100. Geburtstag der Bruckerin Ruth Haertl – Ein erfülltes Leben voller Liebe und Zufriedenheit

hren 100. Geburtstag feierte Ruth Haertl (sitzend) voller Lebendigkeit. Es gratulierten zu dem großen Tag (v.l.) Brucks Vize-Bürgermeister Hans Schilling, Vize-Landrätin Gisela Schneid und Ziehsohn Volker Lincke. - Foto: Hans Kürzl

Bereits als junges Mädchen hatte Ruth Haertl einen Wunsch: „Ich möchte Liebe in die Welt hinaustragen.“ An ihrem 100. Geburtstag kann die Jubilarin zufrieden auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Auch ihr Wunsch hat sich erfüllt. Mit der Gründung der Christophorusschule für verhaltensauffällige Kinder in München-Riem im Jahr 1981 und der finanziellen Unterstützung für das Novalis-Haus, ein Altenheim in Bad Aibling hat sie vielen Menschen das Leben leichter gemacht. Ruth Haertl selbst spricht immer wieder von einem glücklichen Leben, von guten schicksalshaften Fügungen. Am 1. April 1912 in Bielefeld geboren, wuchs sie auf im westfälischen Soest. Ihr Großvater mütterlicherseits besaß dort eine Weizenmühle. In der kargen Zeit des Ersten Weltkrieges hatte war dies ein Segen. Der Vater Haertls hatte den Umzug von Bielefeld nach Soest aus Sorge um die Familie veranlasst.

Die Irrungen und Wirrungen jener Zeit, unter anderem mit der Inflation im Jahr 1923, ließen einen „normalen“ Schulbesuch nicht zustande kommen. Der Jubilarin wurde damals der Wunsch nach einer humanistischen Schulbildung in einem Pensionat in Montreux am Genfer See erfüllt. „Ich wollte griechisch lernen“, erzählte sie. Weitere Jahre mit Privatunterricht folgten, das Abitur bestand Haertl als externe Schülerin ohne jedes Problem in Augsburg. Als Studentin widmete sie sich der Kunstgeschichte und Archäologie. Doch bald fand sie in München auch Anschluss an die anthroposophische Bewegung. Diese Philosophie, die Rudolf Steiner zu Beginn des vorigen Jahrhunderts begründet und daraus die Pädagogik für die Waldorfschule entwickelt hat, war allerdings während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland verpönt. „Wir haben uns mit unserer Lehrerin heimlich in einem Studienzimmer mit Anthroposophie befasst“, erinnert sich Haertl. Von da an ließ sich Ruth Haertl von der Lehre des ganzheitlich zu sehenden Menschen begleiten. Dass das weitere Leben Haertls in diesem Sinne verlief, lag ebenfalls an ihrem Mann Walter, den sie auf einem Ball kennenlernte. Es war so etwas wie Liebe und Verstehen auf den ersten Blick. Ruth Haertl erinnert sich noch genau daran, dass sie an jenem Tag ein blaues Ballkleid trug und ihr künftiger Ehemann sagte: „Auf einmal stand ein zartes blaues Wölkchen vor mir.“ Geheiratet wurde schließlich am 9. Juni 1939 in der Münchner Dreifaltigkeitskirche. Haertl musste damals deswegen vom evangelischen zum katholischen Glauben übertreten, um die Heirat überhaupt möglich zu machen. Die Hochzeitsreise nach Italien sowie der Geburtstag ihres Mannes am 31. August 1939, also einen Tag vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, waren für lange Zeit die letzten wirklich unbeschwerten Momente im Leben des frisch vermählten Paares. Haertls Mann war in jenen Tagen bereits in München als Staatsanwalt tätig. Immer wieder versuchte er im Rahmen dieser Tätigkeit Mandanten vor der Todesstrafe zu bewahren. Nicht immer gelang dies, wie seine Frau erst nach dem Tod des Mannes erfuhr. Sie selbst sei aber mit diesen Dingen nie belastet gewesen. „Mein Mann hat mich aus Dingen immer ganz bewusst heraus gehalten.“ Immerhin hatte ihr Mann aber das Glück, nicht an die Front zu müssen. Erst nach Kriegsende wurde das Paar durch die dreijährige französische Gefangenschaft Walter Haertls getrennt. Ruth Haertl überbrückte diese Zeit als Sekretärin in einem Verlag. Stets blieb die Jubilarin der Kunst verbunden. Dazu hatte ihr Mann beigetragen, der die Malerei und das Klavierspiel liebte. Dass sie seinetwegen das Studium aufgegeben hatte, bereute sie nie. „An meinem Mann habe ich die Kunst dann lebendig erlebt“, sagt sie. Und fügt gleich noch hinzu: „Ich habe ein glückliches Eheleben gehabt. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Ihr Begeisterung und Leidenschaft für die Anthroposophie teilte sie dann ab den 1950er-Jahren immer mit ähnlich orientierten Studenten. Auch entsprechende Bücher verfasste Haertl. Liebe und Begabung zum Schreiben entdeckte sie allerdings erst, als sie über 80 Jahre alt war. Jüngst hat sie ein weiteres anthroposophisches Werk vollendet, das den Titel „Auf der Suche nach der Wirklichkeit der Okkulten Geschichte im Lichte des Heiligen Gral“ trägt. Was sie an der Lehre begeistert, fasst Haertl so zusammen: „An der Anthroposophie fasziniert mich der Gedanke, dass der Mensch als Einheit geschaffen ist.“ Von München nach Fürstenfeldbruck kam die Jubilarin erst 2002, sieben Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Der Grund dafür war ein eher praktischer. Volker Linke, der seit über 30 Jahren mit der Familie verbunden ist und ihr immer wieder beratend zur Seite stand, wohnte in der Kreisstadt. Der Umzug Haertl nach Fürstenfeldbruck erleichterten dem heute 69-jährigen Linke, der sich als Ziehsohn Haertls bezeichnet, die alltäglichen Hilfeleistungen für die 100-jährige, Beim Besuch von Brucks zweitem Bürgermeister Hans Schilling und Vize-Landrätin Gisela Schneid, die der Jubilarin herzlich gratulierten, hatte sie viel zu erzählen. So viel und so lebendig, dass die beiden Politiker nur ungern das Haus Haertls verließen, weil der Terminkalender drängte. „Wir kommen nächstes Jahr wieder, zum 101. Geburtstag. Dann können Sie weiter erzählen“, so Schneid. „Darauf freue ich mich heute schon“, antwortete Ruth Haertl.

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