Ich bin dann mal offline – Sechs Wochen ohne Internet und Handy – Lesung in der Stadtbibliothek mit dem in Bruck gebürtigen Autor Christoph Koch

Bei der Lesung in der Fürstenfeldbrucker Stadtbibliothek gab der Journalist, Autor und ehemalige Brucker Christoph Koch einen Einblick in seine selbstgewählte „elektronische Abstinenz“. Foto: Günter Schäftlein

Die Hörer in der Stadtbibliothek Aumühle erlebten mit dem Lese-Auftritt des in Bruck gebürtigen Autors Christoph Koch eine Lehrstunde in der Kommunikations-Ambivalenz moderner Zeiten. „ich bin dann mal offline“ ist ein Buch über den Selbstversuch in knapp sechs Wochen, bis auf den Festnetzanschluß alles Elektronische auszuschalten, was Menschen verbindet.

„Aber, wer benutzt denn heute noch das Festnetz???“ Fast minutiös wird alles von Koch beschrieben, was sich zwischen Tag 1 und 40 im Januar/Februar 2010 Wesentliches ereignete. Und das Wichtigste für ihn war die Erfahrung, nicht mit und in jedem Lebensbereich erreichbar sein zu müssen und das Erlebnis der Stille wie ein Geschenk begrüßt zu haben. Genauso, wie ein Unbekannter kürzlich beschrieb: „Wir sind zwar sehr viel schneller geworden - aber nicht besser!“ Wie groß die Versuchung einer permanenten Erreichbarkeit ist, beschreibt der Autor unter „Die Falle schnappt zu“ bereits am Tag Null seines Enthaltsamkeits-Selbstversuchs. „Ich versuchte noch, so viel wie möglich im Internet unterwegs zu sein und SMS-Botschaften mit dem Handy zu versenden. So, als könne man auf Vorrat kommunizieren. Oder so, wie ein Raucher am Silvesterabend noch eine komplette Zusatzschachtel wegqualmt.“ Zu den Irrungen und Wirrungen in Entzugszeiten gehörte schon am Tag 2 die Geschichte eines kanadischen Freundes aus Ontario, den er zufällig anrief. Der hatte Jahre zuvor zwei einsame Wochen auf einer Hütte in den Rocky Mountains zum Angeln verbracht, aber sein Handy aus Sparsamkeitsgründen zu Hause gelassen. Dessen Freundin Emily hatte den Trip zwar mitbekommen, aber dennoch völlig verdrängt. Und so schrieb sie ihm zwischen dem 1. Juni 11.31 Uhr und 14. Juni 8.21 Uhr insgesamt 11 Mails, ohne je eine Antwort zu erhalten. Mails zwischen Fragezeichen, Enttäuschung, Wut, wüster Beschimpfung, „Ich hasse Dich!“, Untreue und - nach Aufklärung der Angelegenheit - mit einer letzten, nachrichtlichen Bitte: „JD, wenn Du mich liebst, löschst Du alle anderen Mails vorher!“ Nachdem er alles Vorherige gelesen hatte, waren Freundschaft und Liebe dann doch zu Ende. Christoph Koch, der in Berlin lebt, versucht an den Tagen 19 und 26 den jüdischen Rabbiner Yitzhak Ehrenberg privat zu erreichen. Es geht um den Sabbat, an dem ein Gläubiger weder Telefon noch Computer benutzen darf. Ehrenberg, 60 Jahre alt, kümmert sich um die Belange der gesamten jüdisch-orthodoxen Gemeinde von Berlin, offiziell 12.000 und „in der Realität bestimmt über 50.000 Juden“. Koch erfährt, dass Computer am Sabbat tabu sind, genauso wie Alltagssorgen, normales Arbeiten, Kreatives wie Malen oder Musizieren, aber auch Kochen und Feuermachen. Sabbat ist „Zeit nehmen für mich selbst, meine Seele, meinen Glauben, meine Familie.“ Christoph Koch sieht sich in diesem Zusammenhang selbst als „nicht religiös - von einer leicht kultischen Verehrung für die Produkte der Firma Apple einmal abgesehen …“ Vor einiger Zeit hat er die Amish People in Missouri/USA besucht, die Religionsgemeinschaft mit den auffälligen Hüten und Pferdekutschen - ohne feste Stromversorgung, Autos, „dafür in Demut und Bescheidenheit“. Vor über 300 Jahren wegen ihres Glaubens aus der Schweiz und Süddeutschland geflüchtet. Heute 227.000 Menschen in den USA. Tendenz dank rund 8 Kinder pro Familie und normaler Lebenserwartung stark steigend. Koch lernte einen 54jährigen Schreiner mit Farm und verbindlicher Gründlichkeit kennen: „Wir lehnen nicht jeden Fortschritt ab. Wir machen nur nicht jede neue Entwicklung automatisch mit.“ Unter Tag 23 beschreibt der Autor den Geräuschesammler Gordon Hempton, den er mit seiner Frau Jessica im Olympic National Park in der Nähe von Seattle/USA besucht hat. Hempton sammelte den Klang alter Lokomotiven ebenso wie Aufnahmen vom Wind in den Anden. „Dass es neben den Müllkippen auch eine akustische Umweltverschmutzung gibt, haben bisher nur die Wenigsten begriffen.“ 1983 konnte er auf einer Rundreise durch die USA noch 21 Orte finden, in denen mindestens 15 Minuten lang kein von Menschen produziertes Geräusch zu hören war. Heute sind es nur noch drei. Tag 41. Christoph Koch lädt exakt 1024 Mails herunter, löscht davon 1000 und starrt ungläubig auf das Display seines Mobiltelefons. Seine Rückkehr in die digitale Wirklichkeit fällt verhältnismäßig unspektakulär aus. Und seine Freunde feiern die Wiederaufnahme der technischen Normalität mit einem „Oh! Du bist wieder online!“ Trotzdem ist nicht alles so wie vorher. Er flüchtet für einen halben Tag in die Bibliothek. Die Stille dort erinnert ihn an die Tage zuhause, in denen er dies ständig hatte. „ich bin dann mal offline“ von Christoph Koch, ck@CHRISTOPH-KOCH.NET

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