Marco W.: So realistisch ist der Film über mich

+
Das Bild ging durch alle ­Medien: Marco Weiss in U-Haft

Uelzen - Marco W. wurde vor fast vier Jahren in der Türkei wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs einer 13-jährigen Britin festgenommen. Sat.1. zeigt heute Abend die Verfilmung seiner Geschichte. Die tz sprach mit Marco.

„Ich wollte den Film, damit meine Freunde sehen, was mir widerfahren ist.“

Marco Weiss heute

Marco Weiss ist inzwischen 21 Jahre alt, ein hoch gewachsener, junger Mann. Im April ist es vier Jahre her, dass er im türkischen Urlaubsort Antalya wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs einer 13-jährigen Britin festgenommen wurde. Neun Monate saß er in Untersuchungshaft, seine Geschichte ging durch alle Medien, sein Schicksal berührte die Menschen und beschäftigte die Regierungen Deutschlands und der Türkei.

Sat.1 hat diesen Ausschnitt aus seinem Leben nun verfilmt. Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis läuft heute Abend um 20.15 Uhr.

Gespielt wird der damals 17-Jährige von Vladimir Burlakov, Veronica Ferres ist in der Rolle seiner Mutter Martina Weiss zu sehen, Herbert Knaup als sein Vater Ralf Jahns. Marco selbst zeigt sich begeistert von dem Streifen: „Er ist sehr nah an der Realität“, erklärt er im Gespräch mit der tz. Allein die Gefängnisszenen seien in der Wirklichkeit noch heftiger gewesen als im Film.

„Wir waren nicht nur 20, wir waren sogar 36 Häftlinge in der Zelle“, erinnert sich Marco. Den Schmutz und die Gewaltexzesse könne man gar nicht beschreiben, hinzu kämen Backofentemperaturen im Hochsommer in dem Betonbau mitten in der Altstadt von Antalya .

„Wenn ich den Film sehe, bin ich wieder ziemlich dicht dran an damals“, sagt Marco heute. „Mir kommt es nicht so vor, als wenn das alles schon vier Jahre her ist.“ Verdrängen könne man, ja. „Aber es begleitet mich immer noch.“ Und heute? Die Monate nach seiner Freilassung waren schwierig. Eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker brach er ab, begab sich immer wieder in therapeutische Behandlung. Die Zeit aber, sie spielt für Marco, sie lässt auch die innere Distanz zu den Ereignissen größer werden. „Nachdem ich 2008 und 2009 noch sehr häufig krank und psychisch oft nicht gut drauf war, fühle ich mich derzeit wesentlich besser, stabiler, und ich komme Stück für Stück wieder im normalen Leben an. Die Albträume werden weniger, die Ängste aber bleiben.“ Zurzeit macht Marco eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. „Das ist das Richtige“, sagt er, und es klingt überzeugend.

Und sein Alltag abseits vom Beruf? Noch immer wird er auf der Straße erkannt, noch immer sprechen ihn fremde Menschen auf seine Untersuchungshaft in der Türkei an. „Früher war es schwierig damit umzugehen, aber mittlerweile hat man da seine ­Mechanismen entwickelt“, schildert er.

Über sein Privatleben spricht er nicht gerne. Hat er eine Freundin? „Da bin ich wie jeder junge Mensch auch“, antwortet er knapp. Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

Warum wollte er eigentlich, dass der Film gedreht wird? Er spielt doch die Erinnerungen wieder und wieder hoch, entfacht erneut das Interesse an ihm und seiner Geschichte … Die Antwort liefert Marcos Mutter Martina. „Auch dieser Film ist ein Teil der Verarbeitung“, sagt sie. Marco selbst sagt, er sehe den Streifen als „einen Schlussstrich“ an, den er ziehen wollte.

Der Film soll ein Schlussstrich sein, doch das Ende des Falls Marco Weiss ist er längst nicht. Denn die Familie hat gegen das Urteil des Gerichts von Antalya – knapp zwei Jahre und drei Monate Haft auf Bewährung wegen sexuellen Missbrauchs – Revision vor dem Kassationshof, dem obersten Gericht der Türkei, eingelegt. Eine Entscheidung dort ist frühestens in zwei Jahren zu erwarten. „Ich hoffe“, sagt Marco, „noch immer auf ­Gerechtigkeit“.

T. Mitzlaff / thy

„Es war eine Frage des Vertrauens“

Wie Produzent Michael Souvignier es schaffte, Marco für seinen Film zu gewinnen

Er steht hinter großartigen Filmen wie Contergan oder Das Wunder von Lengede: Michael Souvignier. Nun hat der Wahl-Kölner mit seiner Firma Zeitsprung Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis produziert.

Herr Souvignier, wann hatten Sie die Idee, die Geschichte von Marco Weiss zu verfilmen?

Michael Souvignier: Meine Frau und ich hatten uns schon mit der Idee beschäftigt, als die Geschichte vor vier Jahren durch die Medien ging. Die Entscheidung, dass das wirklich ein Stoff ist, den man verfilmen kann, fiel letztlich, als das autobiografische Buch von Marco erschienen war (Marco W. – Meine 247 Tage im türkischen Knast, Anm. d. Red.).

War es schwierig, Kontakt zu Marco herzustellen und ihn von dem Filmprojekt zu überzeugen?

Souvignier: Marco musste sich mit dem Gedanken, dass seine Geschichte verfilmt wird, zwangsläufig auseinandersetzen, weil es sehr viele Anfragen von Produktionsfirmen an ihn gab. Wir waren bei Weitem nicht die einzigen. Dass er sich für uns entschieden hat, freut mich vor allem deswegen, weil wir sicherlich nicht das finanziell höchste Angebot gemacht haben.

Was hat dann den Ausschlag gegeben, dass Sie den Zuschlag bekommen haben?

Souvignier: Der ­Familienrat der Familie Weiss hat entschieden. Wir hatten Marco und seinen Eltern eine Auswahl unserer Filme zur Ansicht geschickt, die wir bislang gedreht haben. Contergan zum Beispiel oder Frau Böhm sagt nein, mit Senta Berger.

Die haben ihm offensichtlich ­gefallen …

Souvignier: So würde ich das mal interpretieren (lacht). Aber dann haben wir natürlich auch oft telefoniert und uns einige Male persönlich getroffen. Das Wichtigste war, Vertrauen aufzubauen.

Marco wird von Vladimir ­Burlakov gespielt, der sein Zwillingsbruder sein könnte. War es schwierig, ihn zu finden?

Souvignier: Interessanterweise war das gar kein Akt. Die Castingfirma, mit der wir für den Film zusammengearbeitet haben, hat uns auf ihn aufmerksam gemacht. Entscheidend war aber gar nicht die ähnliche Physiognomie der beiden. Vladimir ist einfach ein hervorragender Schauspieler. Seine Performance hat uns überzeugt.

War Marco bei den Dreharbeiten vor Ort?

Souvignier: Er war zweimal dabei, in Niedersachsen und auf Malta, hat sich aber nicht groß eingemischt. Wir hatten ihm das Drehbuch zukommen lassen, er hat ein paar Kleinigkeiten auf der Faktenseite korrigiert, uns sonst aber großes Vertrauen entgegengebracht.

Marco ist mit dem Film ja auch sehr einverstanden. Er findet ihn großartig, hat er gesagt.

Souvignier: Ja, das ist die wichtigste und schönste Bestätigung, die wir kriegen können.

Haben Sie eigentlich auch ­versucht, Kontakt zu dem englischen Mädchen aufzunehmen, das Marco der Vergewaltigung ­bezichtigt?

Souvignier: Ja, wir haben es über Monate versucht, sogar mithilfe einer BBC-Journalistin. Ohne ­Erfolg. Marco hat ihr auch Briefe geschrieben, aber die sind im ­Nirvana gelandet.

Interview: Stefanie Thyssen

Chronologie der Ereignisse

11. April 2007: Ein Discoabend im türkischen Side endet für Marco und die 13-jährige Charlotte im Hotelzimmer der Britin. Er spricht später von gemeinsamen Zärtlichkeiten, sie von sexueller Belästigung.

12. April: Marco wird festgenommen, nachdem Charlottes Mutter Anzeige erstattet hat. Er kommt in Untersuchungshaft.

6. Juli: Am ersten Prozesstag in Antalya wird die Verhandlung nach eineinhalb Stunden vertagt. Marco bleibt hinter Gittern.

8. August: Ein Gutachter bestätigt vor Gericht Marcos Aussage, dass das Mädchen nicht vergewaltigt wurde und auch keinen Geschlechtsverkehr hatte.

6. September: Zur Klärung gibt das Gericht ein neues medizinisches Gutachten in Auftrag.

8. Oktober: Das Gericht lehnt eine Haftbeschwerde wegen der Schwere des Tatvorwurfs ab.

27. November: Charlottes Aussage liegt dem Gericht nach Angaben eines der Anwälte Marcos im Original vor.

14. Dezember: Marco kommt frei. Das Gericht entlässt den Jungen ohne Auflagen aus der Untersuchungshaft.

Januar 2008: Marco ist wieder in Uelzen und beginnt mit fünfmonatiger Verspätung ein Betriebspraktikum in einem Elektrofachhandel.

1. April 2008: Der Prozess wird in Abwesenheit Marcos fortgesetzt.

16. September 2009: Das ­Gericht von Antalya verurteilt Marco wegen sexuellen Missbrauchs zu zwei Jahren und gut zwei Monaten Haft auf Bewährung. Das Revisionsverfahren läuft noch.

TM

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

„The Masked Singer“ 2019: Wer steckte hinter welchem Kostüm? Die Enthüllungen
„The Masked Singer“ 2019: Wer steckte hinter welchem Kostüm? Die Enthüllungen
„The Masked Singer 2019“: Enthüllungen von Staffel 1 - Wer war wer und wer war der Sieger?
„The Masked Singer 2019“: Enthüllungen von Staffel 1 - Wer war wer und wer war der Sieger?
DSDS 2020: Dieter Bohlen mit drastischer Ankündigung: „Das sah auch brutal aus ...“
DSDS 2020: Dieter Bohlen mit drastischer Ankündigung: „Das sah auch brutal aus ...“
Lindenstraße: Wann läuft letzte Folge - ARD bringt Programm-Änderung
Lindenstraße: Wann läuft letzte Folge - ARD bringt Programm-Änderung

Kommentare