Uthoff, von Wagner und Krauß

"Anstalt"-Macher im tz-Interview: "Der Fluch des Erfolges"

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Zwei Kabarettisten mit Haltung: Max ­Uthoff (47, li.) und Claus von ­Wagner (37).

München - Die tz traf Max Uthoff und Claus von Wagner und ihren Mitautor Dietrich Krauß zum großen Interview über "Die Anstalt".

Interview im Produktionsbüro: Dietrich Krauß, Max Uthoff und Claus von Wagner (v. li.) mit tz-Redakteurin Stefanie Thyssen.

Politsatire vom Allerfeinsten – dafür stehen die Münchner Max Uthoff und Claus von Wagner. Seit Februar 2014 machen sie im ZDF gemeinsame Sache. Als Nachfolger von Frank-Markus Barwasser und Urban ­Priol haben die beiden aus Neues aus der Anstalt kurzerhand Die Anstalt gemacht und liefern seitdem eine großartige Sendung nach der anderen ab. Man denke nur an die Ausgabe über das Flüchtlingsdrama. Die tz traf Uthoff, von Wagner und ihren Mitautor Dietrich Krauß zum Interview und erlebte drei sympathische, witzige, leidenschaftlich ­arbeitende und im positivsten Sinne wütende Kabarettisten mit Haltung.

„Nach jeder Sendung sind auch wir schlauer“

Vor gut einem Jahr sind Sie mit der „Anstalt“ auf Sendung gegangen. Welche Erinnerungen haben Sie an die ­Premiere?

Claus von Wagner: Es war klar, wir können eigentlich nur verlieren. Aber Max Uthoff hat das damals sehr schön gesagt: Die Fußstapfen unserer Vorgänger sind so groß, wir sehen die Ränder gar nicht. Und so haben wir die erste Sendung dann auch angelegt …

Inzwischen füllen Sie die Fußstapfen so gut aus, dass Sie den Grimme-Preis bekommen haben. Begründung: „,Die Anstalt‘ hat sich auf einem künstlerischen Niveau etabliert, das weit über dem ohnehin schon recht respektablen der Vorgängersendung liegt.“ Macht so viel Lob Ihre Arbeit leichter oder schwerer? 

Dietrich Krauß: Es gibt schon ein bisschen den Fluch des Erfolges. Wir müssen das Niveau halten. Aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus.

Max Uthoff: Ich habe nicht das Gefühl, dass uns diese Erwartungshaltung stört. Wir haben sie ja selbst verinnerlicht und überlegen uns von Sendung zu Sendung, was wir Gutes zusammenbasteln können.

Und das gelingt ­Ihnen tatsächlich vorzüglich. Sie bringen jedes Mal ein Theaterstück auf die Bühne.

Von Wagner: Stimmt, wir fragen uns auch, warum wir damit eigentlich nicht jedes Mal drei Jahre auf Tournee gehen! (lacht)

Uthoff: Wir wollten nie eine Sendung machen, in der jeder ein Solo vorträgt, und dann ist es gut. Dieser Anspruch treibt einen zwar manchmal in den Wahnsinn, ist aber zugleich der große Spaß, der sich hoffentlich auch auf die Zuschauer überträgt.

Von Wagner: Was ich spannend finde: Nach Auftritten kommen immer wieder Lehrer zu mir, die erzählen, dass sie unsere Sendungen im Unterricht zeigen!

Krauß: Wir sind jetzt sozusagen das neue FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, Anm. d. Red.)

Von Wagner: Im Ernst: Ich finde es toll, dass auf diese Weise aktuelle politische Themen in die Schulen getragen werden. Ich hab mich früher als Schüler auch immer gefreut, wenn ein Lehrer mal den eigentlichen Stoff beiseite gelassen, eine Zeitung aufgeschlagen hat und meinte: So, ­darüber reden wir jetzt mal.

Krauß: Wir haben überhaupt viele junge Zuschauer.

Von Wagner: Und man merkt, wenn die nach Live-Auftritten zu uns kommen, sind sie richtig „an-politisiert“. Haben Diskussionsbedarf. Wir haben in der Sendung ja oft eine klare Haltung zu den Themen. Und an der kann man sich dann eben orientieren, aber eben auch prima reiben.

Uthoff: Das ist ja der große Vorteil der Anstalt: Wir haben – abgesehen von einer großen Portion Journalismus – eine Haltung, eine Empörung, eine Wut in uns, die wir in einem sogenannten Mainstream-Medium wie dem ZDF rauslassen können. Das ist schon etwas Besonderes.

Die vergangene Sendung haben Sie dem Thema Feminismus gewidmet. Da ging es in den sozialen Netzwerken schon während der Ausstrahlung rund. 

Von Wagner: Oh ja, das kann man wohl sagen. Ich glaube, nach zehn Minuten hatte der Erste getwittert: „Die schlechteste Anstalt aller Zeiten!“

Krauß: Ich fand es ideologisch interessant, dass selbst in unserer Fangemeinde sich viele Leute extrem auf der anderen, sehr konservativen Seite verorten und behauptet haben, Feminismus wäre eine angepasste Mainstream-Meinung. Einer schrieb sogar, das sei doch alles vom CIA gesteuert, um die deutsche Familie zu zerstören. Da dachte ich nur: What?

Von Wagner: Ich hatte vor allem gedacht, dass wir als Gesellschaft schon weiter sind. Andererseits: Neulich bei Hart aber fair ging es auch um Feminismus – und am Ende haben sie nur über Ampelmännchen und Ampelfrauen geredet, als wäre das das Problem. Wir haben für unsere Sendung letztlich „nur“ auf die Fakten geschaut und festgestellt: Wir, die Deutschen, sind Weltmarktführer in Ungleichheit, was die Altersrente von Männern und Frauen angeht. Das schreit doch zum Himmel! Ich bin auch auf der Straße noch nie so oft auf eine Sendung angesprochen worden wie auf diese. Gerade von Frauen, die nicht mehr Anfang 20 sind und schon einiges erlebt haben. Die haben sich ­explizit bei uns bedankt.

Uthoff: Ich habe allerdings auch eine Mail von einem Professor bekommen, der die Zahlen, die wir in der Sendung genannt haben, angezweifelt hat. Von wegen Ungleichbehandlung von Männern und Frauen! Alles Quatsch. So was gibt es auch.

Wer recherchiert die Fakten eigentlich für Sie? Haben Sie ein Team im Hintergrund?

Alle drei: Neeeeiiin, das haben wir nicht. Das machen wir alles alleine.

Uthoff: Ich stelle mir das gerade vor, wie es wäre, wenn man mal sagen könnte: „Kinder, Kinder, macht mir mal den Sketch fertig, morgen ist Sendung.“ Nein, die Wahrheit ist, dass es kurz vor der Sendung immer den allerletzten Faktencheck von Herrn Krauß gibt, der dann meistens dazu führt, dass man den Text, den man gerade endgültig gelernt hat, wieder umstellen und zwei Zahlen austauschen muss, weil es nicht 68 Prozent, sondern 72 Prozent sind.

Krauß: Die Zuschauer schauen halt sehr genau hin, da müssen die Zahlen stimmen. Auf diese Weise werden auch wir mit jeder Sendung ein bisschen schlauer.

Herr Krauß, Sie kennen Claus von Wagner und Max Uthoff ziemlich gut. Wo sehen Sie die jeweiligen Stärken und Schwächen?

Uthoff: Sollen wir rausgehen?

Krauß: Ich erinnere mich, dass es am Anfang beim ZDF die Befürchtung gab, dass die beiden nicht unterschiedlich genug seien. Gerade im Vergleich zu den Vorgängern, die ja beide – Frank-Markus Barwasser wie Urban Priol – sehr starke Charaktere waren. Aber ich glaube, das hat sich inzwischen erledigt. Max verkörpert eher den kühleren Typen, den Juristen. Und Claus mehr den emotionalen. Diese Rollen bedienen sie, aber nie übertrieben. Und manchmal bürsten wir auch extra gegen den Strich. Es darf nur nicht zur Karikatur werden.

Wie lange arbeiten Sie an einer ­Sendung? 

Krauß: Wir treffen uns etwa drei ­Wochen vor der Ausstrahlung zum ersten Mal, dann eruieren wir das Thema. Wir sind ja nicht so aktuell wie die heute-show zum Beispiel, die ganz klar die Woche „abarbeitet“.

Würden Sie gerne öfter senden? 

Uthoff: Wenn man so eine Sendung jede Woche machen würde, bräuchte man natürlich ein entsprechendes Team im Hintergrund, sonst wäre das unmöglich. Aber selbst dann – eigentlich ist es gut, wie es ist.

Interview: Stefanie Thyssen

„Die Anstalt“, heute, 22.15 Uhr, ZDF

Quelle: tz

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