Kreisbauerntag in Landsberied zum Thema: "Das Bild der Bauern. Wie sehen wir Bauern uns selbst, wie werden wir gesehen?"

Webcam im Stall: Danach Drohungen 

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Kreisobmann Johann Drexel (Bildmitte) wollte seinen Berufskollegen beim diesjährigen Bauerntag etwas Besonderes bieten und hat den Vorschlag der Jungbauernschaft aufgegriffen: Willi Schillings (im Bild rechts) aus dem Rheinland und Alois Wohlfahrt (im Bild links) aus dem Allgäu sind zusammen "Bauer Willi" im Internet. Unter www.bauerwilli.com wollen sie dazu beitragen, das Image der Bauernschaft zu verbessern und suchen auf diesem Weg den Dialog mit dem Verbraucher.

Landsberied - Beim diesjährigen Kreisbauerntag ging es im Gasthaus "Zum Dorfwirt" in Landsberied um das Thema: "Das Bild der Bauern. Wie sehen wir Bauern uns selbst, wie werden wir gesehen?". Soviel war sehr schnell klar: "Das Bild" hängt ganz schön schief. Die Grundsatzfrage lautete: Wie kann es sein, dass die Bauern immer mehr zum "Buhmann der Nation" werden? Es vergeht kaum ein Tag, wo dieser Berufsstand nicht am Pranger steht. Zwar sind die Bauern nur die Grundstufe der Ernährungskette mit relativ bescheidenen Erlösen, denn die großen Gewinne schieben am Ende die Vermarkter ein. Dafür wird dieser Berufsstand aber vom Verbraucher ständig beschimpft. Auf der anderen Seite fordert der Verbraucher Einblicke in den Produktionsprozess, sobald diese gewährt werden, kommt grenzenlose Kritik. Ein Teilnehmer des Kreisbauerntages konnte davon ein Lied singen. Er hat von Drohungen berichtet, die bei ihm tagtäglich eingegangen sind, nachdem er die Verbraucher per Webcam in seinen Stall blicken ließ.

Der Hauptreferent des Abends, Willi Schillings aus dem Rheinland, brauchte es auf den Punkt: "Wir Bauern erfüllen tagtäglich mit viel Knochenarbeit unsere Aufgabe als Lebensmittelproduzent und werden dafür ständig vom Leuten kritisiert, die keinen Einblick in das Geschehen haben".

Diese Tatsache waren dann für ihn Anlass, als Bauer Willi, einen Brief mit dem Titel "Lieber Nachbar" zu verfassen und zusammen mit einem Berufskollegen aus dem Allgäu ins Internet zu stellen. Dieser Brief ist mittlerweile millionenfach angeklickt worden und hat wohl den Nerv der Zeit getroffen. Seitdem steht das Telefon bei "Bauer Willi" nicht mehr still. Es häufen sich die Anfragen von Tages- und Wochenzeitungen, Rundfunk und Fernsehen.

So konnte er in einer Diskussionsrunde bei Günter Jauch vor einem Millionenpublikum klipp und klar sagen, dass es den Bauern jetzt reicht. Seine Botschaft lautet: Lieber Verbraucher - wir wollen Dialog! Dass es mit diesem Dialog oft schwierig ist, konnte Kreisobmann Johann Drexel gleich zu Beginn der Veranstaltung feststellen: Eine ansonsten beim Kreisbauerntag anwesende und der Landwirtschaft nahestehende Institution ließ sich mit den Worten entschuldigen: Wir kommen nicht zu einer Veranstaltung, bei der die Verbraucher beschimpft werden. "Bauer Willi" sprach dann in Landsberied deutliche Worte an die Adresse der Verbraucher gerichtet: "Wer ein Hähnchen für € 2,75 kauft, weiß bei diesem Preis auch wie es gehalten werden muss, damit so etwas überhaupt möglich ist". Die Wut der Bauern sei einfach berechtigt, weil beste Lebensmittel zu niedrigsten Preisen verkauft werden. Die Lebensmittelketten würden das einfach auf die leichte Schulter nehmen und mit den Niedrigpreis-Angeboten der Bauernschaft schaden, weil keiner mehr die Arbeit des Bauern schätzt. Auch würde es an der Tagesordnung stehen, dass Bauern regelrecht daran gehindert werden, ihre Arbeit zu verrichten.

So geschehen bei einem Berufskollegen, dessen Mähdrescher nach 22.00 per Polizeieinsatz wegen Ruhestörung gestoppt wurde. Es würde einfach am gegenseitigen Verständnis fehlen, das nach Meinung von "Bauer Willi" nur durch eine aktive Information verbessert werden kann. Der Verbraucher würde immer noch die heile Welt suchen, will aber zugleich preiswerte Lebensmittel einkaufen. Diese werden aber in den Augen der Öffentlichkeit nicht mehr von den Bauern erzeugt, sondern von den Lebensmittelketten angeboten. Die Bauern dagegen werden an die Öffentlichkeit gezerrt, wenn irgendwelche Missstände aufgedeckt werden sollen. Man habe langsam das Gefühl, dass an allem immer die Bauern schuld seien, denn diese werden vom Verbraucher immer mehr als Tierquäler und Umweltzerstörer abgestempelt. "Hier muss sich dringend etwas ändern", stellte der Referent fest. Da nach einer Untersuchung 90% der Bauern keinen Kontakt zum Verbraucher haben, würde sich das "schiefe Bild" immer weiter verstärken. So lange aber in der breiten Öffentlichkeit die Meinung vorherrscht, dass die heile Welt, die der Verbraucher sich wünscht, vom "bösen Bauer" zerstört wird, kann der Missverständnis-Kreislauf nicht aufgehalten werden. Hinzu kommt, dass man sich einfach bewusst werden müsse, das der Lebensmitteleinzelhandel heute eine Art Gesetzgeber-Funktion ausüben kann und damit den Bauern das Leben schwer macht. So gesehen, würden die Vermarkter der Lebensmittel ständig die Produktion von Lebensmittel erschweren. Kurios ist dabei, dass die Lebenmittel-Großisten ihre Gewinne auf dem Rücken der Bauern erwirtschaften. Diese aber mit oft nicht einhaltbaren Forderungen überziehen. Für Willi Schillings ist es auch höchste Zeit, dem Verbraucher klar zu sagen, dass es die heile Welt nicht mehr geben kann, es sei denn, die Biolandwirtschaft wird staatlich verordnet. Dann sei es aber vorbei mit preisgünstigen Lebensmitteln. Jeder der heute Lebensmittel produziert, muss schließlich mit der Natur kämpfen, was die Verbraucher noch nicht begriffen haben. Auch ein Biobauer könne nur existieren, wenn er zu diesen Kampf bereit ist, denn Unkraut muss in irgendeiner Form vom Acker, sonst würde langfristig kein Getreide mehr wachsen. Am Ende hätten sich aber die Verbraucher die Suppe selbst eingebrockt, die jetzt die Bauern auslöffeln müssen. Solange die Mehrheit beim Lebensmitteleinkauf auf einen möglichst günstigen Preis aus ist, könne der Bauer oft nicht mal seine Grundkosten decken. Hinzu kommen für den Bauer das Wetter- und Krankheitsrisiko im Tierbestand.

"Dann ist es nicht selten, dass erst nach den Subventionszahlungen das Konto mal wieder im Plus ist", stellte Kreisobmann Johann Drexel fest. Genau diese für die meisten Bauern lebensnotwendige Hilfe würde aber wieder vom Verbraucher als überflüssig abgetan werden, wusste dann "Bauer Willi" anzumerken. Dass auch andere Wirtschaftsbereiche staatliche Subventionen bekommen, wird dagegen in der Öffentlichkeit nicht erwähnt, ergänzte ein Jungbauer. Bleibt zu hoffen, dass nach und nach der ständige "Missverständnis-Kreislauf" rund um die Bauernschaft durch mehr Wohlwollen von allen Beteiligten unterbrochen wird.

Georg Johannes Miller

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