Im "Tatort" tötet Kommissar einen Räuber

Wie geht es Polizisten, die schießen müssen?

+
Kommissar Lannert ­(Richy Müller) hebt die Waffe.

München - Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) muss im "Tatort" an diesem Sonntag einen Menschen erschießen. Aber wann darf ein Polizist eigentlich von seiner Waffe Gebrauch machen?

Es ist der Albtraum eines Polizisten, mit dem Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) im "Tatort: Eine Frage des Gewissens" an diesem Sonntag konfrontiert wird: Er muss einen Menschen erschießen! Bei einer Geiselnahme in einen Supermarkt brüllt der Räuber: „Bei drei knall ich ihn ab!“ Lannert schießt zuerst. Und muss sich dafür vor Gericht verantworten …

Eine Szene aus dem „Tatort“ vom Sonntag: Der Geiselnehmer bedroht sein Opfer.

Wann darf ein Polizist eigentlich von seiner Waffe Gebrauch machen? Das ist in Bayern klar formell geregelt – im „Polizeiaufgabengesetz“. Zudem hat ein Polizist ein Recht auf Notwehr oder Nothilfe – was der juristischen Aufklärung dient. Doch wie geht der Beamte innerlich mit so einem Drama um? Die tz sprach dazu mit Hilda Schneider (59), einer Polizeiseelsorgerin und -pfarrerin aus München:

Frau Schneider, was geht in einem Polizisten vor, der schießen und vielleicht sogar einen Menschen töten muss?

Hilda Schneider: Im schlimmsten Fall ist er in dem Moment selbst bedroht, fühlt sich komplett hilflos, ausgeliefert, erleidet eine Todesangst.

Wie zeigt sich das?

Hilda Schneider:  An der Wahrnehmung: Der Polizist entwickelt einen Tunnelblick. Ich hatte einen Fall von zwei Polizisten, die zu einem Streit gerufen wurden. Es kam zum Einsatz der Schusswaffe, weil der Randalierer dem Polizisten die Waffe an die Schläfe hielt. Der sah plötzlich seinen Streifenpartner nicht mehr – obwohl der nur eineinhalb Meter neben ihm stand! Er sagte nachher: „Ich weiß, wie groß der 9-Millimeter-Lauf einer Waffe ist. Aber für mich war der so groß wie ein Ofenrohr.“ Manche Betroffenen hören auch den Schuss nicht. Oder sie merken gar nicht, dass sie selbst sechs Schuss rausgejagt haben, drehen sich um und fragen: „Wer hat da geschossen?“

Kann man als Polizist vorher so eine Situation üben?

Hilda Schneider: Man kann nicht üben, mit Todesangst umzugehen. Jede Situation ist ja anders, jeder reagiert anders. Manche Betroffenen erzählen, sie sind sich vorgekommen wie unter Wasser. Oder wie wenn sie in Honig schwimmen. Der Polizist im Familienstreit dachte nur: „Gleich! Gleich bist du tot!“ Und dann sah er sein Leben rückwärts laufen.

Wie geht es einem Polizisten nach dem Schuss?

Hilda Schneider:  Sie sind meistens erst einmal wie betäubt, unter Schock. Sie sind aufgedreht, fühlen sich wie eine ausgepresste Zitrone. Ein Polizist sagte mir, er habe nach seinem Schuss acht Liter Wasser getrunken. Der war ausgetrocknet! Solche Gefühle dauern meist einen Tag. Danach geht es dem Betroffenen in der Regel vier Wochen lang schlecht. Er hat Albträume, ist reizbar, kann sich nicht konzentrieren. Wenn die Symptome dann noch bleiben, könnte es sich zu einer Belastungsstörung entwickeln.

Wovon hängt das ab? 

Hilda Schneider.

Hilda Schneider:  Vor allem davon, wie das soziale Umfeld, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte reagieren. Blöde Sprüche sind gefährlich. Wie: „Toll gemacht, war doch eh ein Grattler.“ Ein Polizist erzählte mir, Kollegen grüßten ihn seitdem mit: „Waidmannsheil!“ Viele Polizisten fühlen sich dann unverstanden, ziehen sich immer mehr zurück, gelten bald als „komisch“. Sie bleiben traumatisiert, leiden an ständig wiederkehrenden Flashbacks. Der Betroffene ist irgendwann hoffnungslos – er denkt sogar an Suizid.

Wie beugt die Polizei vor?

Hilda Schneider:  Wir können nur helfen, indem wir vorher aufklären. So wie man in der Polizeiausbildung lernt, mit der Waffe umzugehen, so lernt man heutzutage auch, was nach einem Schusswaffengebrauch auf einen zukommen könnte. Denn ganz wichtig: Keiner ist ein „Weichei“, wenn er so eine Situation nicht so leicht wegsteckt! Niemand weiß, wie er auf so eine Extremsituation reagiert.

Andrea Stinglwagner

Quelle: tz

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Drama-Queen Elena Miras zieht ins Dschungelcamp 2020: Ausraster vorprogrammiert?
Drama-Queen Elena Miras zieht ins Dschungelcamp 2020: Ausraster vorprogrammiert?
Tim Mälzer: Eklat bei „Ready to Beef“ - TV-Koch mit gemeinem Spruch gegenüber Zuschauerin
Tim Mälzer: Eklat bei „Ready to Beef“ - TV-Koch mit gemeinem Spruch gegenüber Zuschauerin
"Das hat man schon Tausend Mal gesehen": Vernichtende Kritik bei Shopping Queen
"Das hat man schon Tausend Mal gesehen": Vernichtende Kritik bei Shopping Queen
„Sesamstraße“-Schauspieler ist tot - er verkörperte beliebte Figuren
„Sesamstraße“-Schauspieler ist tot - er verkörperte beliebte Figuren

Kommentare