Die Könige des Kult-Krimis

50 Jahre Tatort: Münchner Ermittler im Interview - “Die mit den wenigsten psychischen Defekten“

Die beiden Kriminalhauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, Mitte) und Ivo Batic (Miroslav Nemec, rechts) mit Kollegen des SEKs (Komparsen) am Marienplatz
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Udo Wachtveitl und Miroslav ­Nemec ermitteln seit fast 30 Jahre als Münchner Kult-Komissare im Tatort. Die beliebte TV-Krimireihe selbst feiert rundes Jubiläum. Interview.

  • 50 Jahre Tatort in der ARD - Zum Jubiläum ermitteln Münchens TV-Kommissare mit den Kollegen aus Dortmund.
  • Wir haben uns im Interview mit den beiden Hauptdarstellern Udo Wachtveitl und Miroslav ­Nemec unterhalten.
  • Auch „Assistent“ Ferdinand Hofer ist dabei. Das Trio plaudert über Deutschlands wohl beliebteste Krimireihe.

München - Vor knapp 30 Jahren traten sie gegeneinander an. Dachten Udo Wachtveitl und Miroslav ­Nemec ­jedenfalls, als sie ­seinerzeit zum Casting ­gingen. Der BR suchte Hauptdarsteller für den neuen ­München-Tatort, und die beiden selbstbewussten Kandidaten gingen davon aus, dass nur ein Kommissar gebraucht würde. Also spielten sie um ihr Leben – und bekamen beide den Job. Seitdem sind Wachtveitl (62) und Nemec (66) nicht nur fester Bestandteil der ARD-Kultreihe. Sie spielen immer noch um ihr Leben und gehören auch deswegen zu den beliebtesten Ermittlern. Ehrensache, dass sie Teil des Jubiläums-Tatorts sind.

Beim Interview mit unserer Zeitung ist Ferdinand Hofer (27) natürlich auch dabei. Seit 2014 senkt er als Assistent Kalli den Altersdurchschnitt auf dem Münchner Revier um gleich einige Jahre. Dass die beiden „Alten“ aber nach wie vor die Chefs im Ring sind – daran besteht auch beim ­Gespräch im 14. Stock des BR-Funkhauses kein Zweifel.

Münchner Tatort-Kommissare: „Wir sind stinknormal, fast schon avantgardistisch“

Die Jubiläums-Folgen heißen „In der Familie“. Fühlen Sie drei ein Zusammengehörigkeitsgefühl in Bezug auf den „Tatort“? Nach dem Motto: Wir Kommissare, wir sind Teil einer großen Krimi-Familie?
Miroslav Nemec: Dazu kann ich eine kleine Anekdote erzählen. Als wir den ersten Teil dieser Jubiläumsfolge mit den Dortmunder Kolleginnen und Kollegen gedreht haben, gab es ein Zusammentreffen, das sich tatsächlich nach Familie angefühlt hat. Das war in Köln. Dort steht ein Gebäude, in dem die Innenaufnahmen aller WDR-Tatorte gedreht werden, also vor allem die Präsidiumsszenen der Kollegen aus Köln, Dortmund, Münster, und diesmal eben auch mit uns. Eines Abends organisierte Dietmar Bär eine vorweihnachtliche Kommissars-Feier für uns alle. Das fühlt sich dann tatsächlich nach „in der Familie“ an.
Und bezogen auf die ganze „Tatort“-Familie – in welcher Rolle sehen Sie sich? Oberhäupter? Jung gebliebene Onkel?
Udo Wachtveitl: Ich würde es nicht an diesen Rollen festmachen, sondern sagen: Wir sind die mit den wenigsten psychischen Defekten.
Nemec: Er meint unsere Figuren: Batic und Leitmayr, nicht uns als Privatpersonen (lacht).
Wachtveitl: Na klar. Das Private ist ja uninteressant (lacht). Im Ernst: Es war uns immer ein Anliegen, dass unsere Figuren dadurch interessant sind, dass sie als Menschen glaubhaft sind und nicht gebündelte Problemlagen darstellen. Mir persönlich gehen allzu viele ­Privatismen von Kommissaren ganz generell auf den Wecker. Ich möchte nicht von jedem Ermittler wissen, welche Fetische er hat. Wir sind drei stinknormale, heterosexuelle Männer, die in einem Mordfall ermitteln. Das ist so normal, das würde sich heute wahrscheinlich keiner mehr trauen, das ist fast schon avantgardistisch.

Tatort-Familie beim TV-Krimi: „Manchmal wird es ein bisschen unübersichtlich“

Nemec: Für neue Teams ist es mit Sicherheit schwieriger geworden, ein Profil für sich zu finden. Etwas, das sie abhebt von allen anderen. Nur dass bei der Suche nach einer eigenen Note oft überdimensioniert wird.
Wachtveitl: Ja, das ist auch wie in einer echten Familie: Es kommen immer neue Mitglieder hinzu, die müssen sich erst mal profilieren – und manchmal wird es dann auch unübersichtlich. Ich könnte nicht genau sagen, wer aktuell alles ermittelt. Du?
Nemec: Ich müsste ein bisschen nachdenken, aber so ungefähr weiß ich es schon, ja.
Und Sie, Herr Hofer? Kennen Sie die Kollegen von Kiel bis Zürich?
Ferdinand Hofer: Ich finde es mitunter auch unübersichtlich. Ich habe jetzt beim Drehen natürlich die Kollegen aus Dortmund kennengelernt. Aber wenn ich ehrlich bin, kenne ich eigentlich nur meine eigene Münchner Tatort-Familie richtig gut.
Nemec: Ferdi, wenn du Udo und mich jetzt in Vater und Mutter einteilen müsstest…
Hofer: Das ist jawohl ganz klar, dass du, Miro, bei uns die Mutti bist.
Und Udo Wachtveitl macht den Papa?
Hofer: Nein, der Papa bin ich! Udo ist das Kind (Alle lachen und nicken zustimmend.)
Wachtveitl: Komm du mir nach Hause!
Dass mit Kalli ein junger Kollege zum Team gestoßen ist – hält das Batic und Leitmayr jung oder lässt sie das in manchen Szenen besonders als aussehen?
Wachtveitl: Kalli, also Ferdi, sag das Richtige jetzt!
Hofer: Ging die Frage nicht an Euch?
Nemec: Mach nur du, Ferdl!
Hofer: Also, ähem, ich würde sagen, dass ihr definitiv jünger wirkt, seit ich an eurer Seite… (Wachtveitl und Nemec lachen ziemlich dreckig, Hofer windet sich). Nicht? Tut mir leid, ich kann die Frage jetzt nicht anders beantworten. Es macht uns jedenfalls allen dreien Spaß.
Nemec: Auf jeden Fall. Und wir fangen jetzt auch nicht an, Turnschuhe zu tragen und deine Haartolle zu kopieren. Das finde ich auch gut.

Werden Münchens Tatort-Kommissare noch im Rollator Verbrechern hinterherjagen?

Die „Tatort“-Quoten sind immer noch sehr stark. Aber trotzdem – machen Sie sich manchmal Sorgen um die Zukunft der Marke?
Wachtveitl: Man muss aufpassen, dass man sie nicht überdehnt – mit ständigen Wiederholungen, aber auch mit einer vielleicht zu hohen Schlagzahl an Teams. Ich glaube wirklich, dieses Land kann nicht beliebig viele Tatorte pro Jahr produzieren, die alle gut sind. So viele gute Autoren und Regisseure sind gar nicht da.
Nemec: Gerade in den vergangenen zehn Jahren wurde die Marke wirklich sehr gehypt. Ich hatte manchmal das Gefühl, es läuft überhaupt nichts anderes mehr. Überall Tatort. Das wurde mir manchmal zu viel. Wir sollten uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren.
Wachtveitl: Ja. Eine gute Krimigeschichte, gut erzählt.
Sie haben immer betont, dass Sie keinen Vertrag mit dem Sender haben und es auch kein Datum gibt, an dem Ihr Arbeitsverhältnis endet. Aber haben Sie eine Art Pakt geschlossen – nach dem Motto: Wenn wir gehen, dann gemeinsam?
Wachtveitl: Also, wenn überhaupt, dann ist als Erstes für ihn Schluss (zeigt auf Nemec). Er ist der Älteste.
Nemec: Sehr lustig. Die ehrliche Antwort ist: Wir haben keine Pläne. Und über unser Ende entscheiden im Übrigen auch nicht wir alleine.
Wachtveitl: Wenn der Miro noch Geld braucht, wenn ich aussteige, dann macht er weiter…
Nemec: Na klar.
Wachtveitl: … und wenn sie dich allein nicht wollen, dann leih ich dir was. Wir haben uns über das Ende tatsächlich nicht unterhalten. Es wird aber auf jeden Fall nichts Tragisches, Dramatisches sein. Das würde nicht zu uns passen.
Nemec: Nein. Wir bleiben uns treu. Bis zum Ende.
Und das wäre wann?
Nemec: Wenn wir im Rollator den Verbrechern nachfahren müssen.
Wachtveitl: Oder wenn das Verbrechen endgültig besiegt ist.

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