob und Hobby nachgehen. „Ich habe Rheuma und zwei künstliche Kniegelenke“, sagt Winhard. „Trotzdem: Das Aufstehen und das Ausfahren halten mich fit und ich kann mir die Rente aufbessern.“ Um 21 Uhr geht es ins Bett, sodass Winhard sogar am „freien Sonntag“ früh aufsteht. Wenn sie sonst die Arbeit hinter sich gebracht hat, liegt noch der ganze Tag vor ihr. Als Hausfrau und Mutter war das für sie früher wichtig.

Mit ihrer Tochter Manuela brachte Winhard 1969 ein Kind mit Behinderung zur Welt. Danach bekamen sie und ihr Mann Erwin drei Söhne. „Ich kümmerte mich um die Kinder und das Haus, während mein Mann als Installateur und Möbelpacker arbeitete“, erzählt sie. Solange er morgens noch da war, konnte sie Zeitungen zustellen. Danach machte sie das Frühstück und die Kinder für die Schule fertig. Sie sollten eine unbesorgte Kindheit haben. Etwas, das Winhard selbst nicht hatte.

Wenige Tage nach Kriegsende wurde Elisabeth Winhard 1945 in Hausham (Kreis Miesbach) geboren. Ihr Vater war Bergarbeiter. Ihre Mutter kümmerte sich um sie und ihre drei Brüder. Sie führten ein einfaches Leben und hatten nicht viel Geld. „Als ich zwölf war, starb meine Mutter. Da schickte mich mein Vater nach Bad Tölz – dort gab es viele Höfe, Wirtschaften und Kurgäste“, sagt Winhard. „Mit ihrem Tod war meine Kindheit vorbei. Ich verließ die Volksschule, um Geld zu verdienen.“

Zustellerin Winhard hat Anpacken von Kindheit an gelernt

Anzupacken hat Winhard also von Kindheit an gelernt. Mit dem Zubrot als Zustellerin konnte sie ihre Kinder immer schön einkleiden, erzählt sie. Der einzige Luxus, den sie sich selbst gönnte, war der Friseurbesuch. „Ich war ja immer unter Leuten und habe mir die Haare deshalb regelmäßig legen lassen“, sagt sie. „Die Elisabeth wieder! Wie aus dem Ei gepellt!“, haben die Menschen ihrer „Zeitungsfrau“ dann immer zugerufen.

Müßiggang und Stillsitzen gibt es bei Winhard bis heute nicht. Auch ihren Mann hat sie in der Rente mobilisiert: Er beliefert jetzt sein eigenes Gebiet mit dem Tölzer Kurier. Und wenn das Paar alle Exemplare ausgeliefert hat, kommt es am Frühstückstisch nun gemeinsam zur Ruhe. Mit der Zeitung in der Hand. Und der ersten Tasse Kaffee des Tages. - *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare