BR-"Tatort" spielt in der jüdischen Gemeinde

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Udo Wachtveitl alias Franz Leitmayr: Die Ermittlungen in einem Mordfall führen ihn in die Synagoge am Jakobsplatz. Tatsächlich durfte dort gedreht werden

München - "Ein ganz normaler Fall" - so heißt die kommende BR-"Tatort"-Folge, die am Sonntag in der ARD läuft. Doch letztlich handelt es sich um alles andere als das.

Das erste Fettnäpfchen drohte schon am ersten Drehtag: „Grüß Gott“, sagte Udo Wachtveitl, als er im Mai dieses Jahres die Münchner Synagoge betrat. Dann stutzte er, hielt inne. „Grüß Gott – darf man das hier, im Zentrum der jüdischen Gemeinde, überhaupt sagen?“ Um es gleich zu klären: Man darf. Aber die Unsicherheit des Schauspielers, der sich ansonsten recht sicher durchs Leben bewegt, zeigt, dass es im Umgang zwischen Juden und Nichtjuden noch immer viele Fragezeichen, um nicht zu sagen Verkrampfungen gibt.

Der neueste Fall des Münchner Ermittlergespanns Udo Wachtveitl / Miro Nemec alias Leitmayr und Batic, der an diesem Sonntag im Ersten läuft, führt die Kommissare nun genau in diese ihnen fremde Welt. In einem Nebenraum der Synagoge am St.-Jakobs-Platz wird ein Mann tot aufgefunden: Rafael Berger (Oliver Nägele), offenbar ermordet. Noch bevor erste Recherchen stattfinden, mahnt der zuständige Staatsanwalt „Fingerspitzengefühl“ an. Bei einem Mord im jüdischen Milieu will man offenbar alles besonders gut und besonders richtig machen. Dass der orthodoxe Jude Jonathan Fränkel (Alexander Beyer) lange Zeit der Hauptverdächtige ist – freilich aus Gründen, die überhaupt nichts mit der Religion zu tun haben –, macht die Sache nicht unkomplizierter.

Als Krimi ist dieser Tatort, der den Titel Ein ganz normaler Fall trägt, eher Durchschnittsware. Man habe lange Zeit nicht gewusst, wen man am Ende den Mörder sein lassen wollte, gab der Drehbuchautor Daniel Wolf bei einer Podiumsdiskussion Anfang der Woche zu. Das merkt man dem Film leider an. Er ist überfrachtet, will zu viele Aspekte beleuchten und macht es dem Zuschauer unnötig schwer, die Übersicht zu behalten.

Aber Wolf, gebürtiger Münchner und traditioneller Jude, ging es offenkundig um etwas ganz anderes. „Ich wünsche mir zwischen uns Juden und den Nichtjuden in diesem Land Normalität“, sagt er. „Dies war einer der Gründe, warum ich diesen Tatort schreiben wollte.“ Denn auch heute, 66 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, scheine es den meisten deutschen Nichtjuden immer noch schwer zu fallen, „uns wie normale Bürger“ zu behandeln.

In einem Vorwort zum Tatort-Presseheft schreibt Wolf: „Gewiss, jeder meint es gut, aber was hilft’s, wenn genau diese political correctness zu einer erneuten Ausgrenzung führt. Wer würde schon von einem überzeugten Katholiken sagen, er hat katholische Wurzeln? Oder wer würde von protestantischen Mitbürgern sprechen, wenn er im evangelischen Glauben Getaufte meint.“

Die Stärke des Films ist, dass der Zuschauer, der sich nicht zu Hause fühlt im Judentum, tatsächlich etwas erfährt über das Leben in der jüdischen Gemeinde. Über die Traditionen, die Geschichte. Dr. Charlotte ­Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, findet den Film denn auch „sehr gelungen“, wie sie bei der öffentlichen Vorführung sagte. Gleichwohl verschwieg sie nicht, dass ihr erst einmal „schummerig“ geworden sei, als der BR sie um eine Drehgenehmigung in der Synagoge bat. Nach einem kurzen Nachdenken sei sie aber zu dem Schluss gekommen, dass dieser Tatort eine „ganz hervorragende Gelegenheit ist zu ­zeigen, dass wir ein offenes Haus sind“.

Stefanie Thyssen

„Tatort: Ein ganz normaler Fall“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Die Ermittler-Teams beim Tatort

MÜNCHEN (BR): Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) - 59 Fälle seit 1991. © dpa
LUDWIGSHAFEN (SWR): Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Kriminalhauptkommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) - 54 Fälle seit 1989. © dpa
KÖLN (WDR): Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts), Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) - 51 Fälle seit 1997. © dpa
WIEN (ORF): Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), seit kurzem mitder Assistentin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) - 26 Fälle seit 1999. © dpa
BERLIN (RBB): Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic, links) und Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke) - 24 Fälle seit 2002. © dpa
BREMEN (RB): Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) - 24 Fälle seit 1997. © dpa
KONSTANZ/BODENSEE (SWR): Kriminalhauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und Kriminalkommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) - 20 Fälle seit 2002. © dpa
MÜNSTER (WDR): Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) - 20 Fälle seit 2002. © dpa
HANNOVER/NIEDERSACHSEN (NDR): Kriminalhauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, linnks) vom LKA Niedersachsen - 18 Fälle seit 2002. © dpa
KIEL (NDR): - Kriminalhauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Kommissarsanwärterin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) - 17 Fälle seit 2003. © dpa
LEIPZIG (MDR): Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) - 11 Fälle seit 2008. © dpa
STUTTGART (SWR): Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller, rechts) und Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) - 9 Fälle seit 2008. © dpa
HAMBURG (NDR): Kriminalhauptkommissar Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), verdeckter Ermittler des LKA Hamburg - 4 Fälle seit 2008; er hört nach seinem sechsten Fall, der 2012 gesendet werden soll, auf. © dpa
FRANKFURT AM MAIN (HR): - Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) - sie sind das neue Frankfurter “Tatort“-Team. Ihr erster und bislang einziger Krimi mit dem Titel “Eine bessere Welt“ wurde im Mai 2011 gezeigt. Sie haben damit Oberkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Hauptkommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) abgelöst, die seit 2002 in 18. Fällen ermittelten. © dpa
WIESBADEN/HESSEN (HR): - LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Assistentin/Sekretärin/Vertraute Magda Wächter (Barbara Philipp) - der erste und bislang einzige Fall lief im November 2010, zum 40. Jubiläum der “Tatort“-Reihe. © dpa
SAARBRÜCKEN (SR): Ein ganz neues Team. Devid Striesow (M.) spielt ab Sommer 2012 Hauptkommissar Jens Stellbrink. Ihm zur Seite stehen Hauptkommissarin Lisa Marx (Elisabeth Brück) und KTU-Leiter Horst Jordan (Hartmut Volle). © ap
LUZERN (SF): - Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) ist der Protagonist des ersten Schweizer “Tatorts“ seit 2002. Flückiger war schon in Koproduktionen von SWR und SF an der Seite von Konstanz-Ermittlerin Klara Blum zu sehen - sein bislang einziger Fall “Wunschdenken“ lief im August 2011. © dpa
DORTMUND (WDR): - Oberkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) sowie die Kollegen Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (noch unbesetzt) - Dreharbeiten für den ersten Fall beginnen im März 2012, Ausstrahlung soll der kommende Herbst sein. © dpa
WEIMAR: Nora Tschirner und Christian Ulmen sollen in einer Art "Event"-Tatort nur einmal im Jahr ermitteln. © dpa

Quelle: tz

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