Annette Erös, Mitbegründerin der Kinderhilfe Afghanistan, berichtete in Fürstenfeldbruck über das geschundene Land

Annette Erös referierte im Rahmen der Brucker Zeitgespräche über „Afghanistan im Herbst 2010 – eine politische und humanitäre Bestandsaufnahme. Als Moderator fungierte Pfarrer Thomas Zeilinger vom Zeitgespräch-Team. Foto: Dieter Metzler

Das Interesse am Vortrag von dem längst zu einem der gefragtesten Afghanistan-Experten zählenden Oberstarzt a. D. und Gründer der „Kinderhilfe Afghanistan“, Dr. Reinhard Erös, war riesengroß. Der Gemeindesaal in der Erlöserkirche war am 24. November bis auf den letzten Platz gefüllt. Es mussten zusätzliche Stühle herangeschafft werden. Doch für den angekündigten Dr. Erös informierte seine Frau Annette im Rahmen der Brucker Zeitgespräche zwei Stunden lang anschaulich über die Geschichte, die Kriege und das private Engagement der Familie Erös in und für Afghanistan. Dr. Erös hatte kurzfristig eine andere Verpflichtung wahrnehmen müssen.

Terror-Anschläge von Aufständischen, Korruption, Wahlbetrug und Heroin-Mafia bestimmen derzeit die Themen der Berichterstattung über das durch 30 Jahre Krieg geschundene Land Afghanistan. Neun Jahre dauert nun schon der Einsatz der internationalen Staatengemeinschaft. Mit besonderem Engagement versucht auch die Bundesrepublik Deutschland, Afghanistan zu stabilisieren. Die Bundeswehr ist als Aufbauhelfer angetreten und befindet sich heute in kriegerischen Auseinandersetzungen. Dem ehemaligen Bundeswehr-Arzt und der Gymnasiallehrerin, die unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, dem Marion-Gräfin-Dönhoff-Preis und dem Europäischen Sozialpreis ausgezeichnet wurden, waren erst im September für ihre beständige humanitäre Hilfe und ihren großen zivilgesellschaftlichen Aufbau in Afghanistan, insbesondere ihrer kontinuierlichen Aktivitäten zugunsten afghanischer Kinder der Thomas-Dehler-Preis verliehen worden. Bevor Annette Erös über das afghanische Volk und ihr armseliges Leben, die Beziehungen der Nachbarländer Afghanistans, die Kriege, den Glauben und die aktuelle politische Lage sowie ihre Hilfsorganisation einging, räumte sie mit dem Vorurteil auf, die düster dreinschauenden Afghanen mit ihren Bärten seien böse Menschen. Ihre Familie habe die große Gastfreundschaft der Afghanen kennengelernt. Seit über 25 Jahren reiste ihr Mann immer wieder nach Pakistan und Afghanistan. Die untragbare Ärztedichte von 1:250.000 und die große Kindersterblichkeit von 46 Prozent gaben den Ausschlag, dass Dr. Erös 1987 seinen Abschied bei der Bundeswehr nahm und die Familie mit damals vier Kindern ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet zog. In waghalsigen Expeditionen ging Dr. Erös heimlich über die Grenze nach Afghanistan, die Russen hatten zu der Zeit Kopfgeldprämien von 25.000 Dollar auf Ausländer ausgesetzt, und baute erste Krankenstationen auf. Durch das über mehrere Jahre andauernde Engagement während der sowjetischen Besatzung Afghanistans als Arzt und Lehrerin sind ihnen die Menschen besonders ans Herz gewachsen, berichtete Annette Erös. Nach der Rückkehr nach Deutschland habe man das Land und die Menschen dort nicht vergessen. Um den Kindern und Jugendlichen effektiv und langfristig weiter helfen zu können und um ihnen und ihrem Land eine friedliche und prosperierende Zukunft zu ermöglichen, gründete das Ehepaar 1998 das Projekt „Kinderhilfe Afghanistan“. Längst arbeiten die fünf Kinder der Familie mit und unterstützen das Projekt ihrer Eltern. Inzwischen beschäftigt die Kinderhilfe, die sich ausschließlich aus privaten Spenden finanziert und deren deutsche Mitarbeiter alle ehrenamtlich tätig sind, über 2.000 Lehrer, Ärzte, Hebammen, Ingenieure, Handwerker und viele Helfer, die alle von der Kinderhilfe bezahlt werden und damit ihren Familien ein regelmäßiges Einkommen zum Leben ermöglichen. Beim Bau und Betrieb ihrer Einrichtungen verzichtet die Kinderhilfe bewusst auf den Einsatz hoch bezahlter westlicher „Spezialisten“, berichtete Annette Erös. „Alle Einrichtungen werden von Einheimischen gebaut.“ Die Frage zum Abschluss, ob sich für das geschundene Volk der Afghanen die Lage seitdem die internationale Staatengemeinschaft vor neun Jahren in Afghanistan gegen die Taliban vorging, verbessert habe, konnte sich nach den eindrucksvollen Ausführungen der Referentin zwar jeder Zuhörer selbst beantworten, dennoch bekannte Annette Erös, dass sich die humanitäre Lage für das Volk eher verschlechtert habe.

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