Champagner und Tränen für die Freiheit - Die Deutsch-Türkin Ayse Auth las auf Einladung der Landkreis-FrauenUnion in der Brucker Stadtbibliothek

Gabriele Off-Nesselhauf, Germeringer Stadträtin und Kreisvorsitzende d. FrauenUnion FFB, mit der Autorin Ayse Auth nach ihrer Lesung in der Brucker Aumühle. Foto: Günter Schäftlein

Zuviel Champagner gab es in der Lebensbeichte auf 416 Buch-Seiten von Ayse Auth bisher nicht; dazu hätten auch besser die Schiller-Worte „Mit allen seinen Tiefen, seinen Höhen …“ gepasst. Schon ihre Geburt 1967 in Darmstadt-Jugenheim nach der Zwillingsschwester Hatice verlief selbst für die Hebamme unvermutet: „Moment mal, da kommt ja noch jemand!“

Leid, Rückschläge hat die junge und dann auch nicht mehr so ganz junge Ayse genug erfahren, wenn auch zwischendurch mal von Glücksmomenten überstrahlt. Hineingeboren „in gleich drei Gemeinschaften: In die Familie, den Islam und das türkische Vaterland … Und alle drei haben eines gemeinsam: Sie versuchen stets, über dich zu bestimmen.“ Doch das ging auf Dauer mit dieser erwachsen werdenden, eigenwilligen, heute 44jährigen Frau, Mutter, Unternehmerin und Autorin nicht zu machen, die am 29. Okt. 2005 auf einer Malediveninsel „an das Universum“ einen nicht abgesandten Wunschzettel für ein Frisörgeschäft in München richtete. Das hat sie dennoch 2006 erreicht, weil sie immer ihren Träumen, an ihren Erfolg, ihrem Bauchgefühl, an sich selbst geglaubt und vertraut hat. Trotz des durch Kindstod verlorenen (Zwilling-)Sohnes Cem, erst einige Monate alt, trotz eines bösartigen Nieren-Tumors mit 22 Jahren („Die Lage ist sehr ernst. Sie müssen sofort operiert werden.“). Trotz des familiären Bruchs mit ihren Eltern über Jahrzehnte. Trotz der fünf Männer, die bisher ihren Lebensweg kreuzten: Mit Bekir, ihrem ersten, türkischen Ehemann aus einer Notsituation heraus, um einer angedrohten Zwangsheirat zu entgehen, Vater des überlebenden Zwillings Cenk - und den sie aus Gründen der Selbstbefreiung verlässt. Frank, ihr zweiter Ehemann, dessen Namen sie heute noch trägt, mit dem sie eine glanzvolle Champagnerhochzeit mitten auf dem Bosporus feiert, wobei er sich per Boot von der europäischen und sie von der asiatischen Seite annähert - um sich nach zwei Jahren endgültig wieder voneinander zu entfernen. Und dann noch die anderen Männer, glückliche Zeiten, aber nicht zum Festhalten für immer und ewig: Georg, Christoph, Marcus. Mitte 2008 schreibt Ayse Auth in München aufatmend „Ich, Ayse, bin endlich frei.“ Und: „Wer weiß, vielleicht bin ich gerade dabei, mich selbst lieben zu lernen.“ Die Stylistin und Friseuse mit der Leidenschaft, Schönheit und weibliche Zufriedenheit zu zaubern - „um intensiveres Leben zu wecken“ - findet in ihrer geschäftlichen Verbindung mit der Zwillingsschwester Hatice („Hati“) ihren beruflichen Aufstieg: Zunächst in Darmstadt, dann als ‚HaarWerk’ in Frankfurt/Main in die Selbständigkeit. Hier zunächst in Sachsenhausen, dann an prominenter Stelle in der City in der ‚Fressgass’ als Geheimtip. Mit ihrem Team gewinnen die Schwestern 1996 den ersten deutschen Wettbewerb des intern. Kosmetikkonzerns L’Oréal, die Colour-Trophy, in Düsseldorf - unter insgesamt 1000 Mitbewerbern. Das ZDF meldet sich bei ihnen für die Make-up-Beratung der Moderatorinnen und sendet eine Dokumentation „Aus zwei Welten“. Ayse holt, lange nach ihrer Frisörlehre, die Meisterprüfung in einem Crashkurs nach. 2009 veranstalten die beiden Schwestern zu Gunsten von notleidenden Kindern in der Türkei und in Deutschland eine Riesen-Benefiz-Gala im Frankfurter ‚Palais am Zoo’, bei dem es beinahe zu einem falschen Bombenalarm kommt. Trotz der Aufregung verbleibt ein ansehnlicher Spendenbetrag. 2000 gelingt es Ayse, sich mit den Eltern wieder auszusöhnen. Und ‚Baba’ und die gehorsame Mama müssen einsehen, dass sie ungewöhnliche, lebenstüchtige Zwillinge haben. Obwohl die älteren Schwestern in der kinderreichen Familie öfter hinterfragen „Wie stehst du zu deinen türkischen Wurzeln, Ayse?“, sieht sie sich selbst als ‚zwischendrin’, als türkisch und deutsch, aber auch als ganz neutral. Sie denkt noch immer an die strenge Großmutter Babanne, die sie und Schwester Hatice seit dem Baby-Alter bis zum 16. Lebensjahr im fernen, türkischen Susurluk aufzog. Mit Ramadan und Freitagsgebet. Zeitweise hat sie die Oma „richtig gehasst“, weil die so lebenstüchtig und zielstrebig war. Schreibt aber heute über sie „Sie steht mir nicht nahe, nein, mehr als das: Sie lebt in mir.“ Ayse Auth verzichtete bei ihrer Lesung in der Aumühle auf ihr Honorar zugunsten eines Projektes des Frauenhauses FFB.

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