Holocaust-Überlebender Abba Naor referierte vor Gymnasiasten in Olching  über seine Geschichte  während des Nazi-Regimes  

Jüdischer Zeitzeuge: "Unsere Zeit geht   langsam zu Ende" 

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Der 85-jährige Abba Naor, Überlebender des Todesmarsches nach Dachau, berichtete vor 60 Schülerinnen und Schülern des Olchinger Gymnasiums seine Lebens-und Leidensgeschichte

Olching – „Unsere Zeit geht langsam zu Ende“, sagte der 85-jährige Abba Naor zu den Schülerinnen und Schülern der Klassen 9a und 9 b des Olchinger Gymnasiums am 17. Mai, als er im Filmsaal vor den beiden Klassen und dem Fachseminar Geschichte über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte referierte. „Wenn wir Zeitzeugen nicht mehr da sind, dann müsst ihr der nächsten Generation berichten, was damals passiert ist.

  Darum bitte ich euch, hört genau zu, damit ihr euren Kindern eines Tages Rede und Antwort geben könnt, wenn sie euch fragen: Stimmt das eigentlich alles, was damals passiert ist? Dann könnt ihr antworten, dass ihr sogar noch einen Zeitzeugen kennengelernt habt.“ Abba Naor, der erst zu Beginn des Jahres, am 27. Januar, mit seinen beiden Freunden Karl Rom und Uri Chanoch an der Gedenkstunde am Todesmarsch-Mahnmal in Fürstenfeldbruck teilnahm, berichtet nunmehr seit 18 Jahren in den Schulen in ganz Deutschland über die Zeit der Verfolgungen während des Nazi-Regimes. 

Nach seiner Pensionierung als Beamter musste er bei seinem ersten Vortrag in Hannover feststellen, wie wenig die Kinder und Jugendlichen über die Geschichte seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wussten und welches große Interesse sie zugleich an den Tag legten, um davon mehr zu erfahren. Für ihn sei es nicht einfach, die Geschichte eines 13-jährigen Jungen zu erzählen, nämlich seine eigene Geschichte. So begann der Holocaust-Überlebende nach der Begrüßung durch die Schuldirektorin Beate Sitek, die dem Gastredner eine Spende für seine Arbeit überreichte, mit seiner Lebensgeschichte ab der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Als die deutsche Wehrmacht 1941 Litauen überfiel, war Abba Naor 13 Jahre alt. Bald musste seine Familie ins Ghetto und später ins KZ der Stadt Kaunas umziehen, mehrere Familienmitglieder wurden von der Gestapo erschossen. 1944 deportierten die Nazis die Naors ins KZ Stutthof im heutigen Polen.

 Dort musste Abba Naor die Trennung von seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder erleiden, die beide in Auschwitz vergast wurden. Auf sich allein gestellt, wurde er nach Utting am Ammersee gebracht, wo er sich mit Mithäftlingen selbst Baracken bauen und beim Aufbau einer Fabrik arbeiten musste. Die letzten Kriegswochen musste er, bei geringsten Essensrationen und unvorstellbar schlechten hygienischen Verhältnissen, härteste Zwangsarbeit in Kaufering leisten. 

Nach neun Tagen Todesmarsch zuerst nach Dachau, dann ins Oberland, befreiten amerikanische Soldaten ihn und die verbliebenen Mithäftlinge in der Nähe von Waakirchen. Im Lager für „Displaced Persons“ traf er nach dem Krieg seinen Vater wieder. „Ich weiß, dass es schwer ist, Fragen zu stellen. Doch habt nur Mut und fragt. Ich beantworte euch jede Frage.“ Tief beeindruckt von den Ausführungen des Zeitzeugen musste Abba Naor die Schülerinnen und Schüler erst einmal ermutigen, Fragen an ihn zu richten. 

Die 14-jährige Nadine Stoever und der 15-jährige Felix Schubert, beide Schüler der neunten Klasse, zeigten sich tief  beeindruckt von den Ausführungen von Abba Naor.

„Haben Sie das deutsche Volk gehasst?“ fragte dann ein Schüler. „Ja“, antwortete Naor, „sonst wäre ich nicht normal.“ Aber genau so habe er auch die Engländer gehasst, die ihn in ein Lager gesteckt haben, aber auch die Araber, gegen die er 1948 in den Krieg ziehen musste. „Ich habe keine Mutter mehr, jetzt habe ich auch keinen Vater mehr“, schrieb Abba Naor seinem Vater, als dieser in München eine Deutsche heiratete.  Diese Frau war kein Mensch, berichtete Abba Naor, sie war ein Engel, denn sie pflegte später aufopferungsvoll seinen dementen Vater. „Die Zeit ist ein sehr guter Arzt“, sagte Abba Naor zum Ende seiner Ausführungen. „Das war total spannend und interessant“, meinte die 14-jährige Nadine Stoever, Schülerin der neunten Klasse, noch sichtlich beeindruckt von Naors Ausführungen. „Man hat sich gefühlt wie in einem Film. Man kann kaum glauben, dass das alles wahr ist, was Herr Naor erzählt hat. Einen Zeitzeugen noch dazu zu erleben, ist ganz anders, als wenn im Unterricht über die Geschichte des Dritten Reiches zu erfahren.“ Und auch der 15-jährige Felix Schubert, Schüler aus der gleichen Klasse, meinte: "Sehr emotional erzählt von Herrn Naor. Im Unterton hat man deutlich gespürt, dass er das alles selbst erlebt hat. Das war hochinteressant, sehr bedrückend, aber auch sehr anschaulich rübergebracht.“

Dieter Metzler


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