"Der Mensch ist simpel gestrickt"

Wulff-Film: Das sagt der Hauptdarsteller

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Christian Wulff (Kai Wiesinger mit Anja Kling als „Bettina Wulff“) spricht im Auto „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann auf die Mailbox.

Berlin - Am Dienstag läuft das Dokudrama "Der Rücktritt" im Fernsehen. Kai Wiesinger spielt darin Christian Wulff. Die tz sprach mit dem Hauptdarsteller.

Gerade mal zwei Jahre ist es her, dass Christian Wulff seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten verkündete. Zuvor hatte er 68 Tage taktiert, vertuscht, gerechtfertigt, gekämpft, gelitten. Während sich die Gerichte noch um die juristische Aufarbeitung des Falls Wulff bemühen, zeichnet der TV-Film Der Rücktritt ein ganz persönliches Bild des ehemaligen Bundespräsidenten und seiner First Lady Bettina. Geschickt mischt Regisseur Thomas Schadt in diesem überaus gelungenen Film fiktionale Spielszenen mit Originalbildern.

Kai Wiesinger und Anja Kling spielen Christian und Bettina Wulff. Und sie spielen es überzeugend, jenes Glamourpaar, das von den Kameras so geliebt wurde. Der Film startet mit der Reise an den Golf, wo der Bundespräsident erfährt, dass Bild-Journalisten an einer Geschichte über seinen Privatkredit zur Finanzierung seines Hauses in Großburgwedel dran sind. „Ungereimtheiten müssen geklärt werden“, heißt es von den Pressevertretern, und Wulff beginnt, beraten von seinen Vertrauten Olaf Glaeseker (Holger Kunkel) und Lothar Hagebölling (René Schoenenberger), der Öffentlichkeit die Wahrheit in homöopathischen Dosen zu servieren. Der Beginn seines Scheiterns.

Die Frage, ob der heute 54-jährige Christian Wulff Opfer einer beispiellosen Medienschlacht wurde oder durch seine Unaufrichtigkeit selbst schuld an den Entwicklungen war, interessiert Hauptdarsteller Kai Wiesinger eher weniger: „Es gibt keine Schuld in diesem Fall. Es gibt Verantwortung fürs eigene Handeln, und die muss jeder für sich tragen – Politker, aber auch die Medien.“

Für ihn, so Wiesinger beim tz-Gespräch in München, gehe es viel mehr um die Frage, wie wir miteinander umgehen wollen. „Als Wulff ins Kreuzfeuer der Kritik geriet, entstand in Deutschland eine Freude an der Skandalisierung, die erschreckend war. Man wartete förmlich auf die nächste Enthüllung“, erinnert sich der Berliner Schauspieler.

Er spielt den Bundespräsidenten mit großer Würde, zurückgenommen und respektvoll. „Man darf sich nie über eine Figur, sondern nur in ihren Dienst stellen“, sagt Wiesinger, der sich intensiv auf seine Rolle vorbereitete. „Ich glaube, ich habe alles gelesen und gesehen, was es an Material zu diesem Thema gab. Und trotzdem würde ich nie behaupten, den Menschen hinter dieser Geschichte zu kennen.“

Wulff selbst habe er nur einmal vor vielen Jahren in einer Talkshow zum Thema Euro getroffen, erinnert sich der 47-Jährige. Für das Dokudrama, das von Produzent Nico Hofmann (Unsere Mütter, unsere Väter) realisiert wurde, lehnten Christian und Bettina Wulff jede Mitarbeit ab. Und so sind die privaten Szenen, in denen das Paar diskutiert und hadert, reine Fiktion – auch wenn es, so der Sender, für die meisten Dialoge im Film Zeugen gibt.

Sorgen müssen sich Christian und Bettina Wulff, die mittlerweile getrennte Wege gehen, keine machen. Der Film zeigt sie von einer sehr menschlichen Seite, teils überfordert und bisweilen verzweifelt. Er geht kritisch mit den Medien um, mit Talkshowvertretern und all jenen, die sich an dem Skandal weideten. Ein paar unschöne Szenen sind Wiesinger, der die damalige Fernsehberichterstattung intensiv studierte, noch im Gedächtnis. Wie das Gespräch von Wulff mit Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten. Da sei eine Art Sittengemälde unserer Gesellschaft entstanden. „Behauptete doch tatsächlich die gestandene Journalistin vor laufender Kamera, dass sie bei Freunden 150 Euro für eine Übernachtung bezahlen würde. Unglaublich!“

Die Akte Wulff ist noch nicht geschlossen, ein juristischer Freispruch durchaus denkbar. Und wie stehen die Chancen, dass sich der von Wiesinger kritisierte Umgang miteinander in Zukunft ändert? „Eher schlecht“, befürchtet der Schauspieler. „Schon die Römer haben Gladiatorenkämpfe geliebt. Vielleicht machen wir uns alle was vor, wenn wir glauben, besondere Wesen zu sein. Ich glaube, der Mensch ist recht simpel gestrickt.“ Astrid Kistner

„Der Rücktritt“ diesen Dienstag, 20.15 Uhr, SAT.1

„Der Mensch ist simpel gestrickt“

 Oktober 2008: Christian Wulff erhält als niedersächsischer Ministerpräsident von der Unternehmergattin Edith Geerkens ­einen Privatkredit über 500 000 Euro zum Kauf eines Hauses.

 18. Februar 2010: Wulff antwortet auf eine Anfrage im niedersächsischen Landtag, er pflege zum ­Unternehmer Egon ­Geerkens keine geschäft­lichen Beziehungen – und verschweigt den Kredit.

 13. Dezember 2011: Die Bild-Zeitung berichtet erstmals über Wulffs Haus­finanzierung. Zuvor hatte der Bundespräsident Medienberichten zufolge auf der Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann mit Konsequenzen gedroht, falls die Geschichte erscheint.

 15. Dezember: Wulff bedauert in ­einer schriftlichen Mit­teilung, den Hauskredit vor dem Landtag nicht ­erwähnt zu haben.

 22. Dezember: Wulff entschuldigt sich öffentlich für entstandene Irritationen.

 16. Februar 2012: Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt die Aufhebung der Immunität Wulffs, um Ermittlungen führen zu können.

 17. Februar 2012: Wulff erklärt seinen Rücktritt. Die Staatsanwaltschaft beginnt mit ihren Ermittlungen wegen möglicher Vorteils­annahme. Es geht um Ur­laube auf Sylt in den Jahren 2007 und 2008 sowie einen Oktoberfest-Besuch mit Hotelübernachtung 2008, die der Filmproduzent David Groenewold zunächst bezahlt haben soll.

Quelle: tz

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