1000 Milchkühe aus Deutschland sollen Produktion in Transnistrien steigern - Interview

Republik „Absurdistan“ nennt Heinz Gerrits, Mitglied des Freundeskreis Luftwaffe, Dipl. Ing. Milchwirtschaft, das in Europa fast vergessene widerspenstige Transnistrien, handtuchschmal zwischen der Ukraine und Moldawien gelegen, ein Staat von eigenen Gnaden, der sich von Moldawien abgespalten hat und nach einer militärischen Auseinandersetzung von Russland befriedet wurde. Eine konsularische Vertretung für Deutsche gibt es hier nicht. Nach seiner Rückkehr von einem mehrwöchigen Einsatz im Februar 2009 als Senior –Experte in der Molkerei eines privatisierten Milchkombinats sprach Gerrits über seine Erfahrungen in dem von Lenin-Denkmälern beherrschten post-kommunistischen Staatsgebilde, dem der jüngste Gasstreik kalte Füße beschert hat. Wichtigstes Ergebnis des ehrenamtlichen Einsatzes: Gerrits muss dafür sorgen, dass 1000 Milchkühe aus Deutschland nach Transnistrien geschickt werden um die Milchproduktion erfolgreich zu erhöhen.

Herr Gerrits- wie haben Sie den Gaststreik zwischen Russland und der Ukraine in Transnistrien erlebt? Heinz Gerrits: Mich hat es zum Glück nicht betroffen. Ich war sehr gut untergebracht im Reha-Zentrum des Stahlwerkes in Rybnitza . Doch sehr viele Einheimische hatten schon kalte Wohnungen , wobei die Bevölkerung entweder in fernbeheizten Plattenbauten oder in kleinen 40-50 m_ grossen Lehm/Steinbauten wohnt, in denen mit Gas oder Holz geheizt wird. Sie wurden vom Senior –Experten- Service (SES Bonn) nach Transnistrien geschickt- natürlich mit Unterstützung einer Dolmetscherin vor Ort. Es war nicht Ihr erster Einsatz, denn Sie haben auch schon in China, Mongolei, Rumänien und Belarus fachmännische Unterstützung geleistet. Heinz Gerrits: Der Einsatz als Senior –Experte erfolgt ehrenamtlich. Das ist schon aus der Höhe des Taschengeldes ersichtlich : 5 Euro pro Tag (60 transnistrische Rubel) Die Reisekosten wurden in diesem Fall von Bonn aus getragen, die Unterbringung vor Ort ist Sache des jeweiligen Betriebs. Die Anforderung kam von einem Parlamentsabgeordneten, der ein seit 2004 privatisiertes Molkereikombinat besitzt. Neben der Molkerei, die sich 1968 im Neuzustand befand, jetzt aber stark gelitten hat durch Ersatzteilmangel, besitzt er noch Tankstellen, Restaurant, einen Handel mit Argrargütern und deutschen Landmaschinen. Sein Name ist Jurij Kuzmenco. Mit diesem Unternehmen – der Zustand der Molkerei erinnert mich im übrigen doch sehr an die Verhältnisse in der Mongolei- macht er einen Jahresumsatz von 12 Millionen US-Dollar. Woher kommt die Milch , und welche Probleme haben Sie vor Ort festgestellt? Heinz Gerrits: Kurz gesagt: Es gibt kaum eine Kühlung und wenig Hygiene. 30% der Milch kommen von privatisierten Kolchosen, wo man mit einfachen Eimermelkanlagen arbeitet, der Rest von 70% wird eingesammelt von Kleinstbauern mit 1-2 Kühen. Im Sommer kommt es nicht selten vor, dass die Milch schon sauer in der Molkerei ankommt. In der Molkerei werden nur Fett- und Eiweiß ermittelt, der Keimgehalt dagegen nicht. Die pasteurisierte Trinkmilch wird vornehmlich in der Schlauchverpackung und auch in der Giebelverpackung mit 2,5% und 3,2 % Fettgehalt ( bei uns 1,5% und 3,5%) angeboten. Es war einer von sehr vielen Vorschlägen den Fettgehalt auf 1,5 und 3,2 % zu ändern. Außerdem habe ich zur dringend notwendigen Verbesserung der Hygiene ein in Deutschland hergestelltes modernes rückstandfreies Desinfektionsmittel vorgeschlagen , da derzeit mit teurem Dampf sterilisiert wird. Hat man Ihnen als Molkerei-Fachmann schon zum Frühstück einheimische Joghurt- und Käsesorten serviert ? Woraus besteht das Angebot an Milchprodukten in diesem Land ? Und können Sie uns die Preise - umgerechnet von Rubel auf Euro nennen? Heinz Gerrits: Zum warmen Frühstück im Reha-Zentrum erhielt ich eine bekannte Joghurt-Sorte aus einer deutschen Lizenzproduktion in Russland. Dazu Käse aus heimischer Produktion mit sehr guter Qualität . Im Land produzierte Butter kostet zum Beispiel 1 Euro, Milch im Schlauch 80 Cent, Kefir 0,5 Lit. 70 Cent, Smetana (saure Sahne) 0,5 Lit. 90 Cent, Schnittkäse pro kg 7-8 Euro. Brot ist subventioniert , es kostet pro Laib 30 Cent, 12 Eier ca. 1 Euro. Diese Preise sind natürlich angesichts des niedrigen Einkommens von ca. Euro 100,00/Monat – wenn überhaupt derzeit der Arbeiter Geld bekommt !- deutlich höher einzustufen als bei uns.Längst nicht jeder kann sich Milchprodukte leisten. Was die Bevölkerung angeht:In dem Land leben eine halbe Million Menschen, davon 270 000 in drei größeren Städten. Nur ein Drittel davon kauft in kleinen Läden und Kiosken Molkereiprodukte, der Rest ist wohl auf Selbstversorgung angewiesen. Nach Ihnen soll ein Experte für Rinderzucht in Transnistrien tätig werden, und 1000 Stück Rinder aus Deutschland, die über eine gute Milchleistung verfügen, sollen importiert werden. Heinz Gerrits: Es ist normal, dass nach jedem SES-Einsatz gewisse Nacharbeit anfällt und es ist wichtig, dass insbesondere deutsche Erzeugnisse und Leistungen vermittelt werden. So erkundige ich mich bei deutschen Viehzuchtexperten und exportierenden Viehzuchtfirmen. Welche nennenswerte Industrie hat das Land ? Heinz Gerrits: in Rybnitza steht ein großes modernes Stahlwerk als größter Arbeitgeber im Land. Zur Zeit muss es Zollstrafe an die EU zahlen wegen Dumpingpreise. Daneben gibt es noch ein Zement- und Pumpenwerk. In der Haupstadt Tiraspol gibt es weitere Werke, wobei in der Sowjetzeit auch Waffenfabriken darunter waren. Fast 50% der Industrie von Moldawien ist in Transnistrien konzentriert. Welche Produkte werden im Land angebaut ? Gibt es auch eine Weinproduktion ? Heinz Gerrits: Wie in Moldawien wird viel Obst und Gemüse angebaut und auch Wein. Eine international bekannte Weinbrandfirma Kvint ist in Tiraspol angesiedelt Sie haben die schlechten Straßen in Moldawien und Transnistrien erwähnt, die vielen Lenin-Denkmäler und politische Parolen, gibt es überhaupt ein Kulturangebot ? Heinz Gerrits: In Rybnitza mit immerhin 65 000 Einwohnern gibt es praktisch kein Kulturangebot und noch nicht einmal ein Kino. Höchstens ein russisch sprachiges Fernsehprogramm ohne direkten Zugang zum moldawischen Fernsehkanal. Sie waren auch in Moldawien, das sich früher ja einmal gerne Rumänien angeschlossen hätte. Zur Grenzsicherung am Grenzfluss Dnestr sind ja immer noch russische und moldawische Truppen präsent ? Heinz Gerrits: In Transnistrien sind widerrechtlich 1400 russische Soldaten stationiert, 400 bewachen eines der größten Munitionsdepot mit 20 000 t . Transnistrien hat eine eigene kleine Armee, paramilitärische Kosakenverbände, natürlich keine Luftwaffe. Die Polizei ist allgegenwärtig und die Grenzkontrollen erinnern ein wenig an die DDR-Grenze. Not und Armut sind in diesem ärmsten Land Europas mit Händen zu greifen. Gibt es soziale Einrichtungen ? Heinz Gerrits: Ein soziales Netz in unserem Sinn gibt es nicht, wohl aber ein kostenloses Gesundheitswesen wie es in allen kommunistischen Staaten üblich war. Bei meinem Besuch in Moldawien bin ich auf eine christliche Gruppierung gestoßen, die sog. „Pfingstler“. Sie sind die einzigen, die ehemaligen Drogen- und Alkoholkranken, Straftätern und Obdachlosen in einer sehr einfachen Unterkunft Essen und Übernachtungsmöglichkeiten bieten mit einem festen Tages- und Arbeitsprogramm.Spendengelder kommen von der Aktion Mensch aus Deutschland oder aus den USA. Die orthodoxe Kirche macht in dieser Hinsicht sehr wenig. An einem Sonntag habe ich einen Gottesdienst besucht, wo fast 300 Gläubige und viele Kinder , mehrere Chöre und Prediger zu erleben war.

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