"Mein Leben mit den Toten"

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Der Oberpräparator der Pathologie des Klinikums München-Schwabing, Alfred Riepertinger, berichtete im Rahmen der Brucker Zeitgespräche von seiner Arbeit

Fürstenfeldbruck – „Ich bin manchem Toten näher gekommen, als es zu seinen Lebzeiten möglich gewesen wäre“, sagte Alfred Riepertinger, medizinischer Oberpräparator am Institut für Pathologie in München-Schwabing. Aus dem Stegreif würden ihm keine Gelegenheiten einfallen, bei denen er Franz Josef Strauß, Rudolph Moshammer oder Roy Black beispielsweise hätte kennenlernen können. Aber alle lagen sie bei ihm auf dem Tisch. „Ich habe sie sozusagen von einer Seite kennengelernt, von der sie sich selbst niemals gesehen haben.“

Die Zuhörer im bis auf den letzten Platz gefüllten Gemeindesaal der Gnadenkirche im Brucker Westen erhielten bei Riepertingers detaillierter Schilderung über seine berufliche Tätigkeit mehrmals Gelegenheit zum Schmunzeln. Der Präparator hat Respekt vor den Personen, die vor ihm auf dem Seziertisch liegen. Trotzdem kann er seinem Beruf aber auch eine humorvolle Seite abgewinnen. Während die meisten Menschen eher eine ziemliche Scheu vor dem Thema Tod zeigen und sich vor Toten gruseln, sie weder sehen noch berühren wollen, ist der Tod für Albert Riepertinger dagegen Alltag. 

Warum ihn die Arbeit mit Toten fasziniert und er seinen Beruf, über den er auch ein Buch mit dem Titel „Mein Leben mit den Toten“ geschrieben hat, gar als Traumberuf bezeichnete, davon erzählte der 60-Jährige bei seinem einstündigen Vortrag im Rahmen der Brucker Zeitgespräche. So erfuhren die Zuhörer, dass sich Riepertinger bereits als Vierjähriger für Leichenwagen, Friedhöfe und den Tod interessiert habe und sein Vater dieses Interesse unterstützt habe. Doch zunächst machte Riepertinger eine Ausbildung als Werkzeugmacher, nebenbei half er aber schon in einem Bestattungsunternehmen aus. Seinen Zivildienst absolvierte Riepertinger im Schwabinger Krankenhaus und blieb anschließend gleich dort. 

Als Quereinsteiger ließ er sich zum Präparator ausbilden. Und das war die richtige Berufswahl, sagt Riepertinger auch nach 40 Jahren noch, wobei der er unter seinen Kollegen längst als Koryphäe gilt. Für ihn gehören die Toten zum Leben. Opfer schwerer Verbrechen, Unfalltote oder Suizidfälle: Riepertinger hat die Leichname so hergerichtet, dass man sie wieder erkannt hat. Dank seiner Arbeit können die Angehörigen in Würde Abschied nehmen. „Ich bin kein Pathologe, kein Arzt und habe auch nicht studiert“, erklärt Riepertinger. „Ich bin Techniker, quasi Medizintechniker.“ Und als solcher sorgt er dafür, dass sich die Angehörigen angemessen verabschieden können. „Wenn das nicht möglich ist, haben sie häufig ein Leben lang ein Problem, ein psychisches Trauma damit.“ Riepertinger berichtete, dass 44 Prozent der Mediziner Probleme mit Toten haben, einige würden sich sogar vor ihnen ekeln. 

Der Präparator erläuterte die drei äußeren Zeichen, an denen man erkennt, dass ein Mensch sicher tot ist. Das sind Leichenflecke, Leichenstarre und Fäulnis. Riepertinger könne auch nicht bestätigten, dass der Geruch eines Verwesenden süßlich sei, eher modrig, meinte er. „Eine Leiche ist auch nicht giftig“, klärte er auf. Als abgebrüht will sich Riepertinger nicht bezeichnen. Wenn er das wäre, dann wäre er nicht in der Lage mit einer Leiche pietätvoll umzugehen. Es gebe tiefgreifende Momente, wenn er Kinder, vor allem, wenn sie umgebracht worden sind, auf dem Seziertisch liegen habe. Das sei das Schlimmste in seiner Arbeit. „Da steht man dann schon mit der Faust in der Tasche da.“

Dieter Metzler

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