SPD Olching lud zu Vortrag und Diskussion zur Krisenregion Naher Osten mit Clemens Ronnefeldt ins KOM

"Ein Krieg mit vielen Strippenziehern"

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 Zusammen mit dem UN-Korrespondenten Andreas Zumach moderierte Ronnefeldt diese Konferenz in der evangelischen Akademie Bad Boll im Jahre 2011, jetzt referierte er auf Einladung der SPD Olching (Foto)

Olching - Um die Krisenregion  Naher Osten und die Verantwortung der westlichen Welt ging es vor kurzem bei einem Vortragsabend der SPD Olching im KOM. Eingeladen war Clemens Ronnefeldt vom christlich-pazifistischen Internationalen Versöhnungsbund. Der Referent präsentierte eine kompakte Zusammenfassung der vielschichtigen Hintergründe der Auseinandersetzungen und plädiert für eine nichtmilitärische Strategie als Lösungsansatz.

 Ungeteilte Zustimmung fand sein Fazit nicht. Die Fraktionsvorsitzende Marina Freudenstein begrüßte den Referenten und die knapp 40 Besucher. Nach den Terroranschlägen von Paris sei es nicht einfach, die Frage nach der Verantwortung des Westens für die eskalierte Situation in Syrien, Irak und Afghanistan zu stellen. Verantwortlich für diesen internationalen dschihadistischen Terror seien allein die Terroristen und deren Hintermänner stellt Freudenstein klar. Ronnefeldt erklärte, wie komplex die Situation, wie viele Interessengruppen versuchen, Einfluss zu nehmen und wie dramatisch die derzeitige Lage sei. 

Clemens Ronnefeldt

In seinem Vortrag spannte er einen großen historischen Bogen. Afghanistan betreffend zeigte  er auf, dass es bereits Monate vor dem sowjetischen Einmarsch im Dezember 1979 eine verdeckte amerikanische Unterstützung der oppositionellen und fundamental-islamischen Mudschaheddin gegeben hat. Dadurch wurde die Gefahr einer sowjetischen Intervention bewusst in Kauf genommen, wodurch wiederum die USA zum Geburtshelfer der radikalen Taliban und von Al Qaida geworden sind mit der Folge eines bis heute andauernden Bürgerkrieges und der Destabilisierung der gesamten Region. Auch für den Krieg im heutigen Syrien gibt es eine lange Kette sehr unterschiedlicher europäischer und russischer Interessen, die die aktuelle Situation zumindest indirekt stark beeinflusst haben. Rund 400 Jahre war Syrien Teil des osmanischen Reichs, das mit dem 1. Weltkrieg zerfiel. Frankreich und Großbritannien teilten noch während des 1. Weltkrieges den gesamten vorderen Orient neu unter sich auf. Die damaligen Grenzziehungen mit dem Lineal berücksichtigten vor allem die geo-strategischen und wirtschaftlichen Interessen Frankreichs und Großbritanniens und wirken spannungsreich bis heute.

"Die arabischen Völker wurde mit ihren Interessen nicht berücksichtigt", so der Referent. Mit dem Machtantritt nach einem Putsch von Hafiz al-Assad, begann in Syrien 1970 die Herrschaft der Familie Assad. Weil diese zur Minderheit der Alawiten zählt - einer Abspaltung der schiitischen Glaubensrichtung -, achteten Vater und Sohn Assad strikt darauf, das Land säkular zu verwalten. 1982 richtete Hafiz al-Assad in der Hochburg der sunnitischen Muslimbrüder in Hama ein Massaker an, dessen Folgen bis heute im aktuellen Krieg nachwirken.

Clemens Ronnefeldt machte deutlich, dass 2011 nach gewaltfreien Protesten die Bürgerbewegung sehr bald von ausländischen Kräften massiv militarisiert wurde. Katar und Saudi-Arabien bezahlten Tausende Kämpfer aus rund 40 verschiedenen Staaten, darunter auch mehrere hundert Deutsche, die in verschiedenen Gruppierungen Krieg gegen die Regierungstruppen Assads führen. Unterstützt werden die Rebellen auch von westlichen Staaten, darunter die Türkei, USA, Frankreich und Großbritannien. Sie wollten mit Bashar al-Assad den wichtigsten Verbündeten Irans stürzen, um damit auch die Regierung in Teheran zu schwächen. Diese wiederum unterstützt die schiitische Hisbollah im Libanon, wobei Syrien Waffen aus Iran in den Libanon passieren lässt. Dadurch übe Syrien Druck auf Israel aus und fordere die Rückgabe der von Israel annektierten Golanhöhen.

Russland hat im syrischen Tartus den einzigen Mittelmeerhafen, der von russischen Kriegsschiffen angelaufen werden kann - und unterstützt daher die Assad-Regierung. Da Katar eine Erdgasleitung durch Syrien legen wollte, die dem russischem Gas Konkurrenz in Europa hätte machen können, versucht entsprechend Katar die syrische Regierung zu stürzen, nachdem die Pipeline-Verhandlungen kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 gescheitert waren.

 Inzwischen sei eine Pattsituation eingetreten, in der weite Teile des Landes von unterschiedlichsten Milizen und Rebellengruppen und nur noch etwa ein Drittel des Landes von der syrischen Regierung kontrolliert werden, erläuterte der Referent - und ergänzte: "Nachdem Syrien seit Jahren vor allem auf die Unterstützung aus Russland zählen konnte, halten inzwischen auch viele westliche Staaten die säkulare Regierung Assad für das kleinere Übel gegenüber Al-Nusra-Front, Al Qaida oder den Milizen des sog. 'Islamischen Staates'". Am Beginn einer Deeskalation stünde, den Nachschub von Waffen und Kämpfern für beide Seiten zu stoppen und einen Waffenstillstand zu verhandeln, der dann von UN-Blauhelmen überwacht werden könnte. "Notwendig sind auch nationale Dialogforen, um einen Versöhnungsprozess der rivalisierenden Gruppen einzuleiten und ein endgültiges Auseinanderfallen des Staates zu verhindern", so der Referent, der sich für ein striktes Verbot von Rüstungsexporten in die Spannungsregion aussprach. Er fordert auch eine Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit aller betroffenen Länder. Der Konflikt könne militärisch nicht gelöst werden, davon ist Ronnefeldt überzeugt. Im Anschluss an den Vortrag wurde darüber lebhaft und kontrovers diskutiert.

Marina Freudenstein

Zum Internationalen Versöhnungsbund:

Der Versöhnungsbund wurde auf einer internationalen Konferenz 1914 in Konstanz gegründet. Christen aus verschiedenen Ländern versuchten, den drohenden Krieg abzuwenden, weil sie Kriege grundsätzlich für unvereinbar mit dem Geist Christi hielten. Der Kriegsausbruch führte zum Abbruch der damaligen Konferenz. Die Teilnehmer jedoch gründeten anschließend den Versöhnungsbund als pazifistischen Verband in England und den USA, nach dem Krieg ebenfalls in Deutschland.

1919 schlossen sich Zweige aus zehn Ländern im Internationalen Versöhnungsbund zusammen. Der bestehende Militarismus - dies war das Hauptziel der Gründer - sollte überwunden und die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung durchgesetzt werden.

Im 2. Weltkrieg politisch verfolgt - Der kath. Priester Max Josef Metzger und der evangelische  Publizist  Hermann Stöhr wurden ermordet

 Im 2. Weltkrieg wurden viele Mitglieder des deutschen Versöhnungsbundes inhaftiert, weil sie den Dienst mit der Waffe verweigerten; zwei von ihnen - der katholische Priester Max Josef Metzger und der evangelische Publizist Hermann Stöhr wurden wegen dieser Entscheidung umgebracht.

 Nach dem Krieg sah man sich vor neue Aufgaben gestellt: die Versöhnungsarbeit zwischen West und Ost, die Solidarität im Einsatz für Befreiung in Ländern der 2/3 Welt, der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen.

Die Arbeit des Verbandes trug auch in Deutschland zur Gründung vieler wichtiger Initiativen in der Friedensarbeit bei, darunter Aktion Sühnezeichen, Ohne Rüstung Leben, Bund für Soziale Verteidigung, Kampagne gegen Rüstungsexport, Forum ZFD, Plattform zivile Konfliktbearbeitung. Präsentation von Volker Grotefeld, die er für den IFOR-Council 2006 erarbeitet hat.

Arbeitsfelder:

Analyse der friedens-, interventions- und rüstungsbezogenen Politik und Entwicklung von gewaltfreien und gerechten Alternativen.

 Internationalen Austausch,  Einübung einer Kultur der Gewaltlosigkeit: Gewaltfreie Trainings, Mediation, Gewaltfreie Kommunikation, Programme an Schulen, Ansätze zu gewaltfreier Kindererziehung,  Förderung der Theorieentwicklung im Bereich Gewaltfreie Aktion, Ziviler Friedensdienst, Soziale Verteidigung Förderung von Friedens- und Versöhnungsinitiativen im Internationalen Rahmen (z.B. durch die Veranstaltung von Begegnungen zwischen im Konflikt lebenden Menschengruppen, der Unterstützung von Friedensgruppen in Krisengebieten (z.B. im ehemaligen Jugoslawien) oder der Projekt "Einfühlsam zuhören",  Entwicklung einer Spiritualität der Gewaltlosigkeit Förderung der Kultur der Gewaltlosigkeit in den Kirchen, von daher auch Mitinitiierung und Unterstützung der Dekade zur Überwindung der Gewalt. Interreligiöser Austausch zu Fragen eines gerechten Wirtschaftens.

 

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