Geschichte der Massenflucht

BR-Film "Frei": Die Rattenlinien der Nazis

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Ex-Obersturmbannführer Viktor Voss und die Jüdin Eva planen ihr neues Leben in Argentinien.

München - Das brutale Soldatenleben an der Front, die KZs, die Judenverfolgung. Doch ein Thema des Nationalsozialismus gibt es, über das noch nie ein Film gedreht wurde, nicht einmal eine Dokumentation: die Rattenlinien der Nazis!

Die Flucht der NS-Verbrecher nach 1945: Bernd Fischerauer, preisgekrönter Regisseur aus München, ist der erste, der sich mit dem Drama Frei an dieses Thema gewagt hat. Wie konnten so viele Nazis nach dem Krieg im Ausland ein schönes Leben führen – trotz ihrer Verbrechen?

„Frei“; Samstag, 22.00 Uhr, BR

Die Zeitreise führt in den November 1945. Der Krieg ist verloren, Tausende Menschen sind auf der Flucht. Darunter auch Viktor Voss (Ken Duken), Ex-Obersturmbannführer der SS, und die Jüdin Eva (Julie Engelbrecht), eine polnische Pianistin, die das KZ Auschwitz überlebt hat. Ihre Wege kreuzen sich in Südtirol, wo Voss mit seiner kranken Frau und Tochter Emma (Gwendolyn Göbel) zusammentreffen sollte. Doch seine Frau ist tot, da nimmt er Eva mit, getarnt als seine Ehefrau. Sie ahnt nicht, wen sie da an ihrer Seite hat. Die beiden verlieben sich, starten in Buenos Aires ein neues Leben. Doch ihr altes Leben holt sie wieder ein …

Regisseur Fischerauer erzählt der tz, warum er diese Geschichte verfilmt hat: „Ich will, dass diese Verbrecher nicht in Vergessenheit geraten. Es sind so viele Menschen aus dieser Zeit gegangen, ohne jemals Verantwortung zu übernehmen.“ Der Regisseur nennt als Beispiel seinen eigenen Vater. „Er war Mitglied der Waffen-SS und half 1942 dabei, das Warschauer Ghetto zu räumen.“ In Fischerauers Kindheit brüsteten sich sein Vater und dessen Freunde oft mit ihren „Leistungen“ während der Nazizeit. „Noch lange nach Kriegsende glaubten sie an den Endsieg.“

Mit wem sympathisieren wir?

Auch Viktor Voss hat diese Illusion. Doch die Zeugen seiner Vergangenheit finden ihn in Argentinien, drohen seine Identität auffliegen zu lassen. Er kann sie nicht abschütteln – auch nicht mit seiner kaltblütigen, blitzschnellen Art zu töten: Schlag in den Kehlkopf – Genickbruch!

Nicht nur diese brutalen Bilder hallen im Kopf des Zuschauers noch lange nach. Sondern auch die Frage: Mit wem sympathisieren wir? Regisseur Fischerauer hat mit Ken Duken kein fettes, fieses „Nazischwein“ als Darsteller gewählt, nein, einen gut aussehenden, liebenden Mann und Vater. Das wirft den Zuschauer auf sich selbst zurück. Wie hätten wir zu dieser Zeit gehandelt? Regisseur Fischerauer will zeigen, „dass in jedem von uns etwas steckt, das uns auch zu Verbrechern hätte machen können“.

Julie Engelbrecht (Tochter der 2000 verstorbenen Constanze Engelbrecht und des französischen Schauspielers François Nocher) spielt in Frei die Jüdin Eva. Sie hat sogar einen persönlichen Bezug zu dem Thema des Films: „Meine Oma war Jüdin und verheiratet mit einem ,chef de la Resistance‘. Um ihn vor den Nazis zu schützen, musste sie meinen Vater als Neugeborenen in einem Schuhkarton in Schubladen verstecken.“ Für sie war der Film eine „große Herausforderung“, sagt Julie Engelbrecht. Aber auch „eine Chance, diese Erinnerung und die der vielen anderen Schicksale zu beleben.“

tz-Stichwort: Die „Rat lines“

Rattenlinien oder „rat lines“: So nannte der US-Geheimdienst die internationalen Fluchtrouten der Nazis und SS-Schergen nach Kriegsende. Sympathisanten des Dritten Reichs (oft sogar hochrangige Vertreter der katholischen Kirche!) organisierten die Massenflucht, sie halfen den Nazis, sich vor allem nach Südamerika abzusetzen. Zu den bekanntesten Flüchtlingen der Rattenlinien gehört Adolf Eichmann, der oberste Organisator des Holocaust: Getarnt als Riccardo Klement floh er 1950 nach Argentinien, wurde aber 1960 von israelischen Agenten entführt und nach Israel gebracht, wo er vor Gericht kam und hingerichtet wurde. Weitere Flüchtlinge auf den Rattenlinien: KZ-Arzt Josef Mengele, Franz Stangl (Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka) oder der „Schlächter von Lyon“ Klaus Barbie.

Andrea Stinglwagner

Quelle: tz

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