Interview zum ARD-Film

"Komasaufen": Wenn Alkohol zum Problem wird

Komasaufen
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Hängt an der Flasche: Markus Quentin spielt die Hauptfigur in dem ARD-Drama

München - Die ARD zeigt am Mittwochabend "Komasaufen" - ein Film der betroffen macht. Wie aktuell, wie schlimm ist das Problem bei unserer Jugend wirklich? Die tz sprach mit einem Experten.

Ein fünfzehnjähriger Junge, eindringlich gespielt von Markus Quentin, trinkt Schnaps, immer öfter, immer mehr, bis zum Koma – dabei ist er doch aus bestem Hause, gut aussehender Gymnasiast, seine Eltern kümmern sich um ihn…

"Komasaufen" ist ­Titel und Thema eines neuen ARD-Films, der am Mittwoch läuft. Wie aktuell, wie schlimm ist das Problem bei unserer Jugend wirklich? Die tz sprach mit dem Mann, der sich in München sehr gut mit dem Thema auskennt: Sozialpädagoge Siegfried Gift (48) von HaLT (siehe Info unten).

Herr Gift, Sie arbeiten mit Jugendlichen, die Alkoholprobleme haben. Was ist Ihre Aufgabe?

Siegfried Gift: Wir werden immer dann in eine Klinik gerufen, wenn ein Mensch unter 18 Jahren mit Alkoholvergiftung eingeliefert wird. Er und seine Eltern bekommen ein Beratungsgespräch mit dem Ziel, dass das nicht noch einmal passiert.

Wie viele solcher Einsätze sind es im Jahr?

Gift: Knapp unter 400.

Sind das richtig alkoholkranke Jugendliche?

Gift: Etwa ein Drittel der Fälle sind Jugendliche, die schon länger und häufiger Alkohol trinken. Die meisten aber hatten vorher kaum oder gar keine Erfahrung mit Alkohol, experimentieren erst kurz damit herum. Sie sind einfach mit der Dosierung überfordert. Dann trinken sie auch gleich Wodka und kommen mit 1,5 oder, 2,5 Promille ins Krankenhaus.

Dieses Herumexperimentieren gab es schon immer. Wie kam es zu dem Trend Komasaufen?

Gift: Wir hatten jetzt mal eine Phase, wo die Jugendkultur massiv das Trinken von Hochprozentigem propagiert hat. Da gab es alle zwei Wochen eine Schlagzeile zum Thema, und so wusste man als Jugendlicher: Okay, wenn ich provozieren will, dann muss ich mal richtig besoffen sein, mit richtig harten Getränken. Auch die Zahlen der Jugendlichen, die ins Krankenhaus eingeliefert werden, sind damals extrem gestiegen. Der Anstieg ist jetzt vorbei, das Problem aber bleibt.

Was sind die Gründe, dass ein Jugendlicher in den Alkohol abdriftet?

Gift: Das bildet der Film sehr richtig ab: Dass Trinken zu einem Problem wird, hängt nicht von der Gesellschaftsschicht ab, dazu braucht es mehr Faktoren als etwa einen Vater, der nicht zuhört, oder eine Scheidung der Eltern oder schwieriger Umgang. Aber wenn viele dieser Dinge zusammenkommen, dann wird es schwierig für den Jugendlichen.

Ab wann sollten bei ­Eltern die Alarmglocken schrillen?

Gift: Wenn sie merken, sie verlieren komplett den Einfluss, es gibt kein Gespräch mehr. Das Kind kommt immer häufiger betrunken nach Hause, es verändert sich stark. Dann sollten sie sich Hilfe holen.

Was kann man als Vater oder Mutter selbst tun?

Gift: Unsere Empfehlung: klare Regeln setzen auf wenig oder keinen Alkoholkonsum. Oft ist es so, dass die Eltern aus dem Gefühl heraus, „Mei, wir haben uns ja früher auch ned an die Regeln gehalten“, gar keine aufstellen. Und reden Sie mit Ihrem Kind darüber, wie es seine Freizeit verbringt.

Ich bin selbst Mama von zwei ganz kleinen Kindern – kann man nicht schon früher für Risiko­situationen vorbauen?

Gift: Ein Tipp ist, Freizeitgestaltungen zu finden, die Ihr Kind und Sie gemeinsam schön finden. Das darf auch mal Playstationspielen sein. Wenn dann die Pubertät kommt, hat man das immer noch als Basis. Der zweite ist: Nie den Vorbildcharakter vergessen. Bis zur Pubertät lernen Kinder durch Imitieren. Wenn sie bei uns sehen: Bei jedem Fest wird Alkohol getrunken, nicht genossen, sondern bis zum Betrunkensein – das kopieren Kinder. Muss bei der Einschulung wirklich vormittags um zehn schon Sekt getrunken werden?

Interview: Andrea Stinglwagner

Hier bekommen Sie Hilfe

HaLT

, eine Einrichtung des Vereins Condrobs in München, bietet nicht nur Krisenintervention im Krankenhaus, sondern auch Präventionsveranstaltungen in Schulen oder Betrieben sowie ­Elternabende. Infos gibt es unter

www.condrobs.de

oder unter 089/26 02 52 91

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