Der frühere Oberstarzt der Bundeswehr und Begründer der Kinderhilfe Afghanistan referierte in der Polizei-Fachhochschule Fürstenfeldbruck 

Bildung ist die schärfste Waffe in Afghanistan 

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Oberstarzt a.D. Reinhard Erös, mit seiner Ehefrau Begründer der Kinderhilfe Afghanistan, sprach in FFB vor Polizeibeamten und Studierenden über Afghanistan.

Fürstenfeldbruck – „Afghanen lassen sich nicht erobern“. Mit diesem Satz umreißt der frühere Oberstarzt der Bundeswehr, Dr. Reinhard Erös, Begründer der Kinderhilfe Afghanistan die aussichtslose Position der Mächte, die – wie die Sowjet-Armee,  an diesem Vorhaben gescheitert sind.  Zu dieser Zeit ließ sich der deutsche Militär-Arzt  beurlauben und schmuggelte sich unter Lebensgefahr – beschützt von den Mujahedin, die Widerstand gegen die Besatzer leisteten und die  ihr Leben für seine Sicherheit opferten, mit Eseln, Pferden und Maultieren in Paschtunentracht in das Land, um als Höhlenarzt in 2000 bis 3000 Meter Höhe medizinische Hilfe zu leisten.  Der Präsident der Polizei-Fachhochschule FFB, Hermann Vogelgsang begrüßte den eben aus Pakistan zurückgekehrten  Afghanistan-Kenner und –Versteher, dessen Familien-Stiftung inzwischen 1500 Lehrer und 50 000 Schüler erfasst, am 19. 3. zu einem spannenden Vortrag im Churfürstensaal.

Als „hoch engagiert in humanitären Angelegenheiten seit einem Vierteljahrhundert“ beschrieb der Präsident der Polizei-Fachhochschule FFB, Hermann Vogelgsang,  Dr. Reinhard Erös. Der mit seiner großen Familie in Niederbayern beheimatete Mediziner war nicht zum ersten Mal in Fürstenfeldbruck: Auch im Fliegerhorst hat er bereits vor Offiziersanwärtern über  Afghanistan gesprochen. Der Bayerische Rundfunk wird Dr. Erös und sein Lebenswerk in „Lebenslinien“ am 23. 3. um 21 Uhr, vorstellen. Was bewog ihn, sich zu beurlauben lassen und damals als einziger europäischer Arzt den Ärmsten in Höhlen medizinische Hilfe zu leisten? Erös: "Unserer Familie ging es in meiner Zeit als Militärarzt so gut, dass wir beschlossen,  dort zu helfen." Er lebte damals zusammen mit seiner Familie im pakistanischen Grenzort Peshawar in direkter Nachbarschaft zu Osama Bin Laden ("Tee mit dem Teufel")  und arbeitete in den  Bergen um Tora Bora illegal als Arzt.

Die Analphabetenrate in Afghanistan beträgt 75 Prozent,  nur 55% der Männer und 35 % der Frauen besuchen eine Schule. Die Kinderhilfe Afghanistan finanziert sich ausschließlich aus Spenden.  2002 baute die  private Hilfsorganisation  die erste gemischte Dorfschule in den Bergen von Tora-Bora, denen weitere fünfzehn Dorfschulen und zwölf Oberschulen in den Provinzen Nangahar, Laghman, Khost und Paghman folgten. Mit Lebensmittelpaketen und kostenloser Schul-Kleidung für Schulanfängerinnen werden kinderreiche Familien gezielt unterstützt. Besonders qualifizierte Absolventinnen der zwölf Computerausbildungsklassen fördert die Kinderhilfe Afghanistan von Dr. Reinhard und Annette Erös (Lehrerin) mit Hilfe von Assistentinnen, die sich zur Computer-Lehrerin weiterbilden können und damit zum Familienunterhalt beitragen. Auch medizinische Lehrbücher aus 60 Fachgebieten gibt die Stiftung heraus. Am 3. Oktober feierte Erös die Eröffnung des ersten Traktes der „Deutsch-Afghanischen Friedens-Universität“ in der Provinz Laghman, einer ehemaligen Taliban-Hochburg. Dort studieren über 1000 junge Afghanen – Männer wie junge Frauen – in den Fakultäten Landwirtschaft und Journalismus. In Sargoda/Pakistan wurde im Sommer mit dem katholischen Pater Leonard (Südtiroler) eine „christlich-muslimische Oberschule“ errichtet. Bei diesen Projekten, vor allem Mädchen-Schulen erfolgt eine Abstimmung mit den Taliban. Erös: „Ich möchte nicht, dass die Schulen abgefackelt werden.“

Afghanen geben nicht auf,“ sagt Erös. Das musste die Sowjet-Armee leidvoll erfahren: Die Verluste waren auf beiden Seiten groß.  Das kommunistische System brach 1990 nach dem Rückzug  in sich zusammen.  Die Bundeswehr trauerte im Verlauf ihres Einsatzes  um 54 gefallene Soldaten. Mit ihren Camps im Norden Afghanistans, wie z.B. Kundus, seien die deutsche Soldaten in ihren abgeschotteten Militärlagern mit dem modern ausgerüstetem Medizinbetrieb und allen Facharztgruppen  nicht in dem Maße gefährdet gewesen wie ihre Partner des NATO-geführten ISAF-Einsatzes USA, Kanada und die Briten, die sich in den hoch explosiven Regionen im Grenzgebiet zu Pakistan bewegen und „für uns die Kartoffeln aus dem Feuer holen," sagte Erös.  Nach dem Krieg ist die Rede von „Military Suicide“, jeden Tag nimmt sich ein Soldat das Leben. Und viele deutsche Soldaten haben eine  Postraumatische  Belastungsstörung (PTBS) erlitten.  

Erös, der außer Medizin auch Politikwissenschaft studierte, war von 1967 bis 1972 Zeitsoldat der Bundeswehr und Offizier in der Fernspähgruppe. Er absolvierte im Rahmen der Ausbildung den Einzelkämpferlehrgang und den Fallschirmspringerlehrgang. Ohne diese Spezialausbildung, so glaubt Erös, hätte er die Strapazen in dem topografisch extremen Land mit 50 Grad im Schatten,  verkeimten Wasser und giftigen Schlangen und Skorpionen nicht überlebt. 

Afghanistan verfüge über Bodenschätze, Öl, Gas und Lithium, aber diese zu bergen, sei  ein Problem. Es fehle die Infrastruktur, nur China kümmere sich um den Straßenbau. 

Dieses Land, so erklärte Erös,  habe  20 Volksgruppen und Sprachen, Erös beherrscht die Landessprache Paschtu. In seinem Vortrag zeigte er Fotos, die die Vielfalt der Ethnien dokumentieren:  Dunkelhaarige Frauen, Nachkommen von Mongolen und schwedenblonde Bewohner. Den Hauptanteil stellen die Paschtunen, bei denen die Männer draußen als „Machos“ auftreten, zuhause bei ihren Frauen aber „ganz klein werden“. Erös – gerade ist er wieder von einer Reise nach Pakistan zurückgekehrt - verfügt über interkulturelle Kompentenz, insgesamt war er 9 Jahre „im Busch“ für Hilfsorganisationen, zum Beispiel in Indien, Osttimor, Bangladesch. So vermittelte er diese Kenntnisse auch Polizeibeamten vor dem Auslandseinsatz. Warum, so fragt man sich, ist die Polizeiausbildung in Afghanistan nicht gelungen? Erös, der die deutsche Polizei als „die beste Polizei auf der Welt“ einstuft, erklärte, Zielvorgabe seien 120 000 afghanische Polizisten gewesen. Dazu seien 1200 Ausbilder aus Deutschland für zwei Jahre geplant gewesen. „In Afghanistan  herrscht eine personenbezogene Kultur. Noten und Abschlüsse sind unwichtig, es zählt das Vertrauen, aber das dauert lange.“  Doch letztendlich wurden nur 140 deutsche Ausbilder, darunter 35 für Verwaltungsaufgaben, entsandt. Erös: „Eine Totgeburt“ – auch vor dem Hintergrund, dass mangels Angebot auch viele Analphabeten als Polizeianwärter rekrutiert werden müssten. Die Ausbildung übernahmen letztendlich US-Söldnerfirmen, das bedeutet Securityfirmen.   

Was aber ist das Resümee zum Afghanistan-Einsatz, der erst spät als „Krieg“ bezeichnet wurde,  und sich unter 6 deutschen Verteidigungsministern abspielte? Erös: „Nach 13 Jahren sind die Menschenrechte nur mangelhaft gewährleistet. „ Wir haben für die Internationale Sicherheitspolitik viel erreicht, aber gleichzeitig sind 40 Terrorgruppen entstanden, verteilt auf 23 Länder.“

Der Islam existiere nun schon 1300 Jahre in Afghanistan mit Schiiten und Sunniten. Differenzen zwischen den religiösen Gruppierungen wie in arabischen Ländern  sind jedoch nicht entstanden.  „Das Nachbarland Iran kümmert sich um schiitische Angelegenheiten in Afghanistan.“ Der Islam in Afghanistan sei friedlich, geradezu unpolitisch, kein Afghane sei bisher in einem der letzten großen weltweiten Anschlägen verwickelt gewesen. Die Tatsache, dass Gastfreundschaft in Afghanistan bedeutet, niemanden „ans Messer zu liefern“ habe dazu geführt, dass Taliban-Führer (der Begriff sei ein weites Feld) dem Führer der Al-Qaida eine Bleibe ermöglicht hätten. Mit dem wahabitischen System, das zulässt, dass in Saudi-Arabien Dutzende von Frauen, die angeblich gehext haben oder des „Ehebruchs“ bezichtigt würden, „weil sie einem Mann nachgesehen haben“ sowie religiöse Abweichler geköpft werden, habe Afghanistan nichts gemein, auch wenn die  afghanischen Frauen vor allem auf dem Land sich traditionell mit der Burka verhüllten. Erös löste allgemeine Heiterkeit aus, als er das Foto einer schwergewichtigen Frau westlicher Herkunft  im Bikini am Strand präsentierte: „Sie muss keine Burka tragen, ist aber ein ästhetisches Stalingrad.“

Hermann Vogelgsang, Präsident der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern, Leiter des Fachbereichs Polizei, (l.) stellte Dr. Reinhard Erös im Churfürstensaal vor. 

Erös räumte mit falschen politischen Erfolgsmeldungen im Westen über den Rückgang der Rauschgiftproduktion in Afghanistan auf: Er zitierte einen deutschen CDU-Politiker, der den vermeintlichen Erfolg als „unser Engagement“ interpretierte. Erös setzte das Statement des zuständigen afghanischen Ministers dagegen, der erklärte hatte,  Ursachen seien ausschließlich „schlechtes Wetter und Pflanzen-Krankheiten“.

Der deutsche Mediziner,  der sich auf den rund 50 ha großen Anbaufeldern selbst einen Überblick verschafft hat, erklärte:  „10 Prozent des Ertrags geht in den Internationalen Terrorismus“.  Das Geld aus dem Rauschgift werde vor allem in den Emiraten, z.B. in Dubai, investiert, wo Afghanen das  Rotlicht-Milieu beherrschen und in Hotelketten investierten.  

Zur Zukunftsprognose: Mit dem Abzug des Großteils der ISAF-Truppen Anfang 2015 werde sich die Sicherheitslage kurzfristig wohl nicht ändern. Der schlimmste Platz für Kinder sei Afghanistan, und das nicht nur wegen der hohen Kinder/Säuglingssterblichkeit (46%). Auch nach zwölf Jahren NATO habe sich die humanitäre Situation nicht verbessert. Die Zahl der Afghanen, die durch den Krieg ihr Leben verloren haben, sei ungewiss. "80 000 vielleicht", die Zahl von 346 getöteten Kindern allein in einem Jahr, nämlich 2011, gelte jedoch als gesichert, mehr als die Hälfte von ihnen durch NATO "collateral damages". Wieviele Kinder in den 14 Jahren insgesamt durch NATO Bomben ums Leben kamen, lässt sich nur schätzen; vermutlich mehr als 1.000!

 

Bei einem Durchschnittseinkommen von 2 Dollar pro Tag,  der Arbeitslosigkeit von 60 Prozent und 30 Millionen Einwohnern unter 15 Jahren, explodierenden Nahrungsmittelpreisen sowie einer wachsenden Kriminalitätsrate beträgt die Lebenserwartung eines Mannes ca. 40 Jahre, die einer Frau gerade einmal 48 Jahre.

Hedwig Spies 

Literatur:  Tee mit dem Teufel: Als deutscher Militärarzt in Afghanistan von Reinhard Erös (2006), 

Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen: Eine deutsche Familie kämpft für Afghanistan (2008)

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