Von Zottelhexen und Bergfexen - Frauen in den Bergen

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Die Postkarte (undatiert) aus dem Buch "Frauen im Aufstieg, auf Spurensuche in der Alpingeschichte" zeigt eine Bersteigerszene im französischen Chamonix.

München - Frauen in den Bergen, das galt in den Anfängen des Alpinismus als nicht schicklich. Trotzdem stiegen sie schon früh auf Gipfel - ein neues Buch befasst sich mit der weiblichen Alpingeschichte.

Im langen Rock zogen sie los, später, an den ersten Felsen, verschwand das störende Kleidungsstück im Rucksack. Die ersten Frauen in den Bergen hatten mit Vorurteilen zu kämpfen. Im 19. Jahrhundert galt das gerade aufkommende Bergsteigen als reine Männerdomäne. Eine Dame sollte höchstens in der Sänfte, getragen auf Männerschultern, in unwegsame Gegenden vordringen. Anfang des 20. Jahrhunderts, als man Frauen das Vergnügen einer “Bergfahrt“ schon zugestand, mussten sie zumindest Benimm-Regeln einhalten. “Liebes ehemals schwaches, seit neuestem gleichberechtigtes Geschlecht“, wandte sich der Bergautor Franz Nieberl 1922 an die Damen: Sie mögen den Rucksack selbst tragen, auf Hütten hausfrauliche Gaben entfalten und keinesfalls mit Männern anbandeln. “Werde um des Himmelswillen kein “wildes Bergweib““, mahnt Nieberl. “Weibliche Anmut ist nämlich auch in Hosen und bei und besonders nach strammer Kletterarbeit leicht zu bewahren, wenn nötig, mit geringer Mühe wiederherzustellen. Eine Zottelhexe mit wirrem Haar und nachlässiger Gewandung ist keine Verkörperung weiblicher Reize.“

Die weibliche Alpin-Geschichte von Anbeginn bis 1945 hat nun die Südtirolerin Ingrid Runggaldier in “Frauen im Aufstieg“ zusammengetragen. Auf gut 300 Seiten spürt sie Lebensläufen von Alpinistinnen nach, die oft nicht einmal in ihrer eigenen Zeit bekannt waren, “weil man es gar nicht wissen wollte und weil sie selbst nicht so das Bedürfnis hatten, sich öffentlich darzustellen - das wurde auch nicht unbedingt goutiert.“ Der Alpinismus sei nur ein Beispiel. “Es könnte auch die Geschichte der Künstlerinnen, der Wissenschaftlerinnen oder der Politikerinnen sein“, sagt sie. “Man kann das Bergsteigen nicht getrennt von der gesellschaftlichen Entwicklung sehen.“ Nach Runggaldiers Recherchen waren Frauen von Anfang an dabei, weniger von Leistungswillen motiviert als vom Wunsch, aus der Enge auszubrechen, Abenteuer zu erleben - oder aus wissenschaftlichem Interesse. Die Geologin Maria Matilda Ogilvie Gordon erforschte die Dolomiten; die bergvernarrte italienische Königin Margarethe setzte sich 1890 für den Bau der Forschungsstation und höchsten Berghütte der Alpen “Capanna Regina Margherita“ (4554 m) ein. In den Bergdörfern wiederum verdiente sich manche Frau ein Zubrot als Lastenträgerin der Touristen. Begonnen hatte es im 18. Jahrhundert mit den sogenannten Kavaliersreisen. Wer konnte, bereiste Europa, sah Rom und Paris - und besuchte die mächtigen Alpen mit ihren Gletschern. Standesgemäß in Tragestühlen ließen sich die Schriftstellerinnen Mary Wortley Montagu und Sophie von La Roche in die Berge tragen. Montagu wurde so 1718 über den Mont Cenis in Frankreich geschleppt, und La Roche 1784 sah von den Schultern ihrer Träger aus die Gletscher des noch unbezwungenen Montblanc.

Selbst zu gehen war nicht schicklich - vermutlich wäre es angenehmer gewesen. In den Sänften zu Bewegungslosigkeit verdammt, froren die Frauen jämmerlich, es schaukelte entsetzlich, und manche musste gar fürchten, über einem Abgrund aus dem schwankenden Stuhl zu kippen. “Ich war halb tot, ehe wir den Fuß des Berges erreichten“, skizziert Montagu ihre Erlebnisse. 1786 erstiegen der Arzt Michel-Gabriel Paccard und der Bauernsohn Jacques Balmat den Montblanc (4810 m). 22 Jahre später stand als erste Frau Marie Paradis, eine Freundin Balmats, auf dem höchsten Alpengipfel. Große Freude scheint ihr die Bergtour nicht gemacht zu haben: “Werft mich in einer Gletscherspalte“, soll sie gestöhnt haben, ehe sie, mehr geschoben als selbst steigend, auf dem Gipfel stand.

Ganz anders die Französin Henriette d'Angeville. Die Adelige verwirklichte 1838 mit dem Montblanc ihren Lebenstraum. Mit Strohhut, Pelzboa und einem Stock mit Eisenspitze erreichte sie mit sechs Bergführern am 4. September den Gipfel. “Wollen ist können“ ritzt sie ihr Lebensmotto in den Schnee. Später schreibt sie selbstbewusst: “Ich gehöre zu denjenigen, die den malerischen und hübschen Landschaften die grandiosen Naturschauspiele vorziehen.“ Zudem sehe und fühle eine Frau anders, und es habe ja noch keine den Montblanc aus ihrer Sicht geschildert.

Rund 100 Jahre später rücken die Frauen auf. Die Halbjüdin Hettie Dyhrenfurth macht sich mit ihrem Mann in den 1930er Jahren auf eine Kangchendzönga-Expedition im Himalaya. Dabei erreichte sie eine Höhe von über 7000 Metern und erzielte damit den Höhenrekord bei den Frauen, den sie bis 1954 behielt. Bescheiden bleibt sie stets im Hintergrund. An einer Medaillenübergabe bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin nimmt sie aus Protest gegen die Nazis nicht teil.

Fast wie ihr Gegenstück wirkt Leni Riefenstahl. Sie filmt für Hitler die Spiele, rückt sich selbst in die Öffentlichkeit - und macht mit ihren Filmen das Bergsteigen besonders der Frauen publik. Die Nazis, die das Bild der Frau als Mutter unterstrichen, förderten auch deren körperliche Ertüchtigung: Das Land brauchte Heldinnen. Beim Alpenverein stieg die Zahl der weiblichen Mitglieder. Für ein neues Frauenbild jenseits aller Ideologie stand die Südtirolerin Paula Wiesinger-Steger, die als Ski-Rennläuferin und Kletter-Pionierin in den 1930er Jahren als einzige Frau den sechsten Schwierigkeitsgrad voraus stieg. Als Wirtin selbstständig, sportlich, kinderlos: “Das ist damals nicht das Normale unter den Frauen gewesen - aber es hat sich ein anderes Leitbild entwickelt“, sagt die Leiterin des Alpinen Museums des Deutschen Alpenvereins in München, Friederike Kaiser . Praktisch bis heute sind Frauen am Aufholen. Vor kaum zwei Jahren schafften die Südkoreanerin Oh Eun-sun und die Spanierin Edurne Pasaban als erste in einem schlagzeilenträchtigen Wettlauf alle 14 Achttausender, 34 Jahre nach Reinhold Messner. Dieser widmet den Berg-Frauen mit “On top“ ein Buch und lobt: “Frauen sind nicht nur höhentauglicher als Männer, sie klettern auch eleganter.“

dpa

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