"Gelegentlich zurechtgebogen"

"Der Wagner-Clan": Experte beurteilt ZDF-Film

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Ein Film wie eine Operette: „Der Wagner-Clan“ mit (v. l.) Petra Schmidt-Schaller, Iris Berben, Lars Eidinger, Eva Löbau und Heino Ferch.

München - Das ZDF hat am Sonntag einen "Event-Film" über die hehre Opernwelt gezeigt. Der Titel: "Der Wagner-Clan". Ein Experte hat den Film für die tz beurteilt. Lesen Sie hier die durchwachsene Bilanz:

Am Ende war der Krach schuld? Als die Kamera zum Tiefflug über Venedig ansetzte, durch die Lagunenstadt à la Krieg der Sterne kurvte und schließlich den Palazzo der Wagners erreichte, war der letzte Streit des hohen Paars in vollem Gang. Richard: mit Freundin. Cosima: mit geschwollenem Kamm. Ein Infarkt des Komponisten war die eine Folge, die Alleinherrschaft seiner Gattin über den Nachlass die andere.

"Der Wagner-Clan" ist ein Film für Wagner-Frischlinge

Das Schicksal dieser Familie als Seifenoper, da lag der Film "Der Wagner-Clan", den Millionen Zuschauer am Sonntagabend im ZDF sahen, nicht falsch. Gegen diese Intrigen ist manch übliche TV-Fiktion kalter Kaffee. Reichlich spät kam der Film allerdings, zwei Monate nach Toresschluss des Wagner-Jahres. Und gedacht war er sicher weniger für diejenigen, die alljährlich auf den Grünen Hügel pilgern oder sich vergeblich um Bayreuth-Karten bemühen, sondern für Wagner-Frischlinge. Das Schicksal seiner Nachkommen – sie standen hier im Zentrum – eignete sich perfekt für einen 110-Minüter in Samt und Seide. Ein „Event-Film“ über die hehre Opernwelt, das passt also im Prinzip. Vor allem auch, weil die Wagners unsere Ersatz-Royals bleiben – nach Ausfall aller Mo­narchen-Geschlechter inklusive möglicher Ersatzlösungen durch Bundespräsidenten.

Hier geht's zur ZDF-Seite zum Film "Der Wagner-Clan"

Die Wahrheit wurde gelegentlich zurechtgebogen

Die Aufmachung als Operette, weniger als Musikdrama im Sinne von Richard selig, führte allerdings dazu, dass die Wahrheit von Kai Hafemeister (Buch) und Christiane Balthasar (Regie) gelegentlich zurechtgebogen werden musste. Die Villa Wahnfried thront in der Bayreuther Realität mitnichten auf einem Hügel, einen Bergsee in fußläufiger Nähe sucht man dort vergebens, die Wagner-Töchter Eva und Isolde haben auch keine Doppelhochzeit gefeiert. Vor allem aber war Houston Stewart Chamberlain nicht der knuffige, nur leicht aus der Spur geratene Rechtsextreme, wie ihn Heino Ferch spielte: Chamberlain war einer der widerlichsten Rassentheoretiker, überdies Hitlers Thesenlieferant.

Überhaupt wurde "Der Wagner-Clan" beim Thema Antisemitismus schmallippig. Hitler, der bei den Wagners ein- und ausging und dem ein Techtelmechtel mit Winifred, der Frau von Richard-Sohn Siegfried nachgesagt wird, durfte nur einmal an der Wahnfried-Tür schellen. Und dann, wenn es interessant wird, wenn gezeigt werden könnte, wie die Kinder und Enkel sich in Braunes verstricken, da war der Film auch schon aus.

Gehetztes Abarbeiten der Historie zu enervierender Hintergrundmusik

Im Mittelpunkt stand Cosima. Sie stilisierte sich zur alleinigen Werkverwalterin, sie modelte Bayreuth vom ambitionierten Musiktheaterhaus (so wie es ihr Gatte haben wollte) zum rechtskonservativen Hort der deutschen Kunst um, und sie räumte alles aus dem Weg, was sich ihrem Willen entgegenstellte. Das ging so weit, dass sie ihre Tochter verleugnete: Isolde, Richard Wagners erstes Kind, wurde noch während Cosimas Ehe mit dem Dirigenten Hans von Bülow geboren. Als Isolde und ihr Mann Franz Beidler Bayreuth auf einen anderen Kurs bringen wollten, griff Cosima zu einem grausamen Mittel. Gerichtlich ließ sie feststellen, dass Isolde das Kind Hans von Bülows und keine Wagner-Erbin ist, der Prozess machte weltweit Schlagzeilen.

Hier hatte auch der Film seine besten Momente. Weil er sich nach dem gehetzten Abarbeiten der Historie zu enervierender Hintergrundmusik endlich beruhigte. Und weil man Petra Schmidt-Schaller (Isolde) und Felix Klare (Beidler) gern zuschaute bei ihren Charakterstudien. Schauspiel-Hauptgewinn war allerdings Lars Eidinger als Siegfried. Auch, weil er so gar nichts mit dem dicklichen, zum Phlegma neigendem Komponistensohn zu tun hatte.

Iris Berben als Cosima mit dauerzitroniger Miene

Das Zerrissensein zwischen Zwangs-Thronfolge und (homosexueller) Selbstverwirklichung wurde bei Eidinger plausibel, weil er nicht die Realität nachäffte, sondern eine Kunstfigur mit Eigenwert schaffte. Siegfrieds schneller Sex mit dem Liebhaber im knöcheltiefen Teichwasser war da vielsagender als die dauerzitronige Miene von Iris Berben als Cosima. Sie sollte, wohl auch nach dem Willen ihres Sohnes und Produzenten Oliver Berben, eigentlich das Zentrum des Films sein. Ein weiteres, ungewolltes, diesmal charmantes Mal wurde da die Wirklichkeit verschleiert: So hintergründig schillernd wie bei Eidinger war Siegfried nie.

Markus Thiel (Kulturredakteur und Wagner-Kenner)

Quelle: tz

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