Im Alter lieber zu Hause wohnen oder ins Heim? Sozialwissenschaftlerin referierte

Der Gemeindesaal der ev. Gnadenkirche war mit gut 50 Besuchern zu diesem Thema überdurchschnittlich gefüllt. Die Münchner Supervisorin Doris Knaier ging auf die Lebensabend-Möglichkeiten ein, die zwischen der Alternative „Zuhause wohnen bleiben“ und „(Pflege)Heimaufnahme“ schon heute in einem wachsenden Markt bestehen. ..

„Es gibt eine wachsende Gruppe, die im Alter bewusst ihre Wohnsituation verändern und eine neue Lebensform ausprobieren will. Nach Beendigung der Familien- und Berufsphase und durch die Verlängerung der Lebenszeit ist eine dritte Lebensphase entstanden, die viele neu gestalten wollen.“ Letzteres wird durch die bereits absehbare, enorme demografische Altersentwicklung der Bevölkerung fast zwangsläufig entstehen. Was sind die bereits vorhandenen Angebote für diese neue Lebens- und Wohnform und wo existieren sie schon? Frau Knaier stellte klar, dass die auf besondere Initiative des Bundesministeriums für Familien, Jugend und Senioren überall ins Kraut schießenden „Mehrgenerationenhäuser“ keine gemeinsame Wohnstatt, sondern lediglich Veranstaltungsangebote und Treffpunkte sind. 92 Wohnungen Den bewohnbaren Gegenpol hierzu bietet das in München zu besichtigende Projekt für jung und alt namens „WAGNIS I“ in Schwabing-West am Ackermannbogen: Für rund 21 Millionen Euro entstanden hier und sind seit dem Oktober 2004 genau 92 Wohnungen für 230 Personen bezugsfertig geworden. Die Initiativen und Gespräche liefen allerdings bereits im Jahr 1995 an, beweisen mit der langen Vorlaufzeit die sorgfältige Auseinandersetzung mit einer diffizil gewordenen, gesellschaftlichen Vernetzung. Mit der Vollendung realisierte sich die gemeinsame Wunschvorstellung zum „genossenschaftlichen Zusammenfinden in einer Wohnanlage“. Damit erschlosst sich auch die Möglichkeit, jederzeit erreichbare Pflegekräfte für die Bedürfnisse bei alt und jung in einer entsprechenden Anzahl einzubinden. Jedoch, da ist sich Frau Knaier ganz sicher, muß sich der Einsatz solcher Pflegekräfte (Stationen) für Hilfe- oder Pflegebedürftige für den jeweiligen Betreiber rechnen. Der Vorteil wiegt alles in allem den Eigenkostenbeitrag auf: Einrichtungen dieser Art bieten Sicherheit für eine Versorgung rund um die Uhr („Und nicht nur mit dem einmaligen Besuch wöchentlich …“) und im Normalfall die lebenslange Aussicht, „im Viertel bleiben zu können.“ Vergleichbare Modell-Projekte zu „jung plus alt“ existieren in Stadt und Landkreis Fürstenfeldbruck noch nicht. Frau Knaier, die auch alle für das Leben und Wohnen hier bestehende Einrichtungen und Ziele (u.a. vom Senioren-Beirat) abfragte, wies nachdrücklich auf das im Vergleich zu früher gesellschaftlich entstandene Manko im Zusammenleben der Jungen und Alten hin. Ältere und Altenheime wären früher kein Thema gewesen, das wäre in der Familie geregelt worden: „Bis in die 70er Jahre fast noch ein unbeschriebenes Blatt …“ Die veränderten gesellschaftlichen Strukturen hätten ergeben, dass sich die Bindungen heute leichter auflösten. Dennoch entspräche das „Zuhause alt werden“ immer noch dem Standarddenken. Erschwerend hierfür, dass sich nicht immer automatisch damit auch Hilfsleistungen von Angehörigen (Kinder/Enkel) oder von Nachbarn abrufen lassen. Dazu kommt eine Wohnungsanpassung mit zunehmenden technischen Hilfen: „60 Prozent der Altersversorgung sind Architektur, z.B. breitere Türen, Lichtquellen, Beseitigung von Schwellen oder Stufen. Eine altersgemäße Wohnung muß regelrecht ‚fit gemacht’ werden für altersbedingte Bedürfnisse …“ Leistungen werden aber auch zum Kostenfaktor: Notruf über eine ständig im Betrieb befindliche Sendeanlage, Nachtüberwachung, Essen auf Rädern, Behördengänge, Einkäufe und Fahrdienste, ambulante Pflege über Sozialstationen, gerontopsychologische Dienste, Tagesstättenaufenthalte, Besuchs-, Vorlese- oder Hospizdienste. Bei Haus- oder Wohnungsbesitzern würde sich aber auch die Beschäftigung einer mietfrei mitbewohnenden Hilfe anbieten, sofern ein angemessener Platz vorhanden ist. Als „im Kommen“ bezeichnete die Referentin das seit etwa 2007 verstärkt auftretende „ambulant betreute, individuelle Wohnen in Wohngruppen“, da hiermit der „Heimcharakter“ entfiele. Heime würden ohnehin bei Pflege/Vollpflege künftig für die meisten Einkommensschichten im Normalfall fast nicht mehr bezahlbar sein. In ihrem Fazit bescheinigte Doris Knaier der gesellschaftlichen Entwicklung, dass es heute viel leichter wäre, älter zu werden, was aber gleichzeitig eine gewaltige gesellschaftspolitsche Herausforderung für alle bedeute: Sei es im wiederum engeren Miteinander, aber auch in der finanziellen Bewältigung. Dekan i.R. Ulrich Finke nannte als nächsten Zeitgespräche-Termin den 26. Nov. 2008 in der Erlöserkirche. Thema: „75 Jahre nach 1933 - Vergeben? Vergessen? Schlussstrich?“

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