Balsam für die geschundene Sozi-Seele - Zum Thema Parteien-Frust und Politik(er)-Verdrossenheit sprach Verleger Dr. Ippen beim SPD-Empfang

Der Verleger/Herausgeber des Münchner Merkur, Dr. Dirk Ippen wurde als Referent begrüßt von Bgm. Dr. Herbert Kränzlein, SPD-Ortsvorsitzenden Jean-Marie Leone und Gemeinderat Norbert Seidl. Fotos: Günter Schäftlein

Der traditionelle Neujahrsempfang der SPD-Ortsgruppe Puchheim fand auch schon mal im März statt, weil Ministerpräsident Matthias Platzeck nicht eher kommen konnte. 2011 lief mit der Einladung an den Herausgeber Dr. Dirk Ippen, seit über 40 Jahren Zeitungsverleger, alles nach Plan - und mit dessen Ermunterung an alle Bürger „Deutschland soll offen und diskussionsfreudig bleiben!“ „Ich bin gerührt“, sagte Dr. Ippen, nachdem der SPD-Ortsvorsitzende Jean-Marie Leone in seiner Begrüßung eingestand, dass die faire Nachbetrachtung zur SPD-Wahlschlappe bei der Bundestagswahl 2009 im Münchner Merkur für ihn „Balsam auf meine geschundene Sozi-Seele“ gewesen sei.

Jean-Marie Leone hielt es bei dieser Gelegenheit für angebracht, die gesamte Ippen-Kolumne „Die große alte SPD und die Erbauer ihrer Ruine“ aus dem MM vom 2.-4.10 2009 zu verlesen. Danach formulierte der seit knapp 2 Jahren tätige, junge Ortsvorsitzende, dass die Sozialdemokraten seit dem Ende der Schröder-Ära in eine schwere Krise - „ideell wie auch personell“ - geraten wären, auf Dauer eine „Basta-Politik“ auch nicht durchsetzbar gewesen sei - aber auch ein von der Kanzlerin Merkel geprägtes Wort wie „alternativlos“ zu recht als Unwort des Jahres bezeichnet würde. Dr. Ippen bekannte sich als ein „Kind des Ruhrgebiets, mit geschwärzten Rußhänden“. Er erinnere sich gut an die politischen Persönlichkeiten im SPD-beherrschten NRW. Auch noch an den Wahlslogan von 1956 mit dem Versprechen, dass der Himmel über diesem industriellen Ballungsraum wieder blau werden solle: „Die Grünen gabs damals noch nicht. Die SPD war grün.“ Jedoch: „Politik ist immer die Kunst des Möglichen.“ Und mit einem Ausblick ins Außenpolitische: „In Russland haben wir mit Herrn Putin eine ‚sogenannte Demokratie’. Von allen Journalistenmorden wurde bis heute kein einziger aufgeklärt.“ Blicke man in Richtung Naher Osten, wäre absehbar, dass die Atommacht Israel zuschlagen würde, sobald der Iran nuklear aufgerüstet sei. Und Afghanistan? „Ist der Krieg überhaupt zu gewinnen?“ Im Inland sieht Dr. Ippen mit dem neuen Aufschwung ein großes Glück. „Wir sind auf einem guten Weg, aber wir müssen den sozialen Zusammenhalt in unserem Land bewahren!“ Ihn beunruhigten Preissteigerungen, die explodierenden Mieten in den Metropolen, die Geldentwertung. Klartext zu den Euro-Länder-Schutzschildern: „Als größte Volkswirtschaft finanziert der deutsche Steuerzahler den wesentlichen Anteil der finanziellen Defizite der schwachen Euro-Länder.“ Und die Politik in der öffentlichen Wahrnehmung allgemein? „Wenn Politiker im Fernsehen auftauchen, stürzen die Einschaltquoten ab …“ Dennoch hätten die Parteien in diesem unserem Land alles in der Hand. Politische Außenseiter ohne Parteienbindung hätten hier kaum eine Chance, sich durchzusetzen. Das beste Beispiel hierfür: Der gescheiterte Rudolf Augstein. Der Kampf um Kandidaturen und Listenplätze fände ausschließlich in Parteien statt, ohne dass der Normalbürger hierauf Einfluß nehmen könne. Dr. Ippen nannte politische Dominanzen wie Franz-Josef Strauß. „Leute wie Herbert Wehner waren unbequem, aber demokratisch unentbehrlich.“ Programmatisch hätten sich CSU und SPD in Bayern sehr angenähert; sie schielten nur noch nach Umfragewerten. Und: „Bei einer demokratischen Abstimmung wäre die DMark nicht abgewählt worden …“ Rückblickend bewertete Dr. Ippen das Ende des Kalten Krieges in Europa: Der Nato-Doppelbeschluß und Kanzler Helmut Schmidt hätten dazu wesentlich beigetragen. „Kanzler Helmut Kohl hat nur das gemacht, was keinen Ärger bereitete.“ Ippen ging ausführlich auf die Pressefreiheit, aber auch die Verantwortung der Presse und anderer Medien ein. Ihn störe, dass schon kleinste persönliche Verfehlungen ohne strafbaren Hintergrund sensationell in den Medien ausgeschlachtet würden. „Dabei muß der politisch tätige Vater für den Unfug seines pubertären Sohnes büßen.“ Die freie Meinungsäußerung sei ein unverzichtbares Gut, aber auch mit Respekt, Augenmaß und Rücksichtnahme auszuüben. Dennoch bleibe festzuhalten, dass auch der Journalist im Zeitgeist stünde - und der Medieneinfluß auf Entscheidungen geringer wäre als oft vermutet. Der Verleger und Herausgeber Dr. Dirk Ippen erinnerte abschließend an Grundpflichten: „Jeder einzelne von uns trägt das Land mit, in dem wir leben. Wir müssen uns engagieren und äußern und nicht in eine Schweigespirale eintreten. Wir sind ein soziales Wesen.“ Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit dem Referenten.

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