Barschel-Experte spricht nach "Tatort"

"Ich glaube, der Fall wird nie aufgeklärt"

+
Im Genfer Luxushotel Beau-Rivage wurde Uwe Barschel im Oktober 1987 tot aufgefunden. Für den „Tatort“ mit Axel Milberg und Sibel Kekilli wurden die Zimmer nachgestaltet.

München - Ein Tatort vor realem Hintergrund – dieses Wagnis ging am Sonntagabend der neue Krimi aus Kiel ein. In der tz spricht Winfred Tabarelli, der damalige Leiter der "Ermittlungsgruppe Genf".

Kommissar Borowski musste den Mord an einem Journalisten aufklären und sich in diesem Zusammenhang mit dem Fall Barschel beschäftigen. Der Tote aus dem Film war nämlich vor 25 Jahren im Genfer Hotel Beau-Rivage gewesen – just an dem Tag, als Uwe Barschel dort tot in der Badewanne gefunden wurde.

Winfred Tabarelli war 1987 Leiter der Polizeidirektion Schleswig-Holstein Süd und Chef der „Ermittlungsgruppe Genf“, die seinerzeit den Tod des ­Ex-Ministerpräsidenten aufklären sollte, dessen Umstände bis heute ungeklärt sind. Inzwischen ist Tabarelli, Jahrgang 1940, im Ruhestand. Losgelassen hat ihn der Fall Barschel trotzdem nie. Den Tatort: Borowski und der freie Fall hat er als Experte begleitet.

Herr Tabarelli, was haben Sie gedacht, als Sie erfuhren, dass der NDR einen „Tatort“ vor dem Hintergrund des Falls Barschel drehen möchte?

Winfred Tabarelli: Ich dachte zuerst: Wie wird man das wohl schaffen, den F all Barschel in einem Krimi zu verarbeiten? Dann bekam ich das Drehbuch – in erster Linie, um es aus der Sicht der Kriminalistik zu bearbeiten. Aber beim Lesen dachte ich: Die Autoren haben das geschickt gelöst. Und der Todesfall Barschel wird ja im Film auch offen gehalten. Das entspricht der aktuellen Ermittlungslage.

Im Film fand der (später ermordete) Journalist Dirk Sauerland einen Koffer in Barschels Zimmer, mit zehn Millionen Mark darin. Gab es so einen Koffer wirklich?

Tabarelli: Nein. Dazu gibt es keinen einzigen Ermittlungshinweis. Das ist Fiktion und Dramaturgie, die man einem Autor und Regisseur, finde ich, auch zubilligen kann.

Aber dass Journalisten in Barschels Zimmer waren, ist belegt. Sie haben den Politiker ja gefunden.

Tabarelli: So ist es. Ein Journalist und ein Fotograf vom Stern waren im Zimmer. Aber sie haben keinen Koffer oder Ähnliches gefunden oder gar mitgenommen. Sie haben sich umgeschaut, Fotos gemacht und Veränderungen am Tatort vorgenommen, ohne es zu wollen, denke ich. Sie haben Unterlagen durchgeschaut, die im Zimmer lagen.

Die Ermittlungen im Fall Barschel wurden im Jahr 2000 eingestellt. Vor ­wenigen Wochen sind dann neue DNA-Spuren an den sichergestellten ­Asservaten gefunden worden. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erfuhren?

Tabarelli: Das war schon ein irrer Zufall, so kurz vor der Ausstrahlung dieses Tatorts. Aber mir war relativ schnell klar, dass die Geschichte des Todesfalls Barschel deswegen nicht neu geschrieben werden muss.

Warum nicht?

Tabarelli: DNA-Spuren sind mikroskopische Spuren. Bei Ihnen im Büro gibt es einige Tausend DNA-Spuren von Menschen, die irgendwann einmal in Ihrem Büro gewesen sind. Barschel war damals aus Gran Canaria nach Genf gereist. Die gefundene DNA kann von der Stewardess gewesen sein, die ihm im Flugzeug ein Getränk gereicht hat. Abgesehen davon reicht das gefundene Material überhaupt nicht aus, um damit einen Menschen zu identifizieren. Die Ermittlungen müssen deswegen nicht neu aufgenommen werden.

Glauben Sie, dass der Fall Barschel jemals gelöst werden wird?

Tabarelli: Nein, das glaube ich nicht. Die Spurenlage ist völlig abgearbeitet. Wir können nicht eindeutig sagen, es war Selbstmord. Um diese Theorie belegen zu können, müsste man einen Abschiedsbrief finden. Aber daran glaube ich nicht mehr. Wo sollte der denn noch gefunden werden?

Und die Mordtheorie?

Tabarelli: Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass Personen aus dem direkten Umfeld von Herrn Barschel – Bekannte, Verwandte, Kollegen – als Tatverdächtige infrage kommen. Also gibt es noch die Verschwörungstheorie, dass Staaten ein Interesse gehabt haben könnten, ihn durch Geheimdienstmitarbeiter oder beauftragte Killer ermorden zu lassen. Dann müsste jemand, der es getan hat, sich melden und sagen: Ich habe Barschel umgebracht. Den wird es mit Sicherheit auch nicht geben. Und kein Staat bekennt sich zu einem Auftragsmord. Also ich glaube, dieser Fall wird nie aufgeklärt.

Was glauben Sie persönlich: Mord oder Selbstmord?

Tabarelli: Ich tendiere aufgrund der Erkenntnisse und aufgrund von Barschels Persönlichkeit zu Selbstmord – er hat den totalen Absturz erlebt, hatte keine Zukunftsperspektive. Hundertprozentig belegen lässt sich diese Theorie aber nicht. Die Legende Barschel wird weiterleben.

Interview: Stefanie Thyssen

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

„Schwiegertochter gesucht“ 2020: Die Kandidaten im Überblick - diese Söhne suchen die große Liebe
„Schwiegertochter gesucht“ 2020: Die Kandidaten im Überblick - diese Söhne suchen die große Liebe
„Promi Big Brother“ 2020: Im August startet die neue Staffel mit vielen Überraschungen - Alle Infos
„Promi Big Brother“ 2020: Im August startet die neue Staffel mit vielen Überraschungen - Alle Infos
„Schwiegertochter gesucht“: Kandidat unterläuft Fauxpas - laufen ihm nun alle Frauen weg?
„Schwiegertochter gesucht“: Kandidat unterläuft Fauxpas - laufen ihm nun alle Frauen weg?
Annemarie Carpendale: Haar-Überraschung! Was ist denn da passiert? Sie sieht plötzlich komplett anders aus
Annemarie Carpendale: Haar-Überraschung! Was ist denn da passiert? Sie sieht plötzlich komplett anders aus

Kommentare