Erster Lehrstuhl für Medienethik

Der Schiedsrichter fürs Fernsehen

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Alexander Filipovic ist Leiter des Lehrstuhls für Medienethik.

München - In München gibt es den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Medientehik. Die tz traf Professor Alexander Filipovic zum Interview und sprach mit ihm über Ethik im TV.

Warum ist "Bauer sucht Frau" eine problematische Sendung? Müssen ARD und ZDF so viele Millionen Gebühren-Euro für Sportübertragungen ausgeben? Und wie hat sich die Medienwelt in den vergangenen Jahren verändert? Diese und viele andere Fragen werden nun in München diskutiert. An der Hochschule für Philosophie hat der deutschlandweit erste Lehrstuhl für Medien­ethik seine Arbeit aufgenommen, am Mittwochabend war feierliche Eröffnung. Inhaber ist der Medienwissenschaftler und Ethiker Professor Alexander Filipovic (38). Die tz traf den Vater zweier Kinder (vier und sieben Jahre alt) zum Interview.

Herr Filipovic, ab diesem Wintersemester gibt es in München einen Lehrstuhl für Medienethik. Warum gerade hier?

Alexander Filipovic: Es gibt in München diesbezüglich schon eine längere Tradition. Seit 15 Jahren kommen hier Wissenschaftler auf Tagungen zusammen, die sich mit medienethischen Themen beschäftigen.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Filipovic: Wir stellen Fragen. Zum Beispiel: Wie verändert sich die Medienwelt durch das Internet? Wie hat sich das Fernsehen verändert? Es gibt ja derzeit ganz viele Formate, die aus dem Internet rüberschwappen wie "Berlin Tag und Nacht". Sachen, die nicht perfekt produziert sind und so tun, als würden sie das echte Leben abbilden.

Ist das aus Ihrer Sicht schon problematisch?

Filipovic: Es ist insofern problematisch, weil die Zuschauer hinters Licht geführt werden. Denn natürlich ist es nicht das wahre Leben, das wir da sehen. Sondern für diese Sendungen gibt es genauso Drehbücher und vorgegebene Dialoge wie in den Gerichtsshows früher. Die hatten mit dem wahren Alltag ja auch nicht unbedingt etwas zu tun.

Über die hat man sich vor zehn Jahren noch richtig aufgeregt, heute gibt es sie nicht mehr. Über „Big Brother“ konnten sich Politiker und auch Kirchenvertreter endlos empören, heute kräht kein Hahn mehr danach …

Filipovic: Ja, die Zuschauer gewöhnen sich an Grenzüberschreitungen. "Bauer sucht Frau" ist auch wieder gestartet. Da gibt es dieselben Grenzüberschreitungen wie in den Jahren zuvor, aber es regen sich immer weniger Menschen auf. Das finde ich schwierig.

Was meinen Sie konkret?

Filipovic: Menschen, um die sich eigentlich gekümmert werden müsste, werden in dieser Sendung gezielt bloßgestellt mit dem Ziel, die Zuschauer zu amüsieren.

Sie tun es freiwillig.

Filipovic: Das Argument lasse ich nur zum Teil gelten. Wenn die Leute es freiwillig machen, gibt es natürlich kein rechtliches Problem. Aber moralisch bleibt es deswegen dennoch problematisch. Oder diese "Reality Queens", die für Pro7 in der Wildnis waren. Das war für mich ein echtes Vergehen, weil die Kulturen Afrikas in dieser Sendung ganz schlimm mit Stereotypen behandelt wurden.

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Was wollen Sie als Medienethiker gegen so etwas tun?

Filipovic: Es ist zunächst mal meine Aufgabe, auf solche Grenzüberschreitungen hinzuweisen. Es braucht einen gesellschaftlichen Diskurs darüber. Ich möchte aber auch mit Medienmachern ins Gespräch kommen, damit diejenigen, die in der Praxis arbeiten, verantwortlicher mit ihren Programmen umgehen. Ich möchte mit Verantwortlichen ganz konkret über die Qualität von Unterhaltungssendungen sprechen – mit dem Ziel, dass sich das Niveau hebt.

Warum sollte sich ein Verantwortlicher von RTL mit Ihnen an einen Tisch setzen? Für den zählt ausschließlich die Quote.

Filipovic: Ja, das ist das größte Problem. Aber ich will nicht resignieren. Ich habe die Hoffnung, dass die Macher von morgen sich mehr Gedanken machen über die Qualität ihrer Sendungen. Ich will sensibilisieren und an ihre Verantwortung appellieren – ganz gleich, ob öffentlich-rechtlich oder privat. Das gilt für beide, auch wenn die Systeme andere sind. Nur weil Fernsehen auch ein Geschäft ist, heißt das nicht, dass man moralische Standards über Bord schmeißen kann. Das gilt übrigens nicht nur für Unterhaltung.

Sondern?

Filipovic: Ich finde, man kann durchaus auch fragen, ob ARD und ZDF so viel Geld für Sportübertragungsrechte ausgeben müssen. Oder ob die ARD fünf Talkshows braucht, die zum Teil noch von den Moderatoren der Sendungen selbst produziert werden. Da muss man auch hinschauen. Kurzum: Ich verstehe mich als eine Art Schiedsrichter, der den Medien ab und zu die Gelbe Karte zeigt.

Interview: Stefanie Thyssen

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