Endlich wieder einmal eine deutsche Produktion , die es mit Hollywood aufnehmen kann

Der Kreisboten-Kinotipp: "Der Medicus"

+
Rob Cole (Tom Payne) und Rebecca (Emma Rigby) sind auf der Suche nach ihrer Bestimmung.

Eine Reise quer über den Kontinent, Freundschaften, schwierige Liebe, eine ungewollte Schwangerschaft, ein aufkeimender Krieg... wenn die Handlung aus 845 Buchseiten in einen rund dreistündigen Film gepresst wird, kann es darin eigentlich keine Sekunde Langeweile geben. Unser Filmexperte Michael Denks hat sich den "Medicus" für Sie angeschaut und ist zu dem Schluss gekommen: Endlich mal wieder ein deutsches Epos, das den Namen verdient!

In Deutschland setzt man neue Film-Maßstäbe. Nachdem bereits das bildgewaltige Epos „Cloud Atlas“ im vergangenen Jahr die Zuschauer begeisterte, geht nun „Der Medicus“ ins Rennen. Die Verfilmung dieses großen und berühmten Historienromans wäre vor ein paar Jahren in dieser Form gar nicht zu erwarten gewesen – einzelne deutsche Ausnahme-Filme wie „Der Name der Rose“ mit Sean Connery sind zu lange her und schon fast vergessen. 

Hierzulande geben sich stattdessen Komödien und Beziehungs-Kisten die Klinke in die Hand, Produktionen in der Größenordnung eines „Medicus“ schienen bislang kaum finanzierbar. Doch den als Buch allein in Deutschland sechs Millionen Mal verkauften Weltbesteller muss man mit eindrucksvoller Starbesetzung in die Kinos bringen, um auch im Ausland Punkte zu sammeln. Regisseur Philipp Stölzl („Goethe!“, „Nordwand“) hat hier neben dem Newcomer Tom Payne vor allem bei den Nebenrollen tatsächlich für hohe Qualität gesorgt. Stellan Skarsgård, Olivier Martinez und Ben Kingsley sind internationale Größen im Showbiz und praktisch Garanten für viele Zuschauer. Aber auch ein alter Bekannter aus Deutschland, eben noch kalauernd in „Fuck ju Göthe“, darf nun ein zweites Mal in die Schule. Auch wenn Elyas M’Barek diesmal wesentlich ernster zu Werke geht. 

Inhalt 

Die Geschichte des Waisen Rob Cole (Tom Payne) beginnt im finsteren, mittelalterlichen England. Dort muss er als kleiner Junge dem Sterben seiner Mutter beiwohnen, hilf- und fassungslos spürt er den nahenden Tod und hat doch keine Macht, einzugreifen. Rob schließt sich „dem Bader“ (Stellan Skarsgård) an, einem einfachen Heiler – innerlich von dem Gedanken besessen, eines Tages Wunden und Krankheiten zu heilen, die ihm selbst so viel Leid und Schmerz bereitet haben. Dazu kommt seine seltsame Gabe, den nahenden Tod eines Menschen spüren zu können. 

Doch in der westlichen Welt dieser Zeit sind die Möglichkeiten der Medizin schnell erschöpft – Rob muss ins persische Isfahan reisen, um dort unter dem berühmten Ibn Sina (Ben Kingsley) die großen Geheimnisse der Heilkunde zur erfahren. Nur der alte Meister kann ihn zu einem wahren „Medicus“ machen. Selbstverständlich ist die Reise lang und beschwerlich, aber Rob Cole hat noch ein viel ernsteres Problem: Die Einreise in das muslimische Land ist für Christen strengstens verboten. 

Rezension 

Die Faszination des Films liegt schon in der eigentlichen Geschichte begründet: Im frühen Mittelalter war die Heilkunst der griechisch-römischen Zeit in Europa tatsächlich größtenteils in Vergessenheit geraten. Im 11. Jahrhundert gibt es keine Ärzte, keine Krankenhäuser, nur sogenannte „Bader“ mit geringen medizinischen Kenntnissen. Diese Situation visuell einzufangen, ist dem Regisseur, der Ausstattung und den Darstellern absolut gelungen. Sie leisten vor allem in der ersten Hälfte des Films Großartiges. Im Vergleich zu einer großen Hollywood-Produktion – kein Unterschied. Das Mittelalter ist dreckig, die Menschen zerlumpt, der Orient bezaubernd, die Wüstenstürme verheerend! 

Mitten in diesem großen Abenteuer agiert ein toller neuer Star am Kinohimmel – Tom Payne wird sich durch sein Talent noch viele Türen aufstoßen, so viel ist sicher. Das mitreißende Abenteuerepos vermittelt neben seiner Bildsprache aber auch ein zeitloses Plädoyer für Toleranz und Freiheit und nimmt sich bei radikalen Fragen nicht zurück. 

Einzig die Fülle des Buches stellt eine gewisse Hürde dar: Rund 850 Seiten konnten in 180 Filmminuten nicht gänzlich eingepasst werden. So wirken vor allem die letzten 30 Minuten wie die Nummer einer Jongleur-Akrobatik, bei der zweifelsohne zwei Bälle zu viel in der Luft unterwegs sind. Hier versucht Philipp Stölzl, noch einmal jede im Buch angesprochene Thematik kurz anzuschneiden – wie beispielsweise die unterschiedlichen Freundschaften zwischen den Figuren, die schwierige Liebe, eine ungewollte Schwangerschaft und den aufkeimenden Krieg – und das auch noch in einem starken Kontrast zum dem Tempo, das den Film davor bestimmt. Da wäre die Überlegung angebracht gewesen: Entweder auf etwas verzichten – oder doch zwei Teile drehen? 

Aber trotz dieses Kritikpunktes: „Der Medicus“ gehört zu den besten deutschen Produktionen der letzten zwanzig Jahre – ein Muss für jeden Abenteurer. von Michael Denks

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

RTL sorgt für Show-Überraschung: Bachelorette Maxime völlig baff: „Ich weiß nicht, was abgeht“
KINO + TV
RTL sorgt für Show-Überraschung: Bachelorette Maxime völlig baff: „Ich weiß nicht, was abgeht“
RTL sorgt für Show-Überraschung: Bachelorette Maxime völlig baff: „Ich weiß nicht, was abgeht“
„Sommerhaus der Stars“: Andrej Mangold weint bittere Tränen im TV
KINO + TV
„Sommerhaus der Stars“: Andrej Mangold weint bittere Tränen im TV
„Sommerhaus der Stars“: Andrej Mangold weint bittere Tränen im TV
Fan-Liebling aus ARD-Soap zurück im TV - Er steigt bei bayerischer Kult-Serie ein
KINO + TV
Fan-Liebling aus ARD-Soap zurück im TV - Er steigt bei bayerischer Kult-Serie ein
Fan-Liebling aus ARD-Soap zurück im TV - Er steigt bei bayerischer Kult-Serie ein
Johannes B. Kerner genervt von „Tatort“-Schauspieler im TV-Interview: „Ein Sch*** ist das“
KINO + TV
Johannes B. Kerner genervt von „Tatort“-Schauspieler im TV-Interview: „Ein Sch*** ist das“
Johannes B. Kerner genervt von „Tatort“-Schauspieler im TV-Interview: „Ein Sch*** ist das“

Kommentare